Liebe Leserinnen und Leser,

nach der globalen Rekordjagd zum Wochenstart kehrt in Frankfurt heute die Nüchternheit zurück. Während man in Tokio den „Takaichi-Boom“ weiter feiert und die Wall Street ihren 50.000-Punkte-Rausch verdaut, fühlt sich der Handelstag am Main an wie das Ausharren in einem überfüllten Wartezimmer. Man weiß, der Arzt – in Gestalt der US-Notenbank und des Arbeitsministeriums – wird die Tür bald öffnen, doch bis dahin herrscht bleierne Ungewissheit.

Der DAX klebt förmlich an der 25.000-Punkte-Marke. Er kann sich nicht lösen, will aber das Feld auch nicht kampflos räumen. Doch der Schein trügt: Unter der ruhigen Oberfläche findet eine brutale Rotation statt. Tech-Hoffnungen werden rasiert, alte „Old Economy“-Sorgenkinder feiern Wiederauferstehung, und auf dem diplomatischen Parkett probt ein französischer Präsident den Alleingang.

Herzlich willkommen zu Ihrem Marktüberblick am Dienstagmittag.

Frankfurt im psychologischen Schwitzkasten

Wer gestern Abend auf den Kurszettel blickte, sah eine kleine Sensation: Der DAX schloss am Montag mit einem Plus von 1,2 Prozent bei 25.014 Punkten. Die massive psychologische Mauer schien durchbrochen. Doch die Freude entpuppte sich heute Morgen als verfrüht. Der Leitindex startete prompt im Minus und pendelt seitdem lustlos um die Nulllinie zwischen 24.950 und 25.000 Zählern.

Es ist eine Pattsituation. Das Rekordhoch vom Januar (über 25.500 Punkte) liegt in Sichtweite, doch ohne frische Impulse aus den USA fehlt den Bullen die Kraft für den finalen Anstieg. Der Kontrast zu Japan könnte kaum schärfer sein: Dort trieb der Wahlsieg von Sanae Takaichi den Nikkei heute Nacht auf ein neues Allzeithoch von über 57.600 Punkten (+2,3 %). Während Tokio auf staatliche Konjunkturspritzen wettet, regiert in Frankfurt vorerst die Vorsicht – und der gnadenlose Blick auf die fundamentalen Daten der Unternehmen.

TeamViewer: Ein Offenbarungseid in Raten

Wenn ein Softwarekonzern, der einst als leuchtender Stern am deutschen Tech-Himmel galt, für das Jahr 2026 ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von „0 bis 3 Prozent“ in Aussicht stellt, ist das an der Börse kein Warnschuss mehr. Es ist eine Kapitulation.

TeamViewer legte heute Zahlen vor, die auf den ersten Blick solide wirkten: 2025 stieg der Umsatz um 5 Prozent, das EBITDA kletterte um 8 Prozent. Doch die Börse handelt die Zukunft, und die Göppinger haben offensichtlich keine Wachstumsstory mehr zu erzählen. Die Aktie wurde heute Vormittag massiv abgestraft und brach um über 7 Prozent auf rund 5,50 Euro ein.

Das Management schafft den Sprung vom Pandemie-Gewinner zum nachhaltigen Wachstumsunternehmen schlicht nicht. Dass Analysten von RBC die Aktie trotz dieser Prognose noch mit „Outperform“ bewerten, wirkt in diesem Kontext fast schon wie unfreiwilliger Galgenhumor.

TUI: Reiselust schlägt Sparzwang

Das genaue Gegenteil dieser Tristesse erleben wir bei TUI. Der Reise-Riese, lange Zeit das Sorgenkind im Depot vieler Privatanleger, meldet sich eindrucksvoll zurück. Das erste Geschäftsquartal (bis Ende Dezember) – traditionell eher eine Durststrecke für Touristiker – lieferte das beste operative Ergebnis der Konzerngeschichte: Ein bereinigtes EBIT von 77 Millionen Euro.

Vor allem die Kreuzfahrtsparte boomt und liefert Rekordgewinne, während TUI gleichzeitig die Schulden weiter abbaut. Die soziologische Botschaft hinter den Zahlen ist faszinierend: Die Verbraucher sparen vielleicht am Bio-Gemüse (dieser Markt wuchs laut BÖLW nur noch um 6,7 %), aber der Urlaub ist unantastbar. Die Aktie reagierte stabil, und die Analysten der Deutschen Bank rufen bereits Kursziele von 12 Euro aus. Der Turnaround scheint hier, anders als in der Software-Branche, geglückt.

Geopolitik: Macrons Solo und die neue Weltordnung

Während die Märkte rechnen, wird in Paris Politik gemacht. Emmanuel Macron sorgte heute für Aufsehen mit der Forderung, Europa müsse den direkten Dialog mit Wladimir Putin wiederaufnehmen. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ stellte er klar: Die Friedenslösung in der Ukraine könne nicht allein an Washington delegiert werden.

Der Zeitpunkt für diesen Vorstoß ist pikant gewählt. Zeitgleich ist Israels Premier Benjamin Netanjahu auf dem Weg nach Washington, um US-Präsident Trump zu treffen. Die Themen: Iran und Gaza. Wir sehen hier live, wie sich die geopolitischen Achsen im Jahr 2026 verschieben. Europa sucht verzweifelt nach einer eigenen Stimme, während in den USA die Weichen für den Nahen Osten neu gestellt werden. Für Anleger bedeutet das: Das politische Risiko bleibt die einzige Konstante in der Kalkulation.

Krypto & Co: Die Rückkehr der Skepsis

Ein Blick auf die digitalen Assets bestätigt das Bild der Verunsicherung. Bitcoin kämpft schwer und ist wieder unter die 70.000-Dollar-Marke gerutscht (aktuell rund 68.800 Dollar). Der „Fear & Greed Index“ für den Krypto-Sektor ist auf extrem niedrige Werte gefallen – ein Stimmungsbild, das wir in dieser Härte seit dem FTX-Crash nicht mehr gesehen haben.

Interessant ist hierbei die Rolle von Michael Burry („The Big Short“). Der berühmte US-Investor twitterte eine Warnung zur Palantir-Aktie und deutete ein charttechnisches Verkaufssignal an. Wenn Burry „an etwas arbeitet“, hören die Märkte zu – auch wenn seine Trefferquote in den letzten Jahren durchaus schwankend war. Es passt jedoch ins Bild: Die High-Flyer werden hinterfragt, die Substanz gesucht.

Was den Rest der Woche entscheidet

Der heutige Dienstag ist nur das Vorgeplänkel. Der wahre Belastungstest für die 25.000 Punkte im DAX kommt morgen mit den US-Arbeitsmarktdaten und am Freitag mit dem entscheidenden Inflationsbericht. Bis dahin dürften wir dieses nervöse Pendeln weiter beobachten.

Behalten Sie auch die Commerzbank im Auge – die Gerüchte um eine Übernahme durch Unicredit rissen die Aktie gestern um über 4 Prozent nach oben. Wo im Bankensektor Rauch aufsteigt, ist oft auch Feuer.

Ich wünsche Ihnen einen profitablen Handelstag. Bleiben Sie skeptisch, aber optimistisch.

Herzlichst,

Ihr

Eduard Altmann