Führende europäische Wirtschaftsverbände fordern in einer gemeinsamen Erklärung einen entschlossenen Ausbau von Biomethan und Bio-LNG. Das heute in Brüssel vorgestellte Zehn-Punkte-Programm soll die nachhaltigen Kraftstoffe zum Schlüssel für den Schwerlast- und Schiffsverkehr machen. Der Vorstoß kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Seit Anfang 2026 erfasst der EU-Emissionshandel (ETS) alle maritimen Emissionen, was den Druck auf Reeder massiv erhöht.

Zehn-Punkte-Plan für einen einheitlichen Markt

Die Joint Biomethane Declaration bildet eine seltene Einheitsfront von Energie- und Transportsektor. Ihr Kernziel: Aus Bio-LNG soll eine skalierbare, marktreife Alternative werden, die bestehende Infrastruktur nutzt. Die zehn prioritären Maßnahmen zielen auf beschleunigte Genehmigungsverfahren, eine EU-weite Zertifizierung und langfristige Preissignale für Investoren ab. Bisher behinderte das Fehlen eines einheitlichen Marktes für erneuerbare Gase den Hochlauf der Produktion.

Ein zentrales Argument der Industrie: Verflüssigt zu Bio-LNG bietet Biomethan eine vergleichbare Energiedichte wie konventionelle Kraftstoffe. Das macht es ideal für den Schwerlastverkehr und die Hochseeschifffahrt. Die Erklärung fordert daher, Biomethan in die EU-Strategieplattform für strategische Technologien (STEP) aufzunehmen. Dies würde zusätzliche Fördermittel für große Verflüssigungsanlagen freisetzen.

Die Timing ist perfekt. Könnte Bio-LNG mit Treibhausgaseinsparungen von bis zu 100 Prozent die kostengünstige Lösung für die Einhaltung der FuelEU Maritime-Vorgaben sein? Die Unterzeichner sind überzeugt davon.

Vom Modellprojekt in Italien zur Praxis in Litauen

Während in Brüssel die Strategie debattiert wurde, demonstrierten zwei praktische Beispiele die Machbarkeit. In Italien besuchte eine Delegation das