Liebe Leserinnen und Leser,

nach dem politischen Donnergrollen, das gestern durch das Vorladungs-Drama um Fed-Chef Jerome Powell die Märkte erschütterte, folgt heute die ökonomische Stille. Es ist jenes trügerische Innehalten, das Händler fürchten: Auf dem Frankfurter Parkett herrscht am Dienstagmittag eine fast greifbare Anspannung.

Nachdem der DAX gestern noch euphorisch die 25.400-Punkte-Marke durchbrach und damit den sechsten Rekordtag in Folge feierte, dominiert nun das Abwarten. Wir schreiben den 13. Januar 2026, und der Blick der Finanzwelt ist starr auf Washington gerichtet. Dort entscheidet sich in Kürze, ob die jüngste Rallye auf einem Fundament aus Beton oder auf Treibsand gebaut ist.

Hier ist, was Sie heute wissen müssen.

Die 2,7-Prozent-Wette

Die Bildschirme in Frankfurt und an der Wall Street zeigen heute Mittag kaum Bewegung, doch das ist nur die Ruhe vor dem Datensatz. Um 14:30 Uhr unserer Zeit (13:30 UTC) legt das US-Arbeitsministerium die Verbraucherpreisdaten (CPI) für den Dezember 2025 auf den Tisch.

Der Konsens der Analysten gleicht einer Präzisionslandung: Erwartet wird eine Jahresrate von 2,7 Prozent – sowohl für die Gesamt- als auch für die Kerninflation, bei einem Monatsanstieg von 0,3 Prozent. Doch die Brisanz liegt im Kontext. Nach den gestrigen Attacken Donald Trumps auf die Notenbank sind diese Zahlen nicht mehr nur Statistik, sondern politische Munition.

Während der Markt auf eine Zinspause der Fed Ende Januar wettet, warnen die Strategen von TD Securities vor verfrühtem Optimismus. Ihre Prognose: Die Kerninflation könnte erst im zweiten Quartal 2026 ihren Gipfel bei 3 Prozent erreichen. Das Szenario „Higher for longer“ ist damit keineswegs vom Tisch. Sollten die Daten heute heißer ausfallen als erwartet, gerät Jerome Powell in eine Zwickmühle zwischen ökonomischer Notwendigkeit und politischem Druck. Der DAX zollt dieser Unsicherheit Tribut und notiert zur Mittagszeit leicht leichter bei 25.355 Punkten (-0,2 %). Thomas Altmann von QC-Partners spricht treffend von einem „massiv überkauften“ Markt, der nach Konsolidierung schreit.

Die stille Revolution der 14 Millionen

Während die Kurse kurzfristig schwanken, vollzieht sich im Hintergrund eine historische Zäsur. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) meldet heute Zahlen, die manch einen Pessimisten Lügen strafen: Im Durchschnitt des Jahres 2025 besaßen 14,1 Millionen Menschen in Deutschland Aktien, Fonds oder ETFs.

Das ist mehr als ein statistischer Ausreißer; es ist ein Kulturwandel. Der alte Rekord von 2022 (12,9 Millionen) wurde nicht nur eingestellt, sondern pulverisiert. Fast zwei Millionen neue Aktionäre sind hinzugekommen. Bemerkenswert ist die Demografie: Es sind vor allem jüngere Anleger, die trotz wirtschaftlicher Stagnation ihre Vermögensbildung in die eigene Hand nehmen. Das Timing dieser neuen Generation war angesichts des dritten DAX-Rekordjahres in Folge exzellent. Die Deutschen entdecken die Börse – nicht als Casino, sondern als Notwendigkeit.

Wolfsburger Warnsignale und chinesische Jäger

Auf Unternehmensebene sorgt eine Mischung aus harten Bilanzen und wilden Spekulationen für Bewegung:

VW im Zangengriff: Die Jahresbilanz aus Wolfsburg liest sich wie eine Warnung vor der Deglobalisierung. Die Auslieferungen sanken 2025 um insgesamt 1,4 Prozent. Während Südamerika (+18,5 %) und das europäische Kerngeschäft (+5,1 %) glänzen, brechen die entscheidenden Märkte weg: China verzeichnet ein Minus von 8,4 Prozent, Nordamerika verliert 8,2 Prozent – die drohenden US-Zölle werfen ihre Schatten voraus. Die Aktie handelt folgerichtig rund 10 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch.

Puma im Visier: In Herzogenaurach brodelt die Gerüchteküche. Reuters berichtet, dass der chinesische Sportartikel-Gigant Anta Sports ein Auge auf das 29-Prozent-Paket der Pinault-Familie geworfen habe. Die Finanzierung sei bereits gesichert. Sollte sich dies bestätigen, stünde Puma vor einem strategischen Erdbeben.

Startschuss an der Wall Street: Noch vor US-Handelsstart öffnet JPMorgan die Bücher. Investoren achten heute weniger auf die Zinsmargen, sondern auf das Investmentbanking. Die Hoffnung ruht auf einem Revival des „Deal-Making“ im Jahr 2026, angeführt von erwarteten Blockbustern wie dem 1,5-Billionen-Dollar-IPO von SpaceX.

Analysten-Check: MedTech sortiert sich neu

Ein differenzierter Blick auf die Medizintechnik kommt heute von Bernstein Research. Analystin Susannah Ludwig zieht ein nüchternes Fazit unter das von Konsumschwäche geprägte Jahr 2025, sieht für 2026 aber klare Gewinner.

Ihre Favoriten („Top Picks“) heißen Straumann und Sartorius. Auch Carl Zeiss Meditec und Siemens Healthineers erhalten positive Vorzeichen. Vorsicht ist hingegen bei Gerresheimer geboten – hier lautet das Votum „Underperform“. Für Philips bleibt die Einschätzung „Neutral“ (Kursziel 22,70 Euro).

Geopolitik: Der Preis des Handelskriegs

Zum Schluss ein Blick auf die Inflationstreiber von morgen: Donald Trumps Drohung, 25 Prozent Zölle auf alle Handelspartner des Iran zu erheben, zeigt unmittelbare Wirkung an den Rohstoffmärkten. Die Ölpreise (Brent und WTI) zogen um je 0,5 Prozent an. Es ist die klassische Risikoprämie einer fragmentierten Welt. Steigen die Energiepreise, droht die Inflation durch die Hintertür zurückzukehren – womit sich der Kreis zu den heutigen CPI-Daten schließt.

Mein Fazit

Der heutige Dienstag ist ein Balanceakt auf dem Hochseil. Die Märkte sind „priced for perfection“, wie man an der Wall Street sagt. Jede Abweichung bei den Inflationsdaten um 14:30 Uhr könnte die heutige Atempause im DAX entweder in eine scharfe Korrektur verwandeln oder den Startschuss für die nächste Etappe der Rallye geben.

Behalten Sie die Nerven – und Ihre Stop-Loss-Marken im Blick.

Herzlichst,

Ihr

Eduard Altmann