Die EU-Energieminister beraten heute in einer Krisensitzung über eine gemeinsame Antwort auf explodierende Öl- und Gaspreise. Hintergrund sind die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus.

Geopolitische Krise treibt Preise in die Höhe

Seit fünf Wochen ist die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) und Öls fließt, weitgehend blockiert. Der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran hat die globalen Lieferketten massiv gestört. Die Folge: Die fossilen Energieimporte der EU verteuerten sich allein in den ersten zehn Tagen der Krise ab Ende Februar um 2,5 Milliarden Euro. Bis zur vierten Woche summierten sich die Mehrkosten bereits auf rund 13 Milliarden Euro.

Der europäische Gaspreis (TTF) schnellte im März um mehr als 70 Prozent nach oben. Zwar liegt er heute bei 53,38 Euro pro Megawattstunde und damit etwas niedriger – verglichen mit dem Vorkrisenniveau von 31 Euro ist das jedoch immer noch ein drastischer Anstieg. An der Tankstelle zahlen Verbraucher in den meisten Mitgliedstaaten inzwischen über zwei Euro pro Liter.

Gefahr einer zersplitterten Reaktion

Die heutige Videoschaltung unter Vorsitz Zyperns hat ein Hauptziel: eine einheitliche europäische Antwort zu finden. Diplomatische Notizen warnen vor unkoordinierten nationalen Alleingängen. In einigen osteuropäischen Ländern gibt es bereits Preisdeckel und Rationierungen. Solche Maßnahmen könnten dem Binnenmarkt schaden und die Instabilität verschärfen.

Die finnische Klima- und Umweltministerin Sari Multala betonte die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens. In Finnland seien die Strompreise dank des fast vollständigen Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen in der Stromerzeugung stabil. Der Verkehrssektor stehe jedoch unter enormem Druck. Die tschechische Industrieministerin Karel Havlíček und andere Vertreter wollen Maßnahmen, die die Versorgungssicherheit gewährleisten, ohne Bürger und Industrie zu belasten.

Reform des Emissionshandels als zentraler Hebel

Ein Schwerpunkt der Beratungen sind Anpassungen am EU-Emissionshandelssystem (ETS). Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schlägt einen „ETS-Investitionsbeschleuniger“ mit einem Volumen von etwa 30 Milliarden Euro vor. Finanziert werden soll er durch 400 Millionen ETS-Zertifikate. Das Geld soll vor allem in die Dekarbonisierung der Industrie fließen, mit besonderer Solidarität für einkommensschwächere Mitgliedstaaten.

Um kurzfristige Preisschwankungen abzufedern, will die Kommission zudem die Schlagkraft der Marktstabilitätsreserve (MSR) erhöhen. Geplant ist, die automatische Löschung überschüssiger CO₂-Zertifikate auszusetzen, wenn die Reserve 400 Millionen Einheiten übersteigt. Eine größere Reserve soll es ermöglichen, Zertifikate gezielt in den Markt zu geben und Preisspitzen abzufangen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche äußerte unterdessen Bedenken zur geplanten europäischen Methanverordnung. In der aktuellen Fassung könnte sie Partnerländer am Export von LNG nach Europa hindern und so das Angebot weiter verknappen. Österreichs Kanzler Christian Stocker fordert radikalere Schritte: Die Ausklammerung der Gaspreise aus der ETS-Berechnung und eine Reform des „Merit-Order“-Systems, das Strompreise an die Kosten der Gasverstromung koppelt.

Unterschiedliche Resilienz der Mitgliedstaaten

Die Krise zeigt die großen Unterschiede bei der Energie-Resilienz in der EU. Laut der Denkfabrik Ember sind Länder mit hohem Gasanteil in der Stromerzeugung wie Italien extrem verwundbar. Dort beeinflusste Gas in 89 Prozent der Stunden die Strompreise. Spanien hingegen hat durch den raschen Ausbau von Wind- und Solarenergie eine Entkopplung geschafft: Gas bestimmte dort 2026 bisher nur in 15 Prozent der Stunden den Strompreis.

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez sieht darin eine Bestätigung für den ETS und die Energiewende. Investitionen in saubere Energie seien der beste Schutz vor fossilen Preisschocks. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron pocht ebenfalls auf die Beibehaltung des ETS als zentrales Instrument für Wettbewerbsfähigkeit und Wandel, fordert aber mehr Flexibilität in der Klimapolitik während der Krise.

Ausblick: Kommissionsvorschläge stehen bevor

Nach der informellen Ministerrunde richten sich die Blicke nun auf die Europäische Kommission. Sie wird voraussichtlich bereits morgen, Mittwoch, formelle Gesetzesvorschläge vorlegen. Diese sollen die Details zur MSR-Anpassung und zum Start des ETS-Investitionsbeschleunigers enthalten. Die heutigen Beratungen sind ein wichtiger Vorbote für die vollständige Überprüfung des Emissionshandelssystems im Juli 2026.

Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich von der geopolitischen Lage am Persischen Golf ab. Hält die Blockade der Straße von Hormus an, könnte der wirtschaftliche Druck auf die EU zunehmen. Sekundäreffekte wie eine neue Flüchtlingskrise oder die Verlagerung von Industrien sind weitere Befürchtungen. In den kommenden Wochen will die EU die Koordination der Gasspeicher-Füllung und den Ausbau des „Vertical Corridor“ zur Diversifizierung der Lieferwege vorantreiben. Die langfristige Strategie ist klar: Die Beschleunigung der Energiewende ist nicht länger nur ein Klimaziel, sondern eine Grundvoraussetzung für nationale Sicherheit und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit.