Liebe Leserinnen und Leser,

6 zu 3 – mit dieser Mehrheit hat der Supreme Court Donald Trumps globale Zölle gekippt. Die Erleichterung an den Märkten währte genau einen Tag, bevor der Präsident mit einem 15-Prozent-Zoll nachlegte. Doch während Washington juristische Schlachten schlägt, tobt an anderer Front ein Wettrennen, das für Anleger weitaus bedeutender sein könnte: Chinas KI-Offensive erreicht eine neue Eskalationsstufe. ByteDance, Alibaba und Zhipu AI haben das chinesische Neujahrsfest genutzt, um eine Produktwelle zu starten, die Googles und Nvidias Vormachtstellung direkt herausfordert. Gleichzeitig wartet Wall Street gespannt auf Nvidias Quartalszahlen am Mittwoch – ein Bericht, der zeigen muss, ob die 7,8-Prozent-Indexgewichtung des Chip-Riesen noch gerechtfertigt ist. Und während Software-Aktien um 20 Prozent abstürzen, weil Investoren KI-Disruption fürchten, kaufen chinesische Anleger genau diese Disruption – MiniMax und Zhipu haben sich im Februar verdoppelt.

Nvidia unter Druck: Wenn selbst Überraschungen nicht mehr überraschen

Die Erwartungshaltung könnte kaum höher sein. Für das vierte Fiskalquartal rechnen Analysten mit einem Umsatz von 65,9 Milliarden Dollar – ein Plus von 71 Prozent. Doch wie Marta Norton von Empower treffend formuliert: „Es ist schwer für Nvidia zu überraschen, wenn jeder eine Überraschung erwartet." Die Aktie hat seit Ende 2022 über 1.500 Prozent zugelegt, doch 2026 dümpelt sie mit mageren 0,8 Prozent dahin. Microsoft verlor 17 Prozent, Amazon 11 Prozent. Die „Magnificent Seven" wanken.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Google – haben zwar massive Investitionen in Rechenzentren angekündigt, doch Investoren zweifeln zunehmend am Return on Investment. Nvidias CEO Jensen Huang muss am Mittwoch nicht nur Zahlen liefern, sondern vor allem Vertrauen in seine größten Kunden zurückgewinnen. „Jensen muss zeigen, dass er an seine eigenen Kunden glaubt", sagt Nick Giorgi von Alpine Macro. Die Bandbreite der Gewinnschätzungen für das laufende Fiskaljahr reicht von 6,28 bis 9,68 Dollar pro Aktie – eine Spreizung, die Unsicherheit dokumentiert. Entweder ist die Aktie ein Schnäppchen, oder sie ist bereits zu teuer. Die Antwort kommt Mittwochabend.

Software-Sektor im freien Fall: Das Microsoft-Déjà-vu

Während Nvidia um seine Bewertung kämpft, erlebt der Software-Sektor einen Ausverkauf historischen Ausmaßes. Der S&P 500 Software Index ist 2026 um 20 Prozent eingebrochen. Stifel zieht in einer aktuellen Analyse einen düsteren Vergleich: Microsoft brauchte nach dem Platzen der Dotcom-Blase 14 Jahre, um wieder auf sein Allzeithoch zu klettern – trotz solider Umsatz- und Gewinnentwicklung. Erst als neue Führung übernahm und Azure durchstartete, kehrten Investoren zurück.

Die Sorge heute ist nicht, dass OpenAI oder Anthropic einen Salesforce-Vertrag über Nacht obsolet machen. Die Angst ist subtiler: Können die Platzhirsche KI-Funktionen monetarisieren, oder müssen sie agentenbasierte KI kostenlos in bestehende Verträge packen, um Kunden zu halten? Die Margen stehen unter Druck, weil LLM-Anbieter derzeit Nutzung subventionieren – teils mit negativen Bruttomargen. Wenn diese Subventionen enden und Hyperscaler ihre Infrastruktur kostendeckend bepreisen, wird es schmerzhaft.

Die Bewertungen reflektieren die Verunsicherung: Der iShares Software ETF (IGV) handelt beim 3,9-fachen des Umsatzes – runter von über 16x. Auf Free-Cashflow-Basis liegt das Multiple bei 22,8x gegen einen historischen Durchschnitt von 38,2x. Günstiger, aber nicht distressed. Stifel erwartet keine V-förmige Erholung, sondern ein jahrelanges Seitwärts-Trudeln. Salesforce und Intuit berichten nächste Woche – ihre Zahlen werden zeigen, ob die Ängste berechtigt sind oder übertrieben.

