Liebe Leserinnen und Leser,

11 Tage. So lange hält Taiwan im Ernstfall seine Energieversorgung aufrecht, bevor die Chipfabriken in Schwierigkeiten geraten. Diese Zahl aus einem aktuellen Morgan-Stanley-Bericht fasst die Brisanz der Lage besser zusammen als jede Kurstafel. Der Krieg im Nahen Osten ist längst kein regionales Ereignis mehr – er ist ein Stresstest für die globale Technologieinfrastruktur. Heute schauen wir genau hin: Was bedeutet das für Halbleiter-Investoren, was macht Bitcoin daraus, und warum kauft ein singapurischer Milliardär gerade für hunderte Millionen NVIDIA-Aktien?


Der 11-Tage-Countdown: Taiwan und die Chip-Krise

TSMC produziert 90 Prozent aller fortschrittlichen Chips der Welt – und verbraucht dabei rund zehn Prozent des gesamten taiwanischen Stroms. Dieser Strom kommt zu einem erheblichen Teil aus Flüssigerdgas, kurz LNG. Das Problem: Taiwan lagert dieses Gas typischerweise für gerade einmal elf Tage. Solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt, kommt aus dieser Richtung kein Nachschub.

Morgan Stanley warnt in einem aktuellen Bericht, dass eine anhaltende Störung \"ein Risiko für die stabile Energieversorgung darstellt, die für die Chip-Wafer-Produktion erforderlich ist.\" Im Klartext: Nicht ein sofortiger Produktionsstopp droht, sondern rasant steigende Energiekosten – die sich unweigerlich in den Preisen für KI-Chips, Smartphones und Rechenzentrum-Hardware niederschlagen werden.

Noch weniger im Blickfeld der meisten Anleger: die sogenannte \"Sulfur Squeeze\". Schwefel, ein Nebenprodukt der Ölraffination, ist unverzichtbar für die Gewinnung von Kupfer und Kobalt – beides essenzielle Materialien in der Chip- und Batterieproduktion. Stockt die Raffinerieaktivität im Golf, entsteht eine zweite, fast unsichtbare Engstelle in der Lieferkette. Morgan Stanley nennt das einen \"Second-Order-Effekt\" – und genau solche Effekte werden an den Märkten häufig zu spät eingepreist.


Leo KoGuan setzt auf NVIDIA – und sendet ein Signal

Während viele Investoren zögern, hat Leo KoGuan gehandelt. Der 71-jährige singapurische Milliardär, bekannt für seinen frühen und massiven Einstieg bei Tesla, kaufte innerhalb weniger Tage insgesamt zwei Millionen NVIDIA-Aktien – in zwei Tranchen zu je einer Million Stück. Beim Schlusskurs der ersten Tranche am 3. März ergibt das allein rund 180 Millionen US-Dollar.

Seine Begründung ist denkbar klar: \"Ich bin überzeugt, dass KI keine Blase ist, sondern erst der Anfang.\" Mit dem zweiten Kauf schrieb er auf X: \"Hoffentlich kann ich ein wenig dazu beitragen, den nervösen Markt zu beruhigen.\" Das klingt nach Showmanship – ist aber auch ein ernsthaftes Bekenntnis zu NVIDIAs zentraler Rolle im KI-Ökosystem.

Denn NVIDIAs Stärke liegt nicht allein in der Hardware. Das CUDA-Software-Ökosystem hat sich zum Industriestandard für KI-Entwickler weltweit entwickelt. Wer KI-Modelle trainiert, kommt an NVIDIA kaum vorbei. Genau das macht das Unternehmen so schwer substituierbar – und macht KoGuans Wette nachvollziehbar, auch wenn der Markt kurzfristig unter Druck bleibt.

