Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Momente, in denen sich die Börse nicht mehr von Quartalszahlen oder Zentralbankentscheidungen leiten lässt – sondern von Drohnen über Katar und geschlossenen Meerengen. Der DAX fällt zeitweise über 4 Prozent, Brent-Öl klettert Richtung 81 Dollar, europäisches Erdgas explodiert um 30 Prozent. Und während die Schlagzeilen von Teheran dominiert werden, offenbart sich in den Einzelwerten eine zweite, oft übersehene Realität: Beiersdorf bricht nach enttäuschendem Ausblick um 18 Prozent ein, NVIDIA und AMD verlieren vorbörslich über 3 Prozent wegen neuer China-Exportlimits, und Amazons Cloud-Infrastruktur in den Emiraten wird von iranischen Drohnen getroffen. Drei Geschichten, die zeigen: Geopolitik ist längst kein externes Risiko mehr – sie ist ins operative Geschäft eingedrungen.

Der DAX und die Straße von Hormus: Eine Rechnung mit vielen Unbekannten

Der deutsche Leitindex startete 1,75 Prozent schwächer bei 24.207 Punkten – und baute die Verluste im Tagesverlauf massiv aus. Zwischenzeitlich rutschte der DAX bis auf 23.611 Zähler, ein Minus von über 4 Prozent. Damit fiel er nicht nur unter die psychologisch wichtige 24.000er-Marke, sondern auch unter die 100-Tage-Linie, die aktuell bei rund 24.400 Punkten verläuft. Seit dem Allzeithoch Mitte Januar bei 25.508 Punkten sind nun fast 2.000 Zähler verloren gegangen – und das in einem Umfeld, in dem Analysten noch vor Kurzem einen Vorstoß Richtung 26.000 Punkte für möglich hielten.

Die Ursache liegt auf der Hand: Die fortgesetzten militärischen Operationen der USA und Israels gegen den Iran sowie die Gegenangriffe Teherans auf Ziele in den Golfstaaten haben die Sorge vor einer Energiekrise wiederbelebt. Der Iran schloss die Straße von Hormus – jene Meerenge, durch die täglich rund ein Fünftel der globalen Öltransporte fließen. Brent-Öl stieg im frühen Handel um über 4 Prozent auf 81,10 Dollar, WTI-Crude kletterte auf 74,05 Dollar. Noch dramatischer: Europäisches Erdgas verteuerte sich zeitweise um 30 Prozent auf 59,44 Euro je Megawattstunde, nachdem Katar die Produktion von verflüssigtem Erdgas (LNG) nach einem Drohnenangriff auf die zentrale Ras-Laffan-Anlage einstellte.

„Die militärische Eskalation im Nahen Osten erhöht die Risiken für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte erheblich", schrieben die Experten der NordLB am Morgen. Entscheidend sei die Dauer und Intensität der Auseinandersetzung. US-Präsident Donald Trump kündigte an, die Attacken würden vier bis fünf Wochen dauern – „aber wir haben die Fähigkeit, auch weitaus länger durchzuhalten". Diese Ungewissheit belastet die Märkte massiv. Bei der Commerzbank wird angesichts steigender Ölpreise auch auf Inflationsrisiken verwiesen, die baldige Zinssenkungen der EZB unwahrscheinlich machen könnten. Sollte Brent nachhaltig über 100 Dollar steigen, rechnen Analysten mit einem Inflationsschub von bis zu 0,5 Prozentpunkten in der Eurozone – ein Szenario, das die EZB in ein echtes Dilemma stürzen würde.

Beiersdorf: Wenn der Ausblick die Bewertung neu definiert

Während der Gesamtmarkt unter geopolitischem Druck stand, erlebte Beiersdorf einen hausgemachten Absturz. Die Aktie des Konsumgüterkonzerns brach zeitweise um über 18 Prozent auf ein Vierjahrestief ein – und das, obwohl das Unternehmen ein Aktienrückkaufprogramm über 750 Millionen Euro ankündigte. Der Grund: Beiersdorf rechnet für das laufende Jahr allenfalls mit einem geringen Wachstum. Analysten monierten schwache Prognosen sowohl für das erste Quartal als auch für das Gesamtjahr. Die Botschaft ist eindeutig: In einem Umfeld steigender Energiekosten und unsicherer Konsumstimmung reicht es nicht mehr, auf vergangene Stärken zu verweisen.

Der Fall Beiersdorf zeigt exemplarisch, wie schnell sich Bewertungen ändern können, wenn die Wachstumsstory ins Wanken gerät. Der Hamburger Konzern hatte in den vergangenen Jahren von starken Marken wie Nivea und Eucerin profitiert – doch nun scheint der Gegenwind aus Inflation, schwacher Kaufkraft und zunehmender Konkurrenz die Margen zu belasten. Für Anleger ist das eine Erinnerung daran, dass auch vermeintlich defensive Konsumwerte nicht immun gegen zyklische Abschwünge sind.

