Nadelöhr Hormus: Der 93-Prozent-Schock und Europas gefährliche Uneinigkeit
Liebe Leserinnen und Leser,
93 Prozent. So viel mehr mussten Händler am britischen Großhandelsmarkt für Gas innerhalb einer einzigen Woche zahlen. Der Preis schoss auf 151 Pence pro Therm – den höchsten Stand seit über drei Jahren. Zahlen wie diese sind der Stoff, aus dem Zentralbanker-Albträume gemacht sind.
Was wir seit dem Wochenende an den globalen Märkten beobachten, ist die abrupte Rückkehr der geopolitischen Risikoprämie in ihrer brutalsten Form. Die Eskalation im Nahen Osten – amerikanisch-israelische Schläge, iranische Gegenangriffe, die Attacke auf die US-Botschaft in Riad – hat den empfindlichsten Nerv der Weltwirtschaft getroffen: die Straße von Hormus. Am Sonntag stellte ich die Frage, wie man das Unvorstellbare bepreist. Die Antwort der Märkte kam schneller als erhofft – und sie fällt drastisch aus.
Das Nadelöhr brennt: Energiepreise als Inflations-Katalysator
Wenn eine Wasserstraße, durch die 20 Prozent der globalen Öl- und Gasversorgung fließen, de facto geschlossen wird, reagieren die Märkte unerbittlich. Der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl hat die 80-Dollar-Marke durchbrochen, an den deutschen Zapfsäulen kletterten Super E10 und Diesel über Nacht um 6 bis 7 Cent.
Die Börsen quittieren das mit einem klassischen Risk-Off-Szenario. Der DAX rutschte um 3 Prozent ab und markiert den tiefsten Stand seit Dezember. In Asien waren die Einbrüche noch drastischer: Der südkoreanische Kospi stürzte um 7,2 Prozent – der schwärzeste Tag seit August 2024 –, der japanische Nikkei verlor über 3 Prozent. Die Logik der Investoren ist simpel, aber brutal: Teures Öl bedeutet hartnäckige Inflation, und das zerschlägt die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen.
Ein Blick nach Österreich zeigt, wie fragil die Lage ohnehin ist: Dort stieg die Inflation im Februar wieder auf 2,2 Prozent, getrieben vor allem von einem 4-prozentigen Preisanstieg bei Dienstleistungen. Wenn nun der Energie-Dämpfer wegfällt, könnte die Teuerung schnell wieder die 3-Prozent-Marke ins Visier nehmen.
Risse im Bündnis: Europas Zerrissenheit wird sichtbar
Besonders aufschlussreich – und für die künftige transatlantische Beziehung brisant – ist die politische Reaktion diesseits des Atlantiks. Während Washington im Nahen Osten agiert, verweigert Spanien der US-Armee die Nutzung der Militärbasen Rota und Morón. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Senator Lindsey Graham warf der Regierung von Pedro Sánchez „jämmerlich schwache\" Führung vor. Auch Polen, sonst ein treuer Verbündeter, winkte ab: Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz stellte in Washington klar, dass sich sein Land militärisch nicht beteiligen wird.
Diese geopolitische Unsicherheit schwappt direkt in den Anleihemarkt über. Die Deutsche Finanzagentur erlebte am Vormittag bei der Versteigerung von Bundesobligationen mit Fälligkeit 2031 eine schwache Nachfrage – die Auktion war technisch unterzeichnet. Investoren fordern wieder höhere Renditen für das Risiko. In den USA kletterte die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen bereits auf 4,09 Prozent. Wohin flüchten die Anleger stattdessen? Ins Gold. Der Spot-Preis stieg auf ein 4-Wochen-Hoch von über 5.300 Dollar pro Unze.
Die jüngsten Entwicklungen zeigen eindrucksvoll, warum Edelmetalle in Krisenzeiten ihre Stärke ausspielen. Jörg Mahnert analysiert in seinem Webinar, wie Anleger die aktuelle geopolitische Lage für Edelmetall-Investments nutzen können – konkret geht es um Silber und Gold als Inflationsschutz in Zeiten von Zollkriegen und Währungsunsicherheit. Er zeigt, welche Edelmetall-Strategien sich historisch in vergleichbaren Krisen bewährt haben und wie Sie Ihr Portfolio entsprechend positionieren. Details zur Edelmetall-Analyse ansehen
Schaefflers Realitätscheck und Aixtrons Ritterschlag
Abseits der großen Weltpolitik lieferte die deutsche Unternehmenslandschaft handfeste Überraschungen. Der Autozulieferer Schaeffler schickte seine Aktionäre auf eine schmerzhafte Talfahrt: Minus 16 Prozent auf 8,345 Euro. Der Grund ist ein ernüchternder Ausblick für das laufende Jahr. Eine geplante operative Marge von lediglich 3,5 bis 5,5 Prozent bei 22,5 bis 24,5 Milliarden Euro Umsatz war den Investoren schlichtweg zu mager.
Doch wo Enttäuschung herrscht, findet sich auch Hoffnung: Der Anlagenbauer Aixtron darf sich freuen. Wie der Index-Betreiber Stoxx mitteilte, wird das Unternehmen zum 23. März in den Stoxx Europe 600 aufsteigen – ein Ritterschlag, der institutionelles Kapital anziehen dürfte.
Tech-Rotation: KI schlägt Krypto-Mining
Spannende Bewegungen zeigen sich auch im Technologiesektor. Morgan Stanley hat NVIDIA wieder zum „Top Pick\" im Halbleiterbereich erklärt, während Micron Technology das Nachsehen hat.
Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Krypto und Künstlicher Intelligenz weiter. Das Paradebeispiel liefert Core Scientific. Das Unternehmen verkaufte im Januar hastig knapp 1.900 Bitcoin für 175 Millionen Dollar. Der Grund? Das klassische Mining-Geschäft gilt intern als Auslaufmodell. Das freigewordene Kapital fließt nun mit Hochdruck in den Aufbau von KI-Datenzentren.
Bitcoin selbst zeigt sich indes erstaunlich unbeeindruckt vom geopolitischen Lärm. Nach einem kurzen Rücksetzer am Wochenende eroberte die Kryptowährung die Marke von 68.000 Dollar zurück. Matt Hougan, CIO bei Bitwise, prognostiziert bereits, dass Bitcoin-ETFs bald die Billionen-Dollar-Grenze knacken könnten. Institutionelle Adressen scheinen jeden Kursrückgang als willkommene Kaufgelegenheit zu begreifen.
Was bleibt?
Wir erleben Tage, an denen die Korrelationen an den Märkten neu gewürfelt werden. Der Konflikt am Golf ist nicht nur eine regionale Tragödie, sondern ein Stresstest für die globalen Lieferketten und die Inflationserwartungen der Notenbanken. Für Anleger bedeutet das: Sicherheitsmargen einbauen, weniger handeln als der Instinkt diktiert, und nur im eigenen Kompetenzkreis agieren.
Während die Märkte unter Druck stehen, zeigt sich zumindest das Wetter in Deutschland von seiner versöhnlichen Seite: Bei bis zu 17 Grad und Sonnenschein in Köln oder Bonn lässt sich der Frühling erahnen. Vielleicht ein guter Moment, um die Bildschirme für einen kurzen Spaziergang auszuschalten und durchzuatmen.
Ich wünsche Ihnen eine ruhige Hand bei Ihren Entscheidungen an diesem turbulenten Dienstag.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








