Das 50.000-Jobs-Paradoxon, Trumps arktischer Poker und die Lithium-Auferstehung
Liebe Leserinnen und Leser,
es ist ein Paradoxon, wie es wohl nur die Wall Street in ihrer unnachahmlichen Art schreiben kann: Wenn miserable Nachrichten plötzlich Kaufkurse generieren, wissen wir, dass die Marktlogik wieder einmal Kopf steht. Gestern lieferte das US Bureau of Labor Statistics Zahlen, die jeden Ökonomen der alten Schule nervös machen würden. Nur 50.000 neue Stellen im Dezember – weit unter den Erwartungen. Damit geht das Jahr 2025 als das schwächste Job-Jahr außerhalb einer Rezession seit über zwei Jahrzehnten in die Geschichte ein.
Und die Reaktion? Der S&P 500 kletterte unbeeindruckt auf ein neues Rekordhoch, der Dow Jones kratzt an der magischen 50.000er-Marke. Während hierzulande Wintersturm „Elli“ die VW-Bänder in Wolfsburg stoppte, feierten die US-Händler eine seltsame Party: Die Hoffnung, dass die wirtschaftliche Abkühlung die Zinsen niedrig hält, wiegt derzeit schwerer als die Angst vor dem Abschwing. Doch Vorsicht: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Januar ist faktisch vom Tisch (5 Prozent). Der Markt spielt ein gefährliches Spiel mit der Realität.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und viel Erkenntnis bei der Lektüre.
Ihr
Eduard Altmann
Das Makro-Bild: Die „Hiring Recession“ ist da
Die Zahlen vom Freitag sprechen eine deutliche Sprache, die man nicht schönreden kann. Mit nur 50.000 neuen Stellen im Dezember (und einer Revision des Novembers auf ebenfalls magere 56.000) ist der US-Jobmotor ins Stottern geraten. Im Schnitt entstanden 2025 monatlich nur noch 49.000 Jobs – ein dramatischer Einbruch im Vergleich zu den rund 168.000 pro Monat im Jahr 2024.
Ökonomen sprechen hinter vorgehaltener Hand bereits von einer „Hiring Recession“. Zwar sank die Arbeitslosenquote optisch leicht auf 4,4 Prozent, doch das liegt primär daran, dass entmutigte Menschen den Arbeitsmarkt verlassen, nicht an neuer Dynamik. Trump-Berater Kevin Hassett versuchte gestern Abend noch, die Schuld auf den Abbau von Bundesstellen und Abschiebungen zu schieben. Doch der Blick in die Details verrät: Die strukturelle Schwäche im Einzelhandel (-25.000 Stellen) ist ein Indiz dafür, dass der amerikanische Konsument müde wird.
Die Analyse: Dass der S&P 500 dennoch bei 6.966 Punkten schloss, ist ein Zeichen immenser Liquidität und selektiver Wahrnehmung. Die Märkte ignorieren die Warnsignale der „Beveridge-Kurve“, die auf eine Verschlechterung der Arbeitsmarkteffizienz hindeutet. Wenn die Unternehmensgewinne dieser makroökonomischen Abkühlung nicht standhalten, könnte das Erwachen im ersten Quartal 2026 ruppig werden.
Geopolitik: Arktische Kälte trifft auf karibisches Öl
Während die Märkte auf Zahlen starren, spielt sich auf der geopolitischen Bühne ein Stück ab, das zwischen Farce und harter Machtpolitik schwankt.
Der Kampf um Grönland: US-Präsident Trump hat seine Begehrlichkeiten bezüglich Grönland erneuert. Diesmal nicht als Immobilien-Gag, sondern mit harter strategischer Begründung: Bevor China oder Russland zugreifen, müssten die USA handeln. Die Reaktion aus Nuuk kam prompt: „Wir wollen keine Amerikaner sein“, so der Tenor aus dem dortigen Parlament. Was wie eine Anekdote klingt, ist bitterer Ernst im Kampf um die Arktis und ihre Ressourcen.
Der Deal mit Caracas: Wesentlich konkreter wird es in Venezuela. Während Trump öffentlich noch drohte, saß er am Freitag bereits mit den Chefs von ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips zusammen. Es geht um Investitionen von bis zu 100 Milliarden Dollar. Der Pragmatismus des Öls scheint hier über die Ideologie zu siegen. Für die Energiemärkte ist das ein massives Signal der Entspannung, das den Ölpreis zuletzt auf 65 Dollar pro Barrel drückte.