NVIDIA und AMD: Wenn China-Politik die KI-Story bremst

Während die Märkte auf den Nahen Osten blickten, kam aus Washington eine Nachricht, die für die Halbleiterbranche langfristig mindestens ebenso bedeutsam sein könnte: Die US-Regierung erwägt laut einem Bloomberg-Bericht eine drastische Verschärfung der Exportkontrollen für KI-Chips nach China. Konkret wird diskutiert, den Export von NVIDIAs H200-Chips auf etwa 75.000 Einheiten pro Kunde zu begrenzen. Diese Maßnahme würde über bisherige qualitative Beschränkungen hinausgehen und erstmals auch quantitative Obergrenzen einführen.

Die Reaktion der Finanzmärkte ließ nicht lange auf sich warten: NVIDIA-Aktien sackten im vorbörslichen Handel zeitweise um 3,05 Prozent auf 176,83 Dollar ab, AMD-Titel verloren 3,91 Prozent auf 190,91 Dollar. Investoren fürchten eine dauerhafte Beeinträchtigung des China-Geschäfts – denn China stellt für beide Unternehmen einen der wichtigsten Absatzmärkte dar. Die ständigen Anpassungen an neue regulatorische Hürden verursachen nicht nur logistischen Aufwand, sondern mindern auch die Planungssicherheit erheblich.

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Für die globale KI-Landschaft könnte diese Entwicklung weitreichende Folgen haben. Während die US-Regierung argumentiert, dass solche Schritte notwendig seien, um die militärische Nutzung von KI-Technologie durch China zu unterbinden, warnen Branchenexperten vor unbeabsichtigten Nebenwirkungen: Eine zu strikte Abriegelung könnte den Druck auf China erhöhen, die eigene Halbleiterproduktion schneller als erwartet voranzutreiben und autarke Ökosysteme zu schaffen. Sollten die Pläne tatsächlich in geltendes Recht umgesetzt werden, stünde der Halbleiterbranche eine tiefgreifende Umstrukturierung ihrer globalen Lieferketten bevor.

Amazon und die Cloud: Wenn Drohnen Rechenzentren treffen

Eine weitere Nachricht aus dem Konfliktgebiet zeigt, wie direkt die Eskalation im Nahen Osten mittlerweile die Geschäftsmodelle globaler Tech-Konzerne trifft: Drohnenangriffe im Zuge der militärischen Eskalation haben zwei Rechenzentren der Amazon-Tochter AWS in den Vereinigten Arabischen Emiraten direkt getroffen und beschädigt. Zudem wurde in Bahrain eine Einrichtung durch einen Einschlag in unmittelbarer Nähe beeinträchtigt. Die Angriffe verursachten strukturelle Schäden und Unterbrechungen der Stromversorgung, teils waren Löscharbeiten nötig, wodurch zusätzliche Wasserschäden entstanden.

AWS bestätigte, dass die Ausfälle im Zusammenhang mit dem „andauernden Konflikt im Nahen Osten" stehen. Kunden der Cloud-Sparte meldeten erhöhte Fehlerraten und eingeschränkte Verfügbarkeit zentraler Dienste. Das Unternehmen riet Kunden, Daten zu sichern und Anwendungen gegebenenfalls in andere AWS-Regionen zu verlagern. Laut AWS wird es „mindestens einen Tag" dauern, bis Stromversorgung und Konnektivität vollständig wiederhergestellt sind. Das Umfeld bleibe angesichts des Konflikts „unvorhersehbar".

Für Investoren ist das eine Erinnerung daran, dass auch scheinbar immaterielle Geschäftsmodelle wie Cloud-Computing physische Infrastruktur benötigen – und diese Infrastruktur kann Ziel von Angriffen werden. Die Amazon-Aktie notierte im vorbörslichen NASDAQ-Handel zeitweise 2,19 Prozent tiefer bei 203,82 Dollar.

Was bleibt: Drei Lehren für Anleger

Erstens: Geopolitische Risiken sind keine abstrakten Szenarien mehr, sondern operative Realität. Ob DAX-Konzerne, Chip-Hersteller oder Cloud-Anbieter – alle sind direkt oder indirekt betroffen.

Zweitens: Auch in Krisenzeiten gibt es keine Einbahnstraße. Während Reise- und Industriewerte unter Druck stehen, profitieren Rüstungsaktien und defensive Versorger. Die Deutsche Börse etwa legte um 2,4 Prozent zu, nachdem zwei Investmentbanken die Aktie als möglichen Profiteur starker Marktbewegungen hochstuften.

Drittens: Die Dauer der Eskalation wird entscheidend sein. Sollte der Konflikt tatsächlich vier bis fünf Wochen andauern, wie Trump prognostiziert, dürften die Märkte sich an ein neues Normalmaß an Volatilität gewöhnen. Dauert er länger, könnte aus der aktuellen Korrektur ein tieferer Einschnitt werden.

In den kommenden Tagen stehen wichtige US-Arbeitsmarktdaten an – doch ob diese noch die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen, hängt davon ab, was über der Straße von Hormus geschieht.

Beste Grüße und einen besonnenen Handelstag,
Andreas Sommer