Kommunen treiben Digitalisierung voran – mit unterschiedlichem Tempo
Deutschlands Städte und Gemeinden digitalisieren ihre Verwaltung mit Nachdruck. Neue Landesinitiativen und lokale Pilotprojekte zeigen Fortschritte, doch der Weg zur flächendeckend digitalen Kommune bleibt steinig.
Baden-Württemberg stellt zusätzlich zehn Millionen Euro für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) bereit. Ein neuer E-Government-Pakt mit den Kommunalverbänden soll die digitale Transformation in über 1.100 Gemeinden beschleunigen. Das Innenministerium des Landes spricht von einer „Herkulesaufgabe“ und betont das Ziel nachhaltiger Lösungen. Künftig sollen landeseigene Online-Dienste für Kommunen verpflichtend werden.
Eine bundesweite Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt jedoch das Ausmaß der Herausforderung. Von den 7.509 gesetzlich vorgeschriebenen Verwaltungsleistungen sind Stand Januar 2026 erst 823 vollständig digital verfügbar. Die Studie, im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt, kritisiert frühere Fortschrittsmeldungen als überhöht. Teilweise seien Umsetzungsquoten um bis zu 31 Prozentpunkte zu optimistisch bewertet worden, weil Teil-Lösungen als vollständig galten.
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KI-Chatbots und Sensoren: So wird Digitalisierung vor Ort erlebbar
Während auf Landesebene Rahmen gesetzt werden, testen Kommunen bereits konkrete Anwendungen. Der Landkreis Barnim setzt seit dieser Woche einen KI-gestützten Chatbot für Bürgeranfragen ein. Das System versteht natürliche Sprache und gibt Auskunft zu Dienstleistungen wie Kfz-Zulassung oder Sozialleistungen – auch in einfacher Sprache.
Andere Gemeinden setzen auf „Smart City“-Lösungen: Die Stadt Gera etwa rüstet ihre Altglascontainer mit Sensoren aus, um Überfüllungen zu vermeiden. In Ebersberg und Mönchengladbach helfen digitale Dashboards, Bildungsangebote bedarfsgerecht zu steuern. Solche Projekte zeigen, wie Technologie die Lebensqualität vor Ort verbessern kann.
IT-Sicherheit „Made in Germany“ wird zur strategischen Frage
Mit jeder neuen digitalen Dienstleistung wächst die Angriffsfläche für Cyberkriminalität. Die IT-Sicherheit rückt daher immer stärker in den Fokus der Kommunen. Das Unternehmen G DATA CyberDefense wirbt mit einer komplett in Deutschland entwickelten und betriebenen Sicherheitslösung (MXDR). Sie soll Behörden umfassenden Schutz vor komplexen Angriffen bieten – und gleichzeitig die digitale Souveränität wahren.
„Die Abhängigkeit von nicht-europäischen Technologieanbietern ist ein reales Risiko“, heißt es in einer Unternehmensmitteilung. Das spezielle Gefahrenpotenzial für Städte und Gemeinden ist auch Thema des aktuellen Magazins „Cybersicherheit in Zahlen“.
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Der Faktor Mensch: Ohne Qualifizierung droht der Digitalisierungs-Stau
Die Technik allein bringt keine digitale Verwaltung. Entscheidend sind die Mitarbeiter. Der tbb beamtenbund und tarifunion thüringen fordert daher umfassende Qualifizierungsprogramme für den öffentlichen Dienst. „Die Bürger erwarten zu Recht, dass der Staat neue Technologien wie KI für effizientere Abläufe nutzt“, so ein Verbandssprecher. Die Privatwirtschaft sei hier oft weiter.
Der Bedarf ist enorm: Schon heute fehlen schätzungsweise 570.000 Fachkräfte im öffentlichen Sektor. In den kommenden zwei Jahrzehnten gehen zudem viele Beschäftigte in den Ruhestand. Künstliche Intelligenz könnte Entlastung bringen – vorausgesetzt, die Belegschaft ist darauf vorbereitet.
Experten fordern zentrale Register als „Single Point of Truth“
Trotz aller lokalen Initiativen sehen Fachleute ein grundsätzliches Strukturproblem. Professor Robert Müller-Török von der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg hält den Badener E-Government-Pakt für zu kleinteilig. „Echte Digitalisierung braucht bundesweit integrierte Lösungen“, sagt er. Derzeit behinderten zahlreiche, dezentral gepflegte Datensätze den Fortschritt. Nötig seien zentrale, konsolidierte Register als eine einzige verlässliche Quelle („Single Point of Truth“).
Ein ähnlicher Ansatz steckt hinter der Digitalstrategie Schleswig-Holstein 2026. Sie setzt auf den „digitalen Kooperationsstaat“ und eine engere Zusammenarbeit von Land, Kommunen und Zivilgesellschaft. Offene Standards und quelloffene Software sollen die digitale Souveränität stärken.
Die Zukunft der kommunalen Digitalisierung wird von zwei Strängen geprägt sein: von übergreifenden Plattformen wie dem „Deutschland-Stack“ für standardisierte Cloud-Dienste und von der weiter wachsenden Integration von KI. Das Ziel einer vollständig digitalen, bürgerfreundlichen Verwaltung ist in Reichweite – erfordert aber weiterhin großen politischen Willen, Investitionen und vor allem eines: geduldige Zusammenarbeit aller staatlichen Ebenen.








