Liebe Leserinnen und Leser,

stellen Sie sich vor, die USA führen eine militärische Spezialoperation in einem der rohstoffreichsten Länder der Erde durch, verhaften den Staatschef und fliegen ihn über Nacht nach New York aus – und der Ölpreis zuckt kaum. Genau dieses Paradoxon erleben wir an diesem Sonntag. Während die Weltpolitik durch die Ereignisse in Venezuela erschüttert wird, reagieren die Finanzmärkte mit einer fast schon unheimlichen Nüchternheit.

Gestern diskutierten wir an dieser Stelle noch über die Feinheiten von Unternehmensbewertungen und deutsche Stromtarife. Heute Morgen wachen wir in einer Realität auf, die beweist, wie sehr sich die fundamentalen Marktdaten von den politischen Schlagzeilen entkoppelt haben. Wir starten in diesen ersten Sonntag des Jahres 2026 mit einer Gemengelage, die explosiver kaum sein könnte: Ein geopolitisches Beben in Südamerika, der Beginn des Tech-Hochamts in Las Vegas und ein Bitcoin, der seinen 17. Geburtstag mit einem Kursfeuerwerk feiert.

Das Schweigen der Fässer

Die Nachricht dominierte gestern Abend die Ticker: Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro wurde im Rahmen einer US-Militäroperation festgenommen und befindet sich mittlerweile in einer Haftanstalt in New York. Die Reaktion aus dem Weißen Haus folgte prompt: US-Präsident Trump kündigte an, die Kontrolle über den venezolanischen Ölsektor zu übernehmen.

Ein solcher Eingriff in ein Land, das über mehr als 300 Milliarden Barrel und damit die weltweit größten nachgewiesenen Rohölreserven verfügt, hätte in früheren Jahrzehnten Panik an den Rohstoffmärkten ausgelöst. Doch heute? Die Analysten bleiben gelassen. WTI-Öl notiert stabil bei rund 57 US-Dollar.

Warum der Markt nicht explodiert:
Der Grund liegt in der harten Arithmetik des Angebots. Venezuela mag auf einem Ozean aus Öl sitzen, fördert aber aktuell weniger als eine Million Barrel pro Tag – kaum ein Prozent des weltweiten Angebots. Der Markt ist derzeit ohnehin überversorgt; die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert für 2026 einen Angebotsüberschuss.

Experten von Rystad Energy rechnen vor, dass es Investitionen von über 100 Milliarden Dollar und fast ein Jahrzehnt bräuchte, um die Produktion wieder signifikant auf 2 Millionen Barrel zu steigern. Trumps Plan, US-Ölkonzerne wie Chevron in die Pflicht zu nehmen, ist ein langfristiges Infrastrukturprojekt, kein kurzfristiger Preistreiber.

Die geopolitische Dimension:
Die Reaktionen auf diplomatischem Parkett sind ungleich heftiger. China verurteilte den Einsatz als Verletzung der Souveränität. In Europa sind die Auswirkungen bereits physisch spürbar: Die Lufthansa meidet ab sofort den venezolanischen Luftraum und leitet Flüge nach Kolumbien um. Für Anleger bedeutet das: Die geopolitische Risikoprämie ist zurück, auch wenn das Angebot (noch) stimmt.

CES 2026: Wenn KI greifbar wird

Während in New York die Justiz arbeitet, bereitet sich Las Vegas auf die Show des Jahres vor. Die CES 2026 öffnet diese Woche ihre Tore, die Medien-Previews starten heute. Das dominierende Narrativ ist eindeutig: Künstliche Intelligenz verlässt die abstrakte Cloud und zieht in unsere Geräte ein.

Nvidia vs. AMD:
Es wird das Duell der Giganten. Nvidia-CEO Jensen Huang und AMD-Chefin Lisa Su halten ihre Keynotes fast zeitgleich ab. Nvidia-Aktien, die am Freitag bei rund 188 Dollar notierten, bleiben das Maß aller Dinge, doch der Wettbewerb verschärft sich.

Was Anleger beobachten sollten:
* "On-Device AI": Der neue Trend sind PCs und Laptops, die KI-Modelle lokal ausführen können. Intel (mit "Panther Lake") und AMD kämpfen hier um die Vorherrschaft in den neuen Laptop-Generationen.
* Der Speicher-Engpass: Ein oft übersehener Profiteur ist Micron. Das Unternehmen meldete, dass seine gesamte Produktion an High-Bandwidth-Memory (HBM) für 2026 bereits ausverkauft ist. Der "Schaufelverkäufer" im KI-Goldrausch macht weiterhin glänzende Geschäfte.
* Physische Intelligenz: Von LGs humanoiden Haushaltsrobotern bis zu Samsungs KI-Wohnplattformen – die Vision vom smarten Heim wird 2026 Hardware-Realität.