Chinas KI-Gegenoffensive: Wenn DeepSeek nur der Anfang war

Während Wall Street KI fürchtet, kauft China sie. MiniMax und Zhipu AI haben im Februar ihre Börsenwerte verdoppelt – getrieben von einer Produktoffensive, die das chinesische Neujahrsfest als Katalysator nutzte. ByteDance legte mit Seedance 2.0 einen Video-KI-Generator vor, der aus Text, Bild, Audio und Video synchrone Clips erstellt. Kurz darauf folgte Doubao 2.0, ein Chatbot für die „Agenten-Ära", der eigenständig agiert statt nur zu reagieren. Mit 155 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern führt Doubao vor DeepSeeks 81,6 Millionen.

Kuaishou Technology konterte mit Kling AI 3.0, das 15-sekündige Video-Audio-Kombinationen mit automatischer Kameraanpassung generiert. Alibabas RynnBrain Robotics AI soll Googles Gemini und Nvidias Cosmos in Benchmark-Tests geschlagen haben. Zhipu AI brachte GLM 5 heraus, das auf Huawei-Chips läuft – eine direkte Antwort auf US-Exportbeschränkungen. MiniMax stellte M2.5 vor, das Anthropics Claude Opus in Geschwindigkeit erreichen soll, zu einem Bruchteil der Kosten.

Der Kontrast zu den USA ist frappierend: Während amerikanische Software-Aktien abstürzen, weil Investoren Disruption fürchten, jagen chinesische Anleger genau diese Disruptoren. Morgan Stanley prognostiziert für MiniMax 700 Millionen Dollar Umsatz bis 2027. Jefferies sieht weiteres Aufwärtspotenzial, besonders wenn lokale Labs neue Performance-Meilensteine erreichen. Die regulatorische Abschottung gegen OpenAI und Co. gibt heimischen Anbietern einen geschützten Binnenmarkt – ein strategischer Vorteil, den die USA so nicht haben.

Europa: Rüstung und Banken feiern, Schweizer Pharma leidet

Jenseits des Atlantiks erzählt Europa eine Geschichte der Extreme. Fresnillo führt mit 436 Prozent Plus über zwölf Monate, gefolgt von Nebius (202 Prozent) und Endeavour Mining (172 Prozent). Rheinmetall schoss um 154 Prozent hoch, Siemens Energy um 139 Prozent. Der Rüstungs- und Rohstoff-Boom spiegelt geopolitische Spannungen und Aufrüstungspläne wider.

Europas Banken dominieren die Gewinnerliste: Société Générale plus 153 Prozent, Commerzbank plus 130 Prozent, Santander plus 126 Prozent, BBVA plus 112 Prozent. Die Finanzbranche profitiert von steigenden Zinsen und Konsolidierungsphantasien. Auf der Verliererseite steht Novo Nordisk mit minus 48 Prozent an der Spitze, gefolgt von Wolters Kluwer (minus 45 Prozent) und Diageo (minus 37 Prozent). Schweizer Healthcare- und Konsumwerte dominieren die Abstürze – DSM-Firmenich, Sika, Givaudan, Sonova, Straumann, Alcon.

Die Marktdynamik ist eindeutig: Rohstoffe gewannen im Februar 3,3 Prozent relativ, US-exponierte Werte verloren 1,7 Prozent. Versorger sind mit plus 7,8 Prozent der stärkste Sektor, Konsumgüter mit minus 12,1 Prozent der schwächste. Europa-Fonds verzeichnen 15,86 Milliarden Dollar Zuflüsse seit Jahresbeginn – die stärkste Start seit 2015. Allerdings stammen 21,60 Milliarden von passiven Fonds, während aktive Manager 5,74 Milliarden abzogen. Der Momentum-Indikator von BofA steht bei 32 – knapp über der Crash-Risiko-Schwelle von 30.

Deutschland und China: Merz' heikle Mission

Bundeskanzler Friedrich Merz reist ab Dienstag nach Peking – zu einem Partner, der zunehmend zum Rivalen wird. Das Handelsbilanzdefizit mit China stieg 2025 auf 90 Milliarden Euro, ein Plus von einem Drittel. Die deutschen Exporte nach China brachen um zehn Prozent ein, China rutschte auf Platz sechs der wichtigsten Exportpartner. Das Institut der deutschen Wirtschaft spricht von einem „China-Schock".

