Das Teheran-Ultimatum, die 25.000er-Illusion und der Zins-Schock
Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Wochenenden, an denen die Weltkarte und der Kurszettel zwei völlig verschiedene Geschichten erzählen. Wer am Freitagabend den Handelsraum verließ, tat dies im Rausch der Rekorde: Der DAX hat die monumentale Hürde von 25.000 Punkten nicht nur touchiert, sondern durchbrochen. Auch der S&P 500 und Gold eilen von Gipfel zu Gipfel. Doch während die Algorithmen noch feiern, blickt die Weltöffentlichkeit an diesem Sonntag mit angehaltenem Atem auf den Iran.
Die Diskrepanz könnte kaum schriller sein: Hier die digitale Party der Liquidität, dort die analogen Flammen eines geopolitischen Flächenbrands. Leben die Märkte in einer Blase der Verdrängung? Oder antizipieren sie zynisch, dass Chaos in Nahost die Zinsen weiter drückt?
In dieser Ausgabe analysieren wir die Risse im Fundament der Rekordjagd, das riskante populistische Spiel des US-Präsidenten mit dem Bankensektor und warum Kanzler Merz in Indien gerade versucht, die deutsche Rüstungsindustrie als neuen Konjunkturmotor zu zünden.
Ich wünsche Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre zum Wochenausklang.
Ihr
Eduard Altmann
Das geopolitische Pulverfass: Teheran am Kipppunkt
Die Bilder, die uns an diesem Wochenende aus dem Iran erreichen, besitzen eine andere Qualität als frühere Protestwellen. Menschenrechtsorganisationen melden bereits mindestens 116 Tote – darunter 78 Demonstranten und 38 Sicherheitskräfte. Über 2.600 Verhaftungen und eine seit vier Tagen anhaltende Internetblockade zeugen von der Nervosität des Regimes.
Für die Märkte wird die Lage durch die Reaktion aus Washington explosiv. US-Präsident Donald Trump nutzt seine zweite Amtszeit nicht für diplomatische Zurückhaltung, sondern gießt via Truth Social Öl ins Feuer. Seine Zusage („Die USA sind bereit zu helfen!!!“) gepaart mit Berichten über erwogene militärische Schläge, falls Teheran die Proteste blutig niederschlägt, erhöht das Risiko einer direkten Konfrontation massiv.
Die Analyse: Die Rhetorik eskaliert beidseitig, da Teheran offen mit Vergeltung an US-Stützpunkten droht. Für die Weltwirtschaft ist dies das klassische „Schwarze Schwan“-Szenario. Dass die Ölmärkte bisher relativ gelassen reagierten, liegt an Trumps parallelem Vorstoß, venezolanisches Öl in den Markt zu drücken. Doch diese Rechnung geht nur auf, solange die Straße von Hormus offen bleibt. Interessantes Detail am Rande: Dass sich Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, nun als Führungsfigur positioniert, deutet darauf hin, dass strategische Kreise im Westen bereits aktiv an einer Post-Mullah-Ära arbeiten.
DAX 25.000: Der Tanz auf dem Vulkan
Es ist vollbracht: Der deutsche Leitindex hat die Woche über der psychologisch massiven Marke von 25.000 Punkten beendet. Parallel dazu kratzt der Dow Jones an der 50.000er-Schwelle. Die Börsenampeln stehen auf Grün.
Doch wer unter die Motorhaube der „Deutschland AG“ blickt, sieht keinen gut geölten Motor, sondern Warnleuchten. Die Realwirtschaft sendet Signale, die diametral zur Kursentwicklung stehen:
* Export-Schwäche: Die jüngsten Daten zeigen das größte Exportminus seit anderthalb Jahren.
* Job-Kahlschlag: Zalando schließt sein Logistikzentrum in Erfurt. 2.700 Beschäftigte stehen vor dem Aus – ein bitteres Signal für den Osten und ein Indiz, dass auch der E-Commerce-Boom seine Sättigungsgrenze erreicht hat.
* Führungs-Chaos: Bei der BayWa muss Chef Frank Hiller seinen Hut nehmen.