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Genau zu dieser Chip-Revolution hat Börsenexperte Bernd Wünsche eine umfassende Analyse erstellt. In seinem kostenlosen Webinar zeigt er, welche vier Halbleiter-Aktien vom aktuellen Boom profitieren könnten – darunter auch weniger bekannte Namen neben den üblichen Verdächtigen wie Nvidia. Wünsche analysiert konkret, warum Mikrochips das "neue Öl" sind und wie Anleger sich jetzt positionieren sollten. Details zur Chip-Aktien-Analyse ansehen

Die Flucht in die Alternativen

Vielleicht ist es die Sorge vor der geopolitischen Instabilität oder einfach die Fortsetzung des Trends aus dem Vorjahr: "Alternative Assets" glänzen zum Jahresstart.

Bitcoin feiert Geburtstag:
Pünktlich zum 17. Jahrestag des "Genesis Block" (03. Januar 2009) steht der Bitcoin heute Mittag bei über 91.300 US-Dollar. Nach dem Ausbruch aus einer Keilformation halten Charttechniker den Weg in Richtung der magischen 100.000-Dollar-Marke für geebnet. Interessant ist die zunehmende Institutionalisierung: Der Krypto-Markt reagiert mittlerweile sensibel auf Makrodaten, korreliert oft eng mit dem Nasdaq und entfernt sich vom Image des reinen Zocker-Assets.

Goldrausch 2.0:
Noch beeindruckender ist die Performance beim Gold. Nach einem Anstieg von 65 Prozent im Jahr 2025 – der besten Rendite seit 1979 – startete das Edelmetall auch am Freitag mit Schwung ins neue Jahr. Analysten sehen die Rallye als intakt an, getrieben durch massive Zentralbankkäufe und die Suche nach Sicherheit in einer fragilen Welt. Auch Silber zog nach und erreichte Ende Dezember Rekordstände von 66 Dollar.

Deutschland: Rekordbörse trifft Realitätscheck

Der Blick auf den heimischen Markt offenbart eine Diskrepanz, die kaum größer sein könnte. Der DAX startete am 2. Januar mit leichten Gewinnen, Unternehmen wie Verbio (+4,9 Prozent am Freitag) zeigen Lebenszeichen, und TKMS ist frisch in den MDAX aufgestiegen.

Doch abseits des Parketts knirscht es im Gebälk der "Deutschland AG":
* Infrastruktur-Warnschuss: Ein massiver Stromausfall in Berlin, ausgelöst durch einen Brand an einer Kabelbrücke, hat zehntausende Haushalte und Unternehmen lahmgelegt. Es ist eine scharfe Mahnung, wie fragil die physische Basis unserer digitalen Ökonomie ist.
* Mobilitäts-Krise: Die Deutsche Bahn meldet für 2025 eine Pünktlichkeit von nur noch 60,1 Prozent im Fernverkehr – ein neuer Tiefpunkt, der die Standortqualität massiv beeinträchtigt.
* Politische Debatte: Bayerns Ministerpräsident Söder fordert heute in der "Bild am Sonntag" angesichts der demografischen Schieflage längere Lebensarbeitszeiten.

Für Investoren bleibt die Lehre: Der DAX ist nicht die deutsche Wirtschaft. Die großen Konzerne verdienen ihr Geld global, während die Standortfaktoren zu Hause unter Druck geraten.

Was die neue Woche bringt

Der Kalender für die erste volle Börsenwoche 2026 ist prall gefüllt. Neben der CES in Las Vegas, die den Tech-Sektor dominieren wird, richten sich die Blicke auf die Makrodaten:

  • Montag: In den USA werden die ISM-Daten für das verarbeitende Gewerbe erwartet – ein wichtiger Indikator, ob die US-Konjunkturlandung sanft bleibt.
  • Dienstag: Die finalen Einkaufsmanagerindizes geben Aufschluss über die Stimmung in der Dienstleistungsbranche.
  • Mittwoch: Hypothekenzinsen in den USA stehen im Fokus, da der Immobilienmarkt hochsensibel auf die Zinspolitik reagiert.

Mein Fazit: Wir erleben einen Jahresauftakt der Gegensätze. Die Ruhe am Ölmarkt mag trügerisch sein, und die Euphorie im Tech-Sektor muss sich auf der CES durch echte Produkte rechtfertigen. Bleiben Sie wachsam – 2026 wird kein Jahr für den Autopiloten.

Ich wünsche Ihnen einen spannenden Start in die erste Börsenwoche des Jahres und einen schönen Rest des Sonntags.

Ihr

Andreas Sommer