Die Abhängigkeiten sind real: China kontrolliert über 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung seltener Erden. Seit April 2025 beschränkt Peking deren Export – deutsche Firmen müssen aufwendige Genehmigungen durchlaufen und erhalten meist nur das Nötigste, ohne Lagerbestände aufbauen zu können. Die DIHK warnt vor drohenden Produktionsstopps. Deutsche Unternehmen investierten 2025 dennoch sieben Milliarden Euro neu in China – deutlich mehr als in Vorjahren. Autobauer verlagern Forschung und Entwicklung nach China, um mit der Geschwindigkeit im Elektroauto-Markt mitzuhalten.

Merz muss in Peking einen Spagat schaffen: Marktzugang verbessern, Exportrestriktionen lockern, Wettbewerbsgleichheit fordern – ohne den wichtigen Absatzmarkt zu verprellen. Die De-Risking-Strategie der Ampel-Regierung hat nicht funktioniert, die Importabhängigkeiten sind gestiegen statt gesunken. Nach seinem China-Besuch will Merz in wenigen Tagen nach Washington zu Trump – und dort über Zölle sprechen. Zwischen den USA und China eingeklemmt zu sein, war für Deutschland noch nie eine komfortable Position.

Krypto: Ripple sieht Durchbruch, Markt bleibt verhalten

Während Aktien schwanken, zeigt sich der Kryptomarkt in Kalenderwoche 8 erstaunlich stabil – mit leichter Tendenz nach unten. Bitcoin verlor 1,5 Prozent, Ethereum legte 0,06 Prozent zu. Die Spreizung ist bemerkenswert: Toncoin stürzte um 7,3 Prozent ab, VeChain um 5,5 Prozent, Stellar um 4,4 Prozent. Auf der Gewinnerseite führt Wrapped TRON mit plus 2,1 Prozent, gefolgt von TRON (plus 1,8 Prozent) und Cardano (plus 1,7 Prozent).

Die eigentliche Nachricht kommt von Ripple: CEO Brad Garlinghouse gibt dem Digital Asset Market Clarity Act eine 90-prozentige Chance auf Verabschiedung bis Ende April. Das Gesetz, das im Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen das Repräsentantenhaus passierte, steckt im Senat fest. Doch Garlinghouse sieht Bewegung: Das Weiße Haus hat eine Verhandlungsfrist bis 1. März gesetzt, SEC und CFTC koordinieren über „Project Crypto". Die Ära der „Regulation by Enforcement" könnte enden.

Für XRP-Investoren wäre das Gesetz der finale Durchbruch: Ripple gewann zwar vor Gericht, dass XRP kein Wertpapier ist, doch eine gesetzliche Kodifizierung würde die Grauzone beseitigen, die institutionelles Kapital fernhält. Dezentrale Prognosemärkte preisen die Verabschiedung derzeit mit 78 Prozent bis Jahresende – Garlinghouse ist deutlich optimistischer. Sollte der April-Termin halten, könnte das mit einer breiteren Markterholung zusammenfallen und einen fundamentalen Katalysator liefern.

Was jetzt zählt

Die kommende Woche wird richtungsweisend: Nvidias Zahlen am Mittwoch, Salesforce und Intuit danach, Trumps State of the Union am Dienstag. Merz verhandelt in Peking über Abhängigkeiten, während Trump in Washington neue Zölle verhängt. Chinas KI-Offensive zeigt, dass das Rennen um technologische Vorherrschaft längst nicht entschieden ist – und dass regulatorische Abschottung durchaus ein Wettbewerbsvorteil sein kann.

Für deutsche Anleger bedeutet das: Nvidia bleibt ein Muss auf der Watchlist, aber die Bewertung verlangt Perfektion. Software-Aktien sind günstiger geworden, doch die strukturelle Unsicherheit bleibt. Chinas Pure-Play-KI-Namen sind faszinierend, aber für europäische Privatanleger schwer zugänglich. Und Europa selbst? Rüstung und Banken laufen, Pharma und Konsum leiden – eine Rotation, die sich fortsetzen dürfte, solange geopolitische Risiken dominieren.

Die Märkte haben 2026 ihre Favoriten gewechselt. Wer das ignoriert, zahlt drauf.

Bis morgen,
Andreas Sommer