Rohstoffe: Der stille Krieg um Antimon und das Lithium-Comeback
Abseits der Schlagzeilen verschärft sich der Kampf um die kritischen Rohstoffe für das Jahr 2026 massiv. Zwei Entwicklungen sollten Sie jetzt zwingend auf dem Radar haben:
- Der Antimon-Schock: China kontrolliert 60 Prozent der Weltproduktion dieses für Munition und Batterien kritischen Metalls – und hat den Hahn zugedreht. Die Exporte lagen im Juni 2025 bereits 88 Prozent unter dem Januar-Niveau. Die USA sind fast vollständig importabhängig. Australien positioniert sich nun als der „sichere Hafen“ für die Versorgung. Wer in Rüstungs- oder Technologie-Lieferketten investiert, muss diesen Engpass kennen.
- Die Lithium-Wende: Totgesagte leben länger. Nachdem der Lithiumpreis (Carbonat) Mitte 2025 am Boden lag, hat er sich bis Ende Dezember um satte 130 Prozent erholt. Analysten von Morgan Stanley prognostizieren für 2026 ein Marktdefizit von 80.000 Tonnen. Der Treiber ist nicht nur das E-Auto, sondern vor allem stationäre Energiespeicher, deren Bedarf explodiert. Das Überangebot schmilzt schneller dahin als das Eis in Grönland.
Marktgeflüster: Wolfsburger Wetter und Hongkonger KI-Hype
Auch in Deutschland und Asien gab es zum Wochenausklang bemerkenswerte Bewegungen:
- Volkswagen im Sturm: Jefferies hat das Kursziel für VW angehoben, die Vorzugsaktie kletterte auf knapp 104 Euro. Doch operativ bremste Sturmtief „Elli“ die Produktion – eine Spätschicht in Wolfsburg fiel aus. Ein treffendes Sinnbild für die deutsche Industrie: Die Bewertung lockt, doch die äußeren Umstände bleiben widrig.
- TeamViewer liefert: Die Göppinger Software-Schmiede bestätigte am Freitag den positiven Trend. Die Pro-forma-Umsatzprognose für 2025 wurde erreicht (ca. 767 Mio. Euro), die Aktie reagierte mit einem Sprung von fast 5 Prozent. Ein seltenes positives Signal aus dem deutschen Tech-Sektor, das zeigt: Wer liefert, wird belohnt.
- KI-Euphorie in Hongkong: Der Börsengang der MiniMax Group war ein voller Erfolg. Der Unternehmenswert verdoppelte sich am ersten Handelstag. Trotz hoher Verluste (Burnrate!) setzen Investoren weiter voll auf KI-Modelle mit hohen Nutzerzahlen. Die Blase, wenn es denn eine ist, hat noch Luft.
Krypto-Corner: Warnsignale bei Bitcoin
Bitcoin-Anleger müssen derzeit starke Nerven beweisen – oder Geduld. Die Kryptowährung pendelt um die 91.500 USD und sucht nach Richtung. Ein echtes Warnsignal kommt jedoch von den institutionellen Geldern: Aus den US-Spot-ETFs flossen in den letzten drei Tagen rund 1 Milliarde Dollar ab. Das „Smart Money“ nimmt Gewinne mit, während die Zinssenkungsfantasien schwinden. Ein nachhaltiger Ausbruch über 95.000 USD scheint ohne neuen makroökonomischen Katalysator vorerst unwahrscheinlich.
Die Quintessenz
Wir starten in dieses Wochenende mit einer gefährlichen Divergenz: Die Realwirtschaft (Arbeitsmarkt, GM mit Milliardenabschreibungen) sendet Warnsignale, während die Aktienmärkte auf dem Prinzip Hoffnung basieren. Die kommende Woche wird entscheidend sein, wenn die US-Inflationsdaten auf den Tisch kommen. Sollte die Inflation hartnäckiger sein als gedacht, könnte das Narrativ der „sanften Landung“ Risse bekommen.
Behalten Sie die Rohstoffe im Auge – Antimon und Lithium erzählen die wahre Geschichte der globalen Knappheit, weit abseits der Börsen-Partys.
Bis Montag!








