Die 8,6-Milliarden-Quittung, der Karenztag-Streit und das goldene Krisen-Paradoxon
Liebe Leserinnen und Leser,
„Die aktuell hohen Krankenstände sind ein echtes Problem.\" Mit diesem nüchternen Satz hat Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger heute Morgen zielsicher in ein deutsches Wespennest gestochen. Seine Forderung nach einem Karenztag – also einem unbezahlten ersten Krankheitstag – klingt fast schon beruhigend alltäglich angesichts dessen, was sich parallel am Persischen Golf abspielt.
Denn während wir über Lohnfortzahlung debattieren, eskaliert im Nahen Osten eine Krise mit dem Potenzial, die europäische Wirtschaft im Mark zu treffen. Ein US-U-Boot versenkte gestern ein iranisches Kriegsschiff vor Sri Lanka. Aserbaidschan meldet Drohnenangriffe aus dem Iran und droht mit Vergeltung. Die Straße von Hormus bleibt ein Pulverfass.
Der Preis der Eskalation: Gold über 5.100 Dollar
Wie bepreist der Kapitalmarkt ein solches Szenario? Mit einer beispiellosen Flucht in die Sicherheit. Der Goldpreis überschritt am Morgen die Marke von 5.167 US-Dollar pro Unze, nachdem er zwischenzeitlich sogar über 5.200 Dollar notierte.
Die jüngsten Entwicklungen bei den Edelmetallen zeigen deutlich, wie Anleger auf geopolitische Krisen reagieren. Börsenexperte Jörg Mahnert analysiert in seinem kostenlosen Webinar, wie die aktuellen Spannungen – von Trump-Zöllen bis Iran-Konflikt – die Edelmetallmärkte antreiben und welche konkreten Chancen sich daraus ergeben. Er zeigt, warum Silber und Gold in Krisenzeiten zur Absicherung dienen und wie Sie davon profitieren können. Details zur Edelmetall-Analyse ansehen
Doch für Europa liegt die eigentliche Gefahr bei den Energiemärkten. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte heute in Brüssel vor einem toxischen Nebeneffekt: Steigende Ölpreise infolge des Iran-Konflikts spielen Wladimir Putin direkt in die Hände und finanzieren seinen Krieg in der Ukraine. Das Institut der deutschen Wirtschaft liefert die harten Zahlen dazu: Sollte Brent-Öl die 100-Dollar-Marke durchbrechen, würde das deutsche BIP 2026 um 0,3 Prozent schrumpfen, 2027 um weitere 0,6 Prozent. Ein realer Verlust von rund 40 Milliarden Euro.
Trotz dieser düsteren Aussichten zeigt sich der DAX erstaunlich robust. Zur Mittagszeit notiert das Frankfurter Börsenbarometer bei 24.287 Zählern – ein Plus von 0,3 Prozent. Die Öl- und Gaspreise gaben ihre anfänglichen Gewinne größtenteils wieder ab. Die Hoffnung der Händler? Geheimdienstgerüchte über eine angebliche iranische Gesprächsbereitschaft. Ein Spiel auf Zeit mit extrem hohem Einsatz.
Frankfurts rote Zahlen
Während die globalen Märkte geopolitische Risiken verdauen, präsentierte die Bundesbank heute ihre eigene Bilanz: Einen Jahresverlust von 8,6 Milliarden Euro für 2025. Damit fällt die Gewinnüberweisung an den Bund im sechsten Jahr in Folge aus.
Der Silberstreif: Gegenüber dem historischen Rekordminus von über 19 Milliarden Euro im Jahr 2024 hat sich der Fehlbetrag mehr als halbiert. Bundesbankpräsident Joachim Nagel versprühte vorsichtigen Optimismus: „Wir haben zwar weiter finanzielle Belastungen zu tragen, sie lassen aber nach.\" Was er nicht sagte: Es bleibt die schmerzhafte Zeche für die geldpolitischen Exzesse der Vergangenheit.
KI schlägt Rüstung
Auf Unternehmensebene offenbart sich heute eine aufschlussreiche Divergenz. Die Aixtron-Aktie kletterte am Vormittag auf bis zu 31,14 Euro und nimmt damit das 12-Monats-Hoch ins Visier. Der Treiber: die unstillbare Nachfrage nach GaN-Halbleitern für die Energieversorgung gigantischer KI-Rechenzentren. Beim Mobile World Congress in Barcelona rief Honor-CEO James Li gestern die Integration von KI zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten zum zentralen Zukunftspfad aus.
Ganz anders die Stimmung bei Renk. Obwohl der Rüstungszulieferer für 2025 Rekorde bei Umsatz und Neugeschäft vermeldete, gaben die Papiere um bis zu vier Prozent nach. Der Grund: ein enttäuschender Barmittelfluss und ein Ausblick, der den Analysten zu vage und am unteren Ende der Erwartungen lag. Selbst im Rüstungsboom gilt: Operative Exzellenz und solider Cashflow bleiben die harte Währung.
Der Blick nach vorn
Die deutsche Wirtschaft navigiert durch ein komplexes Spannungsfeld. Auf der einen Seite globale Risiken und fragile Lieferketten – über 61 Prozent der deutschen Firmen in Taiwan nennen das schwache Weltwirtschaftswachstum und die Spannungen mit China als größte Hürden. Auf der anderen Seite hausgemachte Strukturprobleme: 1,26 Millionen offene Stellen Ende 2025, Debatten über Krankenstände und ein Verdi-Streik im Ruhrgebiet, der am Samstag den Nahverkehr in Bochum, Gelsenkirchen und Herne lahmlegen wird.
Die kommenden Tage werden entscheidend – vor allem mit Blick auf den Persischen Golf. Die Märkte klammern sich an die Hoffnung einer diplomatischen Lösung. Sollte diese enttäuscht werden, dürfte der heutige Goldpreis von über 5.100 Dollar nur ein Vorgeschmack gewesen sein.
Ich wünsche Ihnen einen klaren Kopf und einen erfolgreichen restlichen Handelstag.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








