am Mittwoch schrieb ich Ihnen, keine Friedensdividende der Welt fülle leere Auftragsbücher. Heute lässt sich ergänzen: Auch keine Friedensdividende der Welt ersetzt fehlenden Strom. Jensen Huang, der CEO von Nvidia, hat in dieser Woche ein Urteil gefällt, das in der Flut der Börsenticker beinahe unterging – aber das Zeug hat, unsere wirtschaftliche Realität für das nächste Jahrzehnt zu prägen.

China werde das globale KI-Rennen gegen die USA gewinnen. Nicht wegen überlegener Algorithmen. Sondern wegen niedrigerer Strompreise und weicherer Regulierung. Es ist eine Aussage, die den Westen an seinem empfindlichsten Nerv trifft.

Der Preis der künstlichen Intelligenz

Während die Trump-Administration an Exportverboten für Nvidias fortschrittlichste „Blackwell\"-Chips nach China festhält, rollt der Kapitalzug der Tech-Giganten unbeirrt weiter. Microsoft hat einen 9,7 Milliarden US-Dollar schweren Fünfjahresvertrag mit dem Rechenzentrumsbetreiber IREN unterzeichnet, um sich den Zugang zu Nvidia-GPUs zu sichern. IREN legte direkt nach – ein weiterer 5,8-Milliarden-Dollar-Deal mit Dell für zusätzliche Grafikprozessoren.

Huangs Warnung legt das europäische und amerikanische Dilemma offen: Rechenzentren sind Energiefresser. Wenn billiger Strom über die KI-Vorherrschaft entscheidet, stehen wir vor einer strategischen Herausforderung, die mit Subventionen allein nicht zu lösen ist. Für die deutsche und europäische Industrie heißt das: Wir werden den Wettlauf um die größten Serverfarmen kaum gewinnen. Unsere Resilienz muss – wie so oft in der Geschichte der DACH-Region – in der extremen Effizienz der Anwendung liegen. Nicht wer die mächtigste KI baut, wird seine Margen verteidigen. Sondern wer sie am intelligentesten in industrielle Prozesse integriert.

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Die Illusion der Beruhigung am Golf

Wie fragil unsere Energieversorgung bleibt, zeigt ein Blick auf den Persischen Golf. Die Ölpreise gaben zuletzt leicht nach, weil Teheran zehn Tanker unbeschadet durch die Straße von Hormuz passieren ließ. An den Terminmärkten reichte das für ein Aufatmen.

Die physische Realität zeichnet ein anderes Bild. 17,8 Millionen Barrel Öl pro Tag sind in der Region akut von Lieferausfällen bedroht. Der Krieg ist in eine Phase übergegangen, in der hochkarätige Infrastruktur ins Visier rückt: In Kuwait zerstörten Drohnenangriffe die Radarsysteme des internationalen Flughafens, im omanischen Hafen Salalah wurde kritische Verladeinfrastruktur getroffen. Zeitgleich meldete Israel den ersten Raketenbeschuss durch die jemenitischen Huthi-Milizen, während US-Stützpunkte und das iranische Atomkraftwerk Buschehr Angriffsziele blieben.

Die Risikoprämie im Ölmarkt ist nicht verschwunden. Sie wird von den Akteuren nur temporär verdrängt.

Moskaus Krypto-Architektur und Amerikas Bitcoin-Tresor

Während der Westen versucht, Iran und Russland wirtschaftlich zu isolieren, baut Moskau sein paralleles Finanzsystem in bemerkenswertem Tempo aus. Die russische Regierungskommission hat an diesem Wochenende einen Gesetzentwurf zur strengen Regulierung von Kryptowährungen gebilligt. Handel wird über lizenzierte Broker legalisiert, Banken dürfen keine Zahlungen an ausländische, unregulierte Börsen mehr leisten.

Die Dimensionen lassen aufhorchen: Etwa 50 Milliarden Rubel – rund 500 Millionen Euro – werden in Russland mittlerweile täglich in Krypto-Transaktionen bewegt. Große Exporteure, so bestätigte VTB-Chef Andrei Kostin, drängen massiv auf „weiße\" Abrechnungswege via Blockchain, um westliche Sanktionen zu umgehen.

Am Mittwoch beschrieb ich, wie der Kryptomarkt seine Wildwest-Phase abstreift – SEC und CFTC stufen 16 Token als „Digital Commodities\" ein, Mastercard übernimmt den Stablecoin-Infrastrukturanbieter BVNK. Die transatlantische Spiegelung dieser Woche ergänzt das Bild: Während Krypto in Russland zum staatlich regulierten Fluchtventil wird, füllt es in den USA die Staatskassen. Das US-Justizministerium hat 127.200 Bitcoins im Wert von 15 Milliarden Dollar von einem asiatischen Geschäftsmann konfisziert. Die strategischen Krypto-Reserven der US-Regierung wachsen damit auf fast 37 Milliarden Dollar. Bitcoin ist längst ein hartes geopolitisches Asset.

Deutsche Realitäten: Mindestlohn-Illusion und Brücken-Innovation

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft liefert einen ernüchternden Befund: Die politisch gefeierte Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro im Jahr 2022 hat ihr Hauptziel – die Verringerung der Einkommensarmut – verfehlt. Die Armutsgefährdungsquote stieg im Folgejahr sogar auf 16,3 Prozent. Wohlstand lässt sich nicht per Dekret verordnen, wenn die gesamtwirtschaftliche Produktivität stagniert. Der Ifo-Index vom Mittwoch bei 84,6 Punkten untermauert genau diese Diagnose.

Und dann gibt es die andere, die stille und funktionierende deutsche Realität. Während in München Ex-CSU-Chef Erwin Huber den amtierenden Parteivorsitzenden Markus Söder öffentlich für dessen mangelnden Mannschaftsgeist in der Koalition mit Kanzler Friedrich Merz maßregelt, wird in Oberhausen handfeste Infrastruktur-Geschichte geschrieben. An der A516 wurden in dieser Woche die größten jemals in Deutschland verwendeten Brücken-Fertigteile montiert – 121 Tonnen schwer, 40 Meter lang. Ein neues Verfahren, das den chronisch schleppenden Brückenbau drastisch beschleunigen soll.

Es ist genau diese Ingenieurskunst, dieses Lösen physischer Probleme, das den Kern unserer wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit bildet.

Quintessenz

Jensen Huangs Warnung, Moskaus Krypto-Offensive, die schwelende Eskalation am Golf – die Woche hat gezeigt, wie eng Energie, Technologie und Geopolitik inzwischen verflochten sind. Europas Antwort kann nicht im Subventionswettlauf um die größten Rechenzentren liegen. Sie muss in der Anwendungsintelligenz liegen, in der Effizienz, in 121 Tonnen schweren Brückenteilen, die ein Land zusammenhalten.

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Am Montag empfängt Bundeskanzler Merz den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin – der Versuch eines Neuanfangs nach dem Fall des Assad-Regimes. Es wird ein erster Test, ob Europa im Nahen Osten noch diplomatisch gestalten kann. Oder ob wir nur noch Getriebene der Ereignisse sind.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und einen klaren Blick auf die Dinge, die wirklich zählen.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann