Lufthansa, Infineon & Krypto: Wenn Krisen-Chancen auf Abwärtsrisiken treffen
Liebe Leserinnen und Leser,
als die Börsenglocke in Frankfurt heute schloss, zeichnete sich ein Bild ab, das widersprüchlicher kaum sein könnte: Während der DAX nach einer Woche voller Verluste vorsichtig zur Erholung ansetzt, sortieren sich die Märkte zwischen Kriegsgewinnern und Technologie-Verlierern neu. Lufthansa profitiert von blockierten Golf-Hubs, Infineon kämpft mit China-Risiken, und der Kryptomarkt rutscht trotz goldener Versprechen weiter ab. Was verbindet diese drei Welten? Die Erkenntnis, dass geopolitische Verwerfungen und strukturelle Schwächen gleichermaßen über Gewinn und Verlust entscheiden – nur eben in entgegengesetzte Richtungen.
Lufthansa hebt ab – weil andere am Boden bleiben
Manchmal sind es nicht die eigenen Stärken, sondern die Schwächen der Konkurrenz, die zum Kurstreiber werden. Genau das erlebt Lufthansa gerade: Die Aktie legte heute zeitweise über drei Prozent zu, nachdem der Konzern Rekordzahlen für 2025 vorlegte und für 2026 eine deutliche Gewinnsteigerung in Aussicht stellte. Mit 39,6 Milliarden Euro Umsatz und einem operativen Gewinn von 1,96 Milliarden Euro übertraf die Airline die Erwartungen – und das, obwohl die Kernmarke Lufthansa Airlines gerade erst in die schwarzen Zahlen zurückkehrte.
Der eigentliche Clou liegt jedoch woanders: Seit die USA und Israel den Iran angreifen, sind die Drehkreuze von Emirates und Qatar Airways faktisch lahmgelegt. Die Straße von Hormus ist dicht, Flüge über den Persischen Golf fallen aus. Für Lufthansa bedeutet das: Passagiere, die nach Asien oder Afrika wollen, buchen plötzlich Direktflüge über Frankfurt, München oder Zürich. Vorstandschef Carsten Spohr spricht von einer „geopolitischen Achillesferse" der Golf-Carrier – und prüft bereits, die Frequenzen nach Singapur, Bangkok, Delhi und Shanghai aufzustocken. Die Nachfrage sei in den letzten Tagen um bis zu 75 Prozent gestiegen.
Doch die Medaille hat zwei Seiten: Höhere Ölpreise belasten die Treibstoffkosten. Immerhin hat sich Lufthansa für 2026 zu etwa 80 Prozent abgesichert und rechnet mit rund 7,2 Milliarden Euro Kerosinkosten – kaum mehr als 2025. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt davon ab, wie lange der Konflikt dauert. Spohr bleibt vorsichtig optimistisch, doch die Unsicherheit bleibt groß.
Infineon unter Druck – China und KI als Bremsklotz
Während Lufthansa von Krisengewinnern spricht, kämpft Infineon mit hausgemachten und externen Problemen. Die UBS stufte die Aktie von „Buy" auf „Neutral" ab und senkte das Kursziel von 47 auf 45 Euro. Der Grund: drei Risiken, die das Kurspotenzial kurzfristig deckeln. Erstens lässt das KI-Umsatzziel bis 2027 kaum Luft nach oben – Analyst Francois-Xavier Bouvignies warnt vor Überbestellungen im Markt. Zweitens bricht die Nachfrage aus China ein, wo Infineon rund 30 Prozent des Umsatzes generiert. Der chinesische Automarkt schrumpfte im Januar um 19 Prozent, chinesische Chipkonzerne gewinnen Marktanteile. Drittens wird die Margenverbesserung länger dauern als erhofft – die bereinigte Bruttomarge soll bis 2028 von 48,2 auf 46 Prozent sinken.
Die Aktie reagierte prompt: Zeitweise verlor sie über vier Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit einem Monat. Vom Hoch bei 48,23 Euro Ende Februar ist Infineon damit 16 Prozent entfernt. Die Rallye, die die Aktie seit April 2025 von 23 Euro nach oben getragen hatte, scheint vorerst ausgelaufen. Für deutsche Anleger bedeutet das: Infineon bleibt mittelfristig interessant, kurzfristig dominieren aber die Risiken.
Krypto im Sinkflug – ETF-Abflüsse und politischer Stillstand
Der Kryptomarkt startete mit Verlusten ins Wochenende. Bitcoin fiel zeitweise unter 70.500 Dollar, Ethereum rutschte auf 2.057 Dollar – beide verloren über drei Prozent. Die Marktkapitalisierung schrumpfte um 2,3 Prozent auf 2,39 Billionen Dollar. Was steckt dahinter? Zum einen massive ETF-Abflüsse: Allein am Donnerstag flossen 228 Millionen Dollar aus Bitcoin-ETFs ab, angeführt von iShares mit 89 Millionen Dollar. Bei Ethereum waren es 91 Millionen Dollar, wobei Fidelity mit 115 Millionen Dollar den größten Abfluss verzeichnete.
Zum anderen stockt der CLARITY Act im US-Senat. Der Gesetzentwurf, der digitale Assets regulieren soll, wird von Banken blockiert – Streitpunkt sind Stablecoin-Zinsen. Die Krypto-Industrie wollte das Gesetz vor den Midterms durchbringen, doch die Banken fürchten Kapitalflucht aus klassischen Einlagen. Für Anleger bedeutet das: Die erhoffte regulatorische Klarheit bleibt aus, Unsicherheit dominiert.
Interessant ist der Kontrast zu Gold: Während Krypto-Investoren verkaufen, setzen institutionelle Anleger auf tokenisiertes Gold. Bybit und Tether vertiefen ihre Partnerschaft mit der „Golden Season"-Initiative – über eine Million Dollar in Gold-Rewards sollen Nutzer anlocken. Tethers Gold-Token XAUT, 1:1 durch physisches Gold gedeckt, wird stärker in Handels- und Sparprodukte integriert. Die Botschaft: In volatilen Zeiten suchen Anleger Stabilität – und die bietet Gold, nicht Bitcoin.
Rüstung im Aufwind – Rheinmetall, RENK und HENSOLDT erholen sich
Die Aussicht auf langanhaltende geopolitische Konflikte belebt das Interesse an Rüstungsaktien. Rheinmetall legte zeitweise 2,9 Prozent zu, RENK sprang um 7,6 Prozent, HENSOLDT gewann 3,9 Prozent. Selbst TKMS kletterte um 5,1 Prozent. Der Grund: Der Iran-Krieg zeigt keine Anzeichen einer Deeskalation, und im Ukraine-Konflikt ist ebenfalls keine Lösung in Sicht. Jefferies-Analystin Chloe Lemarie sieht in den jüngsten Kursrückgängen neue Chancen und bevorzugt Verteidigungswerte gegenüber zivilen Luftfahrtaktien.
Spannend wird das Börsendebüt des U-Boot-Zulieferers Gabler am Montag. Zudem strebt mit Vincorion ein weiterer Branchenzulieferer an die Börse. Für deutsche Anleger bedeutet das: Der Sektor bleibt gefragt, solange die Welt unsicher bleibt.
Ausblick: Ölpreise, Arbeitsmarkt und die Frage nach Zinsen
Die kommenden Tage werden zeigen, ob die vorsichtige Erholung am deutschen Aktienmarkt Bestand hat. Der DAX notierte am Freitag zeitweise über 24.000 Punkten, bleibt aber mit einem Wochenminus von knapp drei Prozent deutlich unter seinem Januar-Rekord von 25.507 Zählern. Die Ölpreise stabilisierten sich leicht, nachdem die USA Indien erlaubten, für 30 Tage russisches Öl zu kaufen – ein Versuch, den Preisdruck zu mindern. Brent stieg dennoch um 18 Prozent seit Kriegsbeginn, WTI um 21 Prozent.
Am Nachmittag stehen die US-Arbeitsmarktdaten für Februar an. Erwartet werden 59.000 neue Stellen nach 130.000 im Januar, die Arbeitslosenquote soll bei 4,3 Prozent verharren. Doch angesichts der Ölpreis-Rallye rücken Inflationsängste wieder in den Fokus. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinssenkung im März ist auf 2,7 Prozent gesunken, selbst für April liegt sie nur bei 12,8 Prozent. Stattdessen preisen Märkte erstmals eine EZB-Zinserhöhung bis Dezember mit 63 Prozent Wahrscheinlichkeit ein.
Für deutsche Anleger heißt das: Die nächsten Wochen werden volatil bleiben. Wer in Lufthansa investiert, wettet auf eine Verlängerung des Konflikts. Wer Infineon kauft, braucht Geduld und Vertrauen in die Erholung Chinas. Und wer auf Krypto setzt, muss mit weiteren Turbulenzen rechnen – zumindest bis regulatorische Klarheit herrscht.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende – und die Gelassenheit, die Märkte mit Abstand zu betrachten.
Beste Grüße
Andreas Sommer