Der Kontext: Die Diskrepanz zwischen Rekordkursen und realwirtschaftlicher Erosion erklärt sich durch die Flucht in Sachwerte und die Hoffnung auf unendliche Liquidität. Zwar zeigte die Industrieproduktion im November den dritten Anstieg in Folge, doch der Markt preist derzeit das Szenario „Das Schlimmste ist vorbei“ ein und blendet die geopolitischen Risiken fast fahrlässig aus.
Kanzlerreise: U-Boote statt Yoga
Bundeskanzler Friedrich Merz weilt dieses Wochenende nicht in Berlin, sondern in Indien. Dabei geht es weniger um kulturellen Austausch als um harte Geostrategie und Orderbücher.
Im Fokus steht ein potenzieller Milliarden-Deal für ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). Berichten zufolge rückt der Auftrag für neue U-Boote in greifbare Nähe. In einer Zeit, in der zivile Exporte schwächeln, erweist sich die Rüstungsindustrie zunehmend als Stütze der deutschen Konjunktur.
Flankiert wird dies durch den Durchbruch beim Mercosur-Abkommen. Nach 25 Jahren zäher Verhandlungen haben die EU-Staaten den Weg geebnet. Es ist ein spätes, aber notwendiges Erwachen: Europa realisiert, dass es ohne enge Bindung an Südamerika und Indien im Sandwich zwischen Trumps "America First" und Xi Jinpings China zerrieben wird.
Trumps Populismus-Schock für die Banken
Während wir in Europa oft gebannt auf Trumps Außenpolitik starren, braut sich in den USA innenpolitisch ein Sturm zusammen, der die Wall Street direkt trifft. Der Präsident plant offenbar einen Zinsdeckel für Kreditkarten.
Was populistisch als Entlastung der Bürger verkauft wird, ist ein frontaler Angriff auf die Margen der US-Finanzindustrie. Es demonstriert Trumps Bereitschaft, in seiner zweiten Amtszeit klassische Marktprinzipien zu opfern, wenn es der Stimmung an der Basis dient. Gleichzeitig erhöht er den Druck auf US-Ölkonzerne, Milliarden in Venezuela zu investieren – eine rein pragmatische Volte für niedrige Benzinpreise, die ideologische Bedenken gegenüber Caracas einfach wegwischt.
Unterdessen holt die Realität auch General Motors ein: Milliardenabschreibungen im E-Auto-Geschäft zeigen, dass die Euphorie der frühen 2020er Jahre einer harten Ernüchterung gewichen ist.
Rohstoffe: Die Mega-Fusion und der Gold-Rausch
Wer wissen will, wie nervös das „Smart Money“ wirklich ist, muss nur auf den Goldpreis schauen. Das Edelmetall hat die Marke von 4.500 US-Dollar durchbrochen und nimmt Kurs auf 4.530 Dollar. In einer Welt, in der Währungen durch Schulden verwässert werden und geopolitische Brandherde lodern, bleibt Gold der ultimative Fluchtpunkt.
Noch spannender ist jedoch die Bewegung im Bergbausektor: Glencore und Rio Tinto verhandeln offenbar über eine Fusion. Sollte dieser Deal zustande kommen, entstünde der größte Bergbaukonzern der Welt. Es ist eine gigantische Wette auf Ressourcenknappheit. Die Botschaft der Insider ist klar: Rezession hin oder her, der Hunger der Welt nach Kupfer, Lithium und Co. wird ungebrochen bleiben.
Die Quintessenz
Wir starten morgen in eine Woche der Wahrheit. Die Berichtssaison der US-Großbanken wird zeigen, ob die Gewinne die hohen Bewertungen noch rechtfertigen, während neue Inflationsdaten den Spielraum der Notenbanken definieren.
Bleiben Sie wachsam. In Zeiten, in denen Kanzler U-Boote als Wirtschaftshilfe verkaufen und Präsidenten via Social Media militärische Drohungen ausstoßen, ist das Depot mehr als eine Ansammlung von Zahlen – es ist ein Spiegel der Weltgeschichte. Und dieser Spiegel zeigt derzeit Risse.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.