Anzeige: Diese Entwicklung greift Börsenexperte Bernd Wünsche in einer aktuellen Analyse auf. In seiner Sondersendung zum Chip-Krieg zwischen USA und China zeigt er, welches Halbleiterunternehmen er als nächsten großen Profiteur des globalen Chip-Wettrüstens sieht. Sein Argument: Staatliche Investitionsprogramme von über 280 Milliarden Dollar schaffen strukturellen Rückenwind für bestimmte Chip-Unternehmen – und NVIDIA sei dabei nicht die einzige Wahl. Wer wissen möchte, welches Unternehmen Wünsche konkret im Blick hat, findet die Details in seiner Analyse: Halbleiter-Analyse: Die neue NVIDIA-Aktie


Analysten-Runde: Wer hebt ab, wer landet?

JPMorgan hat diese Woche Oracle von Neutral auf Overweight hochgestuft – nach einem Kursrückgang von mehr als 50 Prozent seit Mitte September. Das Kursziel wurde auf 210 Dollar für Dezember 2026 gesetzt. Analyst Mark Murphy argumentiert, die \"weitverbreitete Pessimismus\"-Stimmung habe die Messlatte für Oracle so weit gesenkt, dass selbst moderate Wachstumsszenarien den Kurs treiben könnten.

Besonders interessant: Oracle handelt derzeit bei etwa dem 18-fachen des geschätzten EBIT für 2027 – günstiger als Hyperscaler-Peers wie Amazon, Microsoft oder Alphabet, die bei rund dem 20-fachen liegen. JPMorgan sieht zudem die jüngste Schuldenaufnahme von 25 Milliarden Dollar positiv: Sie beseitige Finanzierungssorgen und mache weitere Anleiheemissionen in 2026 überflüssig.

Gegenläufig das Bild bei Adobe. Barclays stufte den Software-Konzern auf Equal Weight herunter und senkte das Kursziel von 335 auf 275 Dollar. Auslöser war weniger die Zahlen – obwohl das NNARR mit 400 Millionen Dollar unter der Erwartung von 460 Millionen blieb – als vielmehr der überraschende Abgang von Langzeit-CEO Shantanu Narayen. \"Der Vorstand sucht offenbar nach Veränderung, und das braucht Zeit\", so Analyst Saket Kalia. CEO-Wechsel sind an der Börse immer eine Wette auf das Unbekannte.

Bei den Speicherchip-Herstellern zeigt sich dagegen echte Aufwärtsdynamik: Susquehanna erhöhte die Kursziele für Micron, Samsung und SK Hynix deutlich. Microns Ziel sprang von 345 auf 525 Dollar. Grund: DRAM- und NAND-Preise entwickeln sich \"spürbar besser als erwartet\" – ein direkter Nutznießer der wachsenden KI-Infrastruktur-Nachfrage.


Bitcoin: Institutionelle Käufer als Stoßdämpfer

Während der S&P 500 in dieser Woche rund 1,6 Prozent verlor, legte Bitcoin mehr als sechs Prozent zu – die stärkste Wochenperformance seit September 2025. Der Kurs bewegt sich aktuell um die 71.500 Dollar, nachdem er von seinem Oktober-Hoch bei 126.000 Dollar deutlich zurückgekommen ist.

Der entscheidende Treiber: institutionelle Käufe in beeindruckendem Umfang. Strategy hat über Kapitalmarktmaßnahmen rund 776 Millionen Dollar eingesammelt, um weitere Bitcoin zu kaufen – nach dem Erwerb von fast 18.000 BTC in der Vorwoche. Parallel dazu verzeichneten US-amerikanische Spot-Bitcoin-ETFs fünf Handelstage in Folge Nettozuflüsse von insgesamt 767 Millionen Dollar. Das 70.000-Dollar-Niveau scheint für institutionelle Käufer attraktiv zu sein.

