Liebe Leserinnen und Leser,

während in Seoul die Börsencomputer am Mittwochmorgen den Dienst quittierten – der Kospi war nach einem Absturz von über 12 Prozent schlicht nicht mehr handelbar –, herrschte zur Mittagszeit auf dem Frankfurter Parkett eine fast gespenstische Ruhe. Keine Euphorie, wohlgemerkt. Eher das kollektive Durchatmen nach einem Nahtoderlebnis.

Seit Freitag hat der DAX knapp 1.500 Punkte verloren, fast 7 Prozent seines Wertes. Heute Mittag wagte das deutsche Börsenbarometer einen zaghaften Erholungsversuch und kletterte um 1,4 Prozent zurück über die Marke von 24.100 Punkten. Der Katalysator? Ein Post auf „Truth Social\". US-Präsident Donald Trump kündigte an, amerikanische Kriegsschiffe in die Straße von Hormus zu entsenden, um Öltanker zu eskortieren und Versicherungsgarantien zu übernehmen.

In einer Welt, in der 20 Prozent des globalen Öl- und Gasangebots durch ein Nadelöhr fließen, das de facto blockiert ist, greifen Investoren nach jedem Strohhalm. Doch die fundamentale Lage bleibt hochgradig toxisch.

Die Kriegsprämie ist angekommen

Die Eskalationsspirale im Nahen Osten hat eine neue Dimension erreicht. Nach den verheerenden US-israelischen Schlägen, die laut Berichten zum Tod des iranischen Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei führten, und den massiven iranischen Raketen-Gegenangriffen auf neun arabische Staaten ist die viel zitierte Kriegsprämie vollends in den Rohstoffmärkten eingepreist.

Die Sorte Brent sprang auf fast 84 US-Dollar – ein Plus von rund 15 Prozent seit dem vergangenen Freitag. Die Schockwellen erreichen den deutschen Mittelstand in Echtzeit: Der Dieselpreis durchbrach am Morgen die psychologisch wichtige Marke von 2 Euro (ADAC-Schnitt: 2,054 Euro). E10 kratzt an der Zwei-Euro-Schwelle.

In Berlin hat die Koalition eilig eine Taskforce eingesetzt, doch eine Spritpreisbremse lehnt das Wirtschaftsministerium bislang ab. Die Nervosität ist greifbar – nicht nur hierzulande. Spaniens Premierminister Pedro Sánchez stellte sich demonstrativ gegen die US-israelische Offensive und riskierte damit offene Handelsdrohungen aus dem Weißen Haus. Europa steht einmal mehr zerrissen zwischen Bündnistreue und der blanken Angst vor dem ökonomischen Kollaps durch explodierende Energiekosten.

Corporate Germany im Zahlenhagel

Als wäre die geopolitische Lage nicht komplex genug, mussten Investoren eine Flut von Unternehmenszahlen verarbeiten. Das Fazit fällt ernüchternd aus: Auch jenseits von Hormus hat die deutsche Wirtschaft ihre Hausaufgaben nicht erledigt.

Continental präsentierte zwar eine auf 2,70 Euro erhöhte Dividende, musste aber für 2025 einen Nettoverlust von 165 Millionen Euro ausweisen – ein teures Erbe der Aumovio-Abspaltung. Die Prognose für 2026 fiel den Analysten zu mager aus, die Aktie gab nach.

Noch düsterer sieht es bei Traton aus. Die VW-Nutzfahrzeugtochter kappte die Dividende drastisch von 1,70 auf 0,93 Euro und warnte vor den Belastungen durch US-Zölle. Die Quittung: ein vorbörslicher Kursrutsch von 5 Prozent. Bei Bayer (steigende Verschuldung auf über 32 Milliarden Euro, anhaltende US-Rechtsstreitigkeiten) und Adidas (Prognose unter Erwartungen, Kritik an der Vertragsverlängerung von CEO Gulden) dominierten ebenfalls die Verkäufer.

Ein regelrechtes Debakel erlebte Redcare Pharmacy. Nach enttäuschenden Zahlen und einem schwachen Ausblick brach das Papier um über 14 Prozent ein – der tiefste Stand seit Anfang 2023. Den seltenen Lichtblick lieferte der Autovermieter Sixt, der nach einem Rekordumsatz 2025 um 7 Prozent zulegte.

Das Krypto-Paradoxon und Washingtons Wett-Skandal

Während Gold paradoxerweise Federn ließ (ein Minus von 3 Prozent auf rund 5.160 Dollar), erlebte Bitcoin eine erstaunliche Renaissance. Die Kryptowährung durchbrach die Marke von 71.000 Dollar. Analysten reiben sich die Augen: Ausgerechnet das hochvolatile Digitalgeld fungiert in dieser Krise als erstaunlich robuster Puffer, gestützt von massiven ETF-Zuflüssen und institutionellen Käufen in einem von extremer Angst geprägten Marktumfeld.

Anzeige

Das bringt mich zu einem wichtigen Punkt für Ihr Portfolio: Während Gold in dieser Krise überraschend nachgibt, analysiert Rohstoff-Experte Jörg Mahnert in seinem Webinar, warum Edelmetalle in geopolitischen Krisenzeiten historisch unterschiedlich reagieren – und welche konkreten Strategien sich daraus ableiten lassen. Er zeigt, wie Anleger die aktuelle Rohstoffmarkt-Volatilität durch Trumps Politik und die Nahost-Eskalation gezielt nutzen können. Details zur Edelmetall-Strategie in Krisenzeiten

Gleichzeitig braut sich in Washington ein Skandal zusammen, der die Schattenseiten der neuen Finanzwelt offenlegt. US-Gesetzgeber nehmen Prognosemärkte wie Polymarket ins Visier. Der Vorwurf: „Insiderhandel bei Tageslicht\". Ein Nutzer namens ‚Magamyman' soll rund eine Stunde vor Bekanntwerden der Iran-Schläge hochprofitable Wetten platziert und über eine halbe Million Dollar abkassiert haben. Insgesamt flossen über 500 Millionen Dollar in entsprechende Kontrakte. Dass Donald Trump Jr. im Beirat von Polymarket sitzt, verleiht der Affäre zusätzliche politische Sprengkraft.

Was bedeutet das für uns?

Wir erleben einen Markt, der auf Sicht fährt – und der Nebel ist dicht. Die UCLA Anderson Forecast prognostiziert für die USA zwar ein robustes Wachstum von 3 Prozent für 2026, befeuert durch Trumps Steuersenkungen und gigantische KI-Investitionen. Doch diese Modelle könnten Makulatur sein, sollte der Ölpreis bei einer anhaltenden Eskalation in Richtung 100 oder gar 120 Dollar marschieren.

Die heutige Stabilisierung des DAX ist ein rein psychologisches Pflaster, gestützt auf die Hoffnung, dass die US-Marine den globalen Energie-Infarkt verhindern kann. Doch die physische Realität – von brennenden Raffinerien im Nahen Osten bis hin zu gestiegenen Frachtraten – lässt sich nicht einfach weg-tweeten.

Behalten Sie in den kommenden Tagen vor allem die Anleihemärkte im Blick. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist bereits auf 2,78 Prozent geklettert, getrieben von der Furcht, dass der Ölpreisschock die Inflation zurückbringt und die EZB bei Zinssenkungen zögern lässt.

Ich wünsche Ihnen trotz der turbulenten Nachrichtenlage einen klaren Kopf und einen erfolgreichen restlichen Mittwoch.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann