Kapitalmarktstrategie des Staates: Gewinne kassieren, Verluste den Bürgern überlassen
In der aktuellen Episode von „Kapitalmarkt-stimme.at daily voice" nimmt Moderator Christian Drastil die österreichische Finanzpolitik und ihre Haltung zum Kapitalmarkt kritisch unter die Lupe. Der Büroleiter des Projekts analysiert dabei ein System, das er als perfekte staatliche Gewinnstrategie bezeichnet.
Die asymmetrische Teilhabe des Staates
Die Börsen befinden sich derzeit in einer kleinen Korrekturphase – eine Situation, die Anleger daran erinnert, dass es an den Märkten nicht nur aufwärts geht. Langfristig zeige sich jedoch ein positiver Trend. Während Privatanleger diese Schwankungen aushalten müssen, hat der Staat eine komfortable Position: Er verdient bei Gewinnen über die Kapitalertragsteuer (KESt) mit, sowohl bei Dividenden als auch bei Kursgewinnen. Die Verluste hingegen tragen die Anleger allein.
„Das ist die perfekte Idee, um hier einen Immergewinn am Kapitalmarkt zu machen", konstatiert Drastil. Besonders kritisch sieht er die Besteuerung von Dividenden, die bereits auf Unternehmensebene versteuert wurden und dann beim Privatanleger erneut besteuert werden.
Staatsbeteiligungen und fragwürdige Dividendenpolitik
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Dividendenpolitik bei Unternehmen mit Staatsbeteiligung. Hier würden Dividenden eingefordert, die für eine nachhaltige Investmentstory deutlich zu hoch seien. Diese Praxis verschrecke internationale Anleger und diene primär der Sanierung des Staatshaushalts. Der Staat schreibe den Unternehmen damit auch die Strategie vor – ein Recht, das ihm als Eigentümer zusteht, das aber in der Investorengemeinschaft nicht gut ankomme.
EU-Initiative zur Spareinlagen-Mobilisierung
Eine aktuelle OTS-Meldung zur EU-Initiative „Vom Sparbuch zum Kapitalmarkt" sorgt für Diskussionen. Kommissarin Albuquerque steht im Austausch mit Abgeordneten und dem Bundesrat, um Spareinlagen für mehr Wachstum und Wohlstand zu mobilisieren. Die FPÖ zeigt sich skeptisch und argumentiert, dass bei kleineren Investments der Anteil an Gebühren größer werde.
Dieses Argument weist Drastil jedoch zurück: „Mittlerweile ist mit der Sparplanwelt alles sehr, sehr günstig darstellbar. Dieses Argument geht doch ins Leere." Die SPÖ wiederum bezeichnet die KESt als ihre geringste Sorge – eine Position, die nach Drastils Einschätzung niemandem großartig weiterhilft.
Die „Lüge der Nation" und das Pensionsnarrativ
Den Kern seiner Kritik richtet Drastil gegen das politische Narrativ zur Pensionssicherheit. Die Behauptung, dass die Pensionen in ihrer jetzigen Form auch für die Zukunft gesichert seien, bezeichnet er als „Lügenation". Dieses Narrativ habe die österreichische Politik über Jahre und Jahrzehnte in die Köpfe der Bevölkerung gebracht – verbunden mit der Botschaft, der Kapitalmarkt sei grundsätzlich böse.
Als Beispiel für diese kapitalmarktkritische Haltung zitiert Drastil SPÖ-Chef Andreas Babler, der bei einem früheren Börsenrücksetzer gegenüber OE24 sagte: „Wenn es einen mittleren Börsencrash auf einmal ausgelöst durch irgendetwas auf der Welt gibt, dass die Gelder, die dort veranlagt sind, über Nacht in den Keller fallen und dass die Pension dann noch einmal ein Drittel weniger oder die Hälfte wert sein." Babler bezeichnete die Abhängigkeit von Kapitalmarktanlagen als mangelnden Respekt gegenüber Arbeitnehmern.
Vermögensverteilung als politisches Argument
Babler verwies in seiner Argumentation auf die Vermögenskonzentration: Die hundert reichsten Menschen in Österreich besäßen etwa 210 Milliarden Euro Vermögen und würden jährlich um zehn Milliarden reicher – auch in Krisenzeiten. Diese Vermögenszuwächse hätten nichts mehr mit Arbeiten zu tun, sondern nur mit dem Anlegen von Geld. „Das Geld arbeitet von sich selber und es wird einfach unmoralisch", so Babler.
Fazit: Ein systemisches Problem
Die Episode offenbart einen grundlegenden Konflikt in der österreichischen Finanzpolitik: Einerseits profitiert der Staat erheblich von Kapitalmarktaktivitäten seiner Bürger, andererseits wird politisch ein kapitalmarktkritisches Narrativ gepflegt. Die Pensionsdebatte wird dabei ohne ernsthafte Einbeziehung kapitalgedeckter Elemente geführt, während gleichzeitig die demografischen Herausforderungen des Umlageverfahrens ausgeblendet werden. Drastils Appell an die Zuhörer: „Ein bisschen nachdenken bitte."








