RWE, Tesla & Datenvolumen-Rekord: Wenn Energiekonzerne Prognosen wagen, Analysten optimistisch werden und Silvester die Netze sprengt
Liebe Leserinnen und Leser,
320 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung – so viel ist Tesla aktuell nicht wert. Tatsächlich liegt der Elektroautopionier bei rund 1,5 Billionen Dollar. Doch genau diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität zeigt, wie schwierig Bewertungen im aktuellen Marktumfeld geworden sind. Während Analysten für 2026 von einem "bountiful year" für Tesla sprechen, senken Energieversorger in Deutschland ihre Preisprognosen – und die Deutschen feierten Silvester mit einem Datenvolumen-Rekord, der selbst die Netzbetreiber überraschte. Drei Geschichten, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, aber viel über die Verfassung unserer Märkte verraten.
Tesla: Wenn Analysten trotz Gegenwind optimistisch bleiben
George Gianarikas von Canaccord Genuity wagt eine mutige These: 2026 wird ein "reichhaltiges Jahr" für Tesla. Seine Begründung? Der Elektroautohersteller steht vor der Skalierung seiner CyberCab- und Optimus Gen 3-Programme, die Semitruck-Produktion könnte beschleunigt werden, und das Energiespeicher-Geschäft wächst mit dem Launch des Megapack 3 weiter.
Doch der Analyst räumt ein: Der US-Markt durchläuft gerade eine schmerzhafte Neuordnung. Das Auslaufen der bundesweiten EV-Subventionen belastet die kurzfristige Nachfrage erheblich. Was Gianarikas als "gesunde und nachhaltigere Phase" beschreibt, fühlt sich für viele Anleger nach Stillstand an. Die Preise normalisieren sich, schwächere Modelle verschwinden vom Markt – und der Wettbewerb konzentriert sich zunehmend auf Hersteller mit dedizierten EV-Plattformen, Software-Kompetenz und Kostendisziplin.
Hier sieht Canaccord Tesla klar im Vorteil: Als einziger Hersteller in den USA verfügt das Unternehmen über ein vollständig skaliertes und integriertes EV-Geschäft. Rivian wird als einziger ernsthafter Herausforderer für den Massenmarkt genannt. Gianarikas wendet ein 46-faches Multiple auf seine Non-GAAP-Gewinnschätzung von 11,98 Dollar je Aktie für 2028 an – und kommt so auf ein Kursziel von 551 Dollar. Die Premium-Bewertung spiegelt die langfristigen Wachstumschancen in Robotik, autonomem Fahren und Energiespeicherung wider. Doch der Analyst warnt: Die implizierte Umsetzung lässt wenig Raum für Fehler.
RWE: Günstigere Preise und politische Hängepartien
Während Tesla mit Bewertungsfragen kämpft, macht RWE-Chef Markus Krebber deutschen Verbrauchern Hoffnung: Gas und Strom werden billiger. Die Großhandelspreise beim Strom seien stabil, und durch die staatlichen Zuschüsse bei den Netzentgelt werden viele Stromkunden 2026 spürbar entlastet – laut Verivox um etwa 77 Euro brutto bei einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden.
Mittelfristig erwartet Krebber stabile Preise, da günstigere Erzeugung und steigende Netzentgelte sich die Waage halten. Auch beim Gas sieht der RWE-Chef fallende Preise voraus – getrieben durch ein wachsendes Angebot an Flüssiggas (LNG). Für RWE, das seinen Strom unter anderem in Gaskraftwerken erzeugt, eine gute Nachricht: In den nächsten zwei Jahren dürfte der Konzern von sinkenden Gaspreisen profitieren.
Doch Krebber mahnt: "Das Energiesystem ist auf Kante genäht, das ist riskant." Bei einem normal kalten Winter sei die Gasversorgung gesichert, doch bei extremer Kälte oder Lieferausfällen werde es eng. Sein Appell: Die LNG-Terminals müssen ausgebaut werden. Gleichzeitig fordert der RWE-Chef Tempo bei der Ausschreibung neuer Gaskraftwerke. "Wir brauchen im ersten Quartal 2026 die Ausschreibung, dann können die ersten Gas-Blöcke bis Ende 2029 in Betrieb gehen", so Krebber. RWE will 2030 aus der Kohle aussteigen und drei Gigawatt an neuen Gaskraftwerken bauen – doch die politische Unsicherheit bremst die Planung.
Für einen möglichen Weiterbetrieb der Braunkohle-Kraftwerke nach 2030 stellt Krebber klare Bedingungen: Der Staat müsse die Reserve organisieren und die CO2-Zertifikate bezahlen. "Wir halten die Anlagen dann nur noch gegen Kostenerstattung im Auftrag der Regierung bereit." Beim Personal sorgt RWE vor: Statt wie geplant auf 2.000 Mitarbeiter in der Braunkohle zu schrumpfen, würden bei einem verlängerten Betrieb weniger Beschäftigte über Anpassungsgeld in den Ruhestand gehen.
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Silvester-Rekord: Deutschland im Datenrausch
Während Energiekonzerne und Autobauer über Zukunftsstrategien grübeln, haben die Deutschen in der Silvesternacht einen bemerkenswerten Rekord aufgestellt: So viel Datenvolumen wie nie zuvor wurde zwischen 20 Uhr und 3 Uhr übertragen. Im Vodafone-Netz waren es 4,5 Millionen Gigabyte – 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei der Deutschen Telekom wurden 3,9 Millionen Gigabyte registriert (plus 35 Prozent), O2 Telefónica verzeichnete 5,7 Millionen Gigabyte (plus 3,6 Prozent).
Der unterschiedliche Zuwachs erklärt sich durch die Umstellung bei 1&1: Mehrere Millionen Mobilfunkkunden werden inzwischen mit dem Vodafone-Netz verbunden statt mit dem O2-Netz – was die Wachstumsraten verschiebt. Vodafone-Chef Marcel de Groot sieht technische Ursachen für den Datenanstieg: "Es gibt immer weniger Funklöcher und an immer mehr Orten schnellen 5G-Mobilfunk – auch auf dem Land." Weil die Netze stärker seien, steige die Nutzung.
Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig: mehr Video-Telefonate, hochauflösende Selfies, eine steigende Zahl von KI-Anfragen und das Streaming von Videos per Mobilfunk. Auch die klassische Telefonie erlebte ein Comeback: Allein im Vodafone-Netz wurden in der ersten Stunde des neuen Jahres 7,5 Millionen Telefonate geführt – 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei O2 Telefónica waren es ebenfalls über sieben Millionen Gespräche. Die blieben traditionell kurz: Im Schnitt benötigten die Menschen 78 Sekunden, um Familie und Freunden ein frohes neues Jahr zu wünschen.
US-Politik: TD Cowen warnt vor "massiven" Risiken
Jenseits der operativen Geschichten zeichnet sich ein politisch unruhiges Jahr ab. TD Cowen warnt, dass die Bandbreite möglicher politischer Entwicklungen in den USA 2026 "wahrscheinlich so groß ist wie nie zuvor". Die Analysten identifizieren zehn Bereiche, die Investoren genau beobachten sollten.
An erster Stelle stehen Erwartungen für Rekord-Steuerrückerstattungen, getrieben durch neue steuerliche Vergünstigungen. Die Regierung setze auf eine "Goldene Ära"-These, die teilweise auf einer rekordverdächtigen Steuerrückerstattungs-Saison von etwa 100 Milliarden Dollar basiere – angeführt von neuen Steuererleichterungen wie der Befreiung von Trinkgeldsteuern.
Weitere Risikofaktoren: breite Deregulierung im Finanzsektor (Basel 3, Unternehmensberichterstattung), Energie, Kartellrecht und M&A. Die bevorstehende Supreme Court-Entscheidung zu IEEPA-Zöllen könnte erhebliche Auswirkungen auf Unternehmensrückerstattungen haben. Unsicherheit herrscht auch bei den Affordable Care Act-Subventionen – TD Cowen sieht zweijährige Verlängerungen mit Einkommensobergrenzen als "Mittelweg".
Budgetfristen bleiben ein Risiko: Mögliche Regierungsstillstände drohen am 31. Januar und 1. Oktober. Die Einwanderungspolitik ist ein weiterer Brennpunkt, mit konkurrierenden Ansätzen zwischen "Deportation" und "rechtlichen Beschränkungen" – die Regierung hat ein erklärtes Ziel von einer Million Abschiebungen pro Jahr.
Saxo Bank: Wenn absurde Prognosen wahr werden
Apropos Prognosen: Die Saxo Bank ist bekannt für ihre jährlichen "Outrageous Predictions" – Thesen, die nicht richtig sein sollen, sondern empörend. Doch manchmal holt die Realität selbst die unwahrscheinlichsten Szenarien ein.
Ole S. Hansen prognostizierte 2022 einen Goldpreis von 3.000 Dollar – damals bei 1.800 Dollar eine absurde Vorstellung. Im März 2025 wurde die Marke geknackt, inzwischen liegt Gold über 4.300 Dollar. John J. Hardy sah bei einem Trump-Comeback einen massiven Dollar-Verfall voraus – der tatsächlich eintrat, wenn auch aus komplexeren Gründen. Und Hardys Prognose zu NVIDIA – das Unternehmen würde doppelt so viel wert wie Apple – kam zwar nicht ganz hin, aber der Chip-Gigant kletterte zeitweise um fast 50 Prozent über Apples Bewertung.
Die Lehre? Manchmal lohnt es sich, das Unvorstellbare in Betracht zu ziehen. Nicht als Gewissheit, sondern als Denkanstoß – genau wie bei Teslas Premium-Bewertung, RWEs Energiewende-Dilemma oder dem Datenvolumen-Boom an Silvester.
Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Start ins Jahr 2026!
Herzliche Grüße
Andreas Sommer








