Orcels Zangenangriff, Berlins Nein zu Trump und Bitcoins stille Flucht
Liebe Leserinnen und Leser,
„Es ist jetzt an der Zeit, zu sprechen." Wenn ein Bankchef diesen Satz in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz wählt, meint er das Gegenteil eines gemütlichen Plauschs. Andrea Orcel, CEO der UniCredit, hat an diesem Montagvormittag die diplomatischen Samthandschuhe abgestreift – und damit eine neue Phase im Ringen um die Commerzbank eingeläutet.
Am Wochenende schrieb ich Ihnen, die Straße von Hormus bleibe der Dreh- und Angelpunkt für die Weltwirtschaft. Daran hat sich nichts geändert. Was sich geändert hat: In Frankfurt ist eine zweite Front aufgebrochen. Und in der Krypto-Welt setzt sich eine Kapitalverschiebung fort, die zunehmend schwer zu ignorieren ist.
Angriff auf Frankfurt: Orcel erzwingt den Showdown
Die UniCredit legt ein freiwilliges Tauschangebot für die Commerzbank vor. Das Ziel: die 30-Prozent-Schwelle durchbrechen. Das Angebot: 0,485 UniCredit-Aktien je Commerzbank-Papier, umgerechnet 30,80 Euro – ein Aufschlag von vier Prozent auf den Freitagskurs.
Orcels Kalkül ist durchsichtig und gerade deshalb wirkungsvoll. Er will die Gespräche, die das Commerzbank-Management ihm bislang verweigert, über den Umweg der Aktionäre erzwingen. Betriebsratschef Sascha Uebel fand drastische Worte: Das Vorgehen sei „geschäftsschädigend", „unabgestimmt" und schlichtweg „feindlich". Die Börse sieht das gelassener. Die Commerzbank-Aktie stützte den DAX am Mittag, der sich bei 23.483 Punkten erstaunlich robust hält – für einen Markt, der gleichzeitig mit einem Ölpreis jenseits der 100 Dollar leben muss.
Der Preis der Eskalation: Brent über 106 Dollar
Und damit zur Straße von Hormus. Brent hat die Marke von 106 US-Dollar pro Barrel durchbrochen. Die Ursache: US-Schläge gegen die iranische Insel Kharg – über die 90 Prozent der iranischen Ölexporte laufen – und die faktische Sperrung der Meerenge für den kommerziellen Schiffsverkehr.
Die Kettenreaktionen sind in voller Härte spürbar:
- Industrie: Aluminium Bahrain drosselt 19 Prozent seiner Kapazität – drei von 16 Produktionslinien stehen still. Der Aluminiumpreis an der LME schießt auf über 3.416 Dollar pro Tonne, ein Plus von zwölf Prozent im Monatsvergleich.
- Verbraucher: Super E10 kostet in Deutschland im Schnitt 2,028 Euro pro Liter – erstmals seit Mai 2022 wieder über der Zwei-Euro-Marke. Seit Kriegsbeginn sind das 25 Cent mehr.
- Makro: Das Ifo-Institut warnt: Bei anhaltend hohen Energiepreisen droht die Inflation wieder auf knapp drei Prozent zu steigen, das deutsche Wachstum 2026 könnte auf magere 0,6 Prozent schrumpfen. Stagflation ist kein theoretisches Konstrukt mehr.
Politisch spitzt sich der transatlantische Riss weiter zu. Donald Trump fordert von den Verbündeten Minensucher für die Straße von Hormus. Die Antwort aus Berlin fiel ungewöhnlich scharf aus: „Das ist nicht der Krieg der Nato", stellte Regierungssprecher Stefan Kornelius klar. Auch Außenminister Johann Wadephul erteilte dem Ansinnen eine Absage. Nach Japans Freigabe strategischer Ölreserven am Wochenende – die den Preis kaum bremste – wird damit eine unbequeme Wahrheit sichtbar: Die westliche Allianz hat keine gemeinsame Antwort auf diese Krise.
Digitale Knappheit als Fluchtpunkt
Am Wochenende beschrieb ich die Krypto-Rallye als „fast schon surreal". Sie hat sich fortgesetzt. Bitcoin notiert bei über 73.800 US-Dollar, die achttägige Gewinnserie brachte knapp zehn Prozent Plus auf Wochensicht.
Bemerkenswert ist weniger die Rallye selbst als ihre Begleitumstände. Gold gab zuletzt leicht nach – auf rund 5.002 Dollar pro Unze. Die klassischen sicheren Häfen und ihr digitales Pendant laufen auseinander. Allein in der vergangenen Woche flossen 767 Millionen Dollar in US-Spot-Bitcoin-ETFs. MicroStrategy kaufte im März weitere 18.000 Bitcoin für 1,28 Milliarden Dollar.
Die These dahinter: Wenn physische Lieferketten bedroht sind, sucht ein wachsender Teil des Kapitals Zuflucht in mathematisch garantierter Knappheit. Ob das Kalkül aufgeht, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Kapitalströme sprechen eine eindeutige Sprache – und sie widersprechen dem Insider-Verkauf der Ethereum Foundation, den ich am Wochenende erwähnte. Retail kauft, Architekten verkaufen. Diese Divergenz verdient Beachtung.
Warten auf Huang und Powell
In San Jose eröffnet Nvidia-CEO Jensen Huang heute die GTC-Konferenz. Die Erwartungen an Updates zur neuen Rubin-Architektur und die Enterprise-KI-Nachfrage sind enorm. Hyperscaler sollen 2026 rund 600 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren – Huang muss liefern, um diese astronomischen Bewertungen zu unterfüttern.
Die enormen KI-Investitionen der Hyperscaler werfen für Anleger eine entscheidende Frage auf: Welche Chip-Unternehmen profitieren konkret von diesem Infrastruktur-Boom – und nicht nur Nvidia? In einem kostenlosen Webinar werden vier spezifische Halbleiter-Aktien analysiert, die im Schatten der großen Namen bislang weniger Aufmerksamkeit erhalten haben. Die vorgestellte These: Der Chip-Boom hat gerade erst begonnen, und die eigentlichen Profiteure stehen noch nicht alle im Rampenlicht. Webinar: 4 Chip-Aktien im KI-Infrastruktur-Boom
Morgen und übermorgen richtet sich der Blick dann nach Washington. Die Fed tritt zusammen. Bei einer US-Kerninflation von 3,1 Prozent und explodierenden Energiekosten preisen die Terminmärkte mit über 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein, dass die Zinsen bei 3,5 bis 3,75 Prozent verharren. Die Handlungsblockade, die ich am Wochenende beschrieb, bleibt vollständig intakt. Zinssenkungen bleiben ein Wunschtraum.
Was bleibt
Drei Fronten, ein Markt. In Frankfurt kämpft die Commerzbank gegen eine feindliche Übernahme, am Persischen Golf kämpft die Weltwirtschaft gegen einen Energieschock, und in der digitalen Welt fließt Kapital in eine Anlageklasse, die vor zehn Jahren kaum jemand ernst nahm. Die Volatilität dieser Woche wird nicht nachlassen – sie wird sich mit jeder Pressekonferenz, jedem Fed-Statement und jedem Barrel Öl über 106 Dollar neu aufladen.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