Technisch sieht das Bild jedoch weniger eindeutig aus. Charttechniker warnen vor einer möglichen \"Bärenflagge\" – ein Muster, das nach einem scharfen Rückgang einen weiteren Abwärtsschub ankündigen kann. Der kritische Widerstand liegt zwischen 73.000 und 75.000 Dollar; ein Scheitern dort könnte laut Modellen bis auf 51.000 Dollar führen. Makro-Szenarien zeigen andererseits Potenzial Richtung 100.000 Dollar in den kommenden Monaten. Bitcoin bleibt damit das, was es schon länger ist: ein Markt, der zwei völlig verschiedene Geschichten gleichzeitig erzählt.


Stabiles Zinsumfeld: Wer profitiert – und wer nicht

Abseits des geopolitischen Lärms gibt es ein strukturelles Thema, das für langfristige Anleger zunehmend wichtiger wird: das veränderte Zinsumfeld. Nach den drastischen Erhöhungen zwischen 2022 und 2024 scheint sich 2026 eine Phase stabiler, moderat erhöhter Zinsen zu etablieren.

Banken gehören laut Analysten zu den klaren Nutznießern. Kalkulierbare Kreditmargen verbessern die Ertragslage, und UBS-Analysten erwarten, dass der Nettozinsertrag europäischer Banken bis 2027 von rund 371 auf etwa 399 Milliarden Euro steigen könnte. Auch Versorger und Basiskonsumgüter-Unternehmen schlugen sich zuletzt überdurchschnittlich – Investoren suchen in unsicheren Zeiten nach planbaren Cashflows und soliden Dividenden.

Der Immobiliensektor hingegen erlebt eher eine Seitwärtsbewegung. Zehnjährige Baufinanzierungen pendeln zwischen 3,1 und 3,5 Prozent – das schafft Planungssicherheit, aber keine Preissprünge. Für kapitalintensive Industrien gilt ähnliches: Stabilität ja, Aufbruchsstimmung nein.


Lufthansa: Streik vorbei, Konflikt ungelöst

Ein kurzer Blick auf eine deutsche Aktie, die viele im Depot haben: Lufthansa fliegt seit Samstag wieder planmäßig. Der zweitägige Pilotenstreik der Vereinigung Cockpit ist beendet – aber der Tarifkonflikt ist es nicht. Es geht um höhere Betriebsrenten bei der Kerngesellschaft und bei Lufthansa Cargo sowie um Gehaltssteigerungen bei der Regionaltochter Cityline.

Die Gewerkschaft bezeichnete den Streik als \"insgesamt sehr erfolgreich\" und berichtet von bis zu 80 Prozent Flugausfällen an den Streiktagen. Lufthansa sieht das naturgemäß anders. Solange kein verhandlungsfähiges Angebot auf dem Tisch liegt, bleibt das Risiko weiterer Arbeitsniederlegungen real – ein Faktor, den Aktionäre im Blick behalten sollten.


Fazit: Eine Woche der Widersprüche

Der rote Faden dieser Woche ist ein Paradox: Die Infrastruktur, auf der die KI-Wirtschaft aufbaut – Chips, Energie, Lieferketten – steht unter Druck wie selten zuvor. Und trotzdem kaufen große Investoren genau in diese Infrastruktur hinein, ob bei NVIDIA oder bei Bitcoin. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Wette: die Wette, dass die Störungen temporär sind und die strukturellen Treiber intakt bleiben.

Ob diese Wette aufgeht, hängt maßgeblich davon ab, wie lange die Straße von Hormus geschlossen bleibt und wie schnell Taiwan alternative Energiequellen aktivieren kann. Beides sind offene Fragen. In der kommenden Woche werden die Micron-Quartalszahlen weitere Hinweise auf die tatsächliche Nachfragelage im Speicherchip-Markt liefern – ein wichtiger Datenpunkt für alle, die im Halbleiter-Sektor engagiert sind.

Bis dahin: Augen auf, Nerven behalten.

Herzliche Grüße,
Andreas Sommer
Sonntag, 15. März 2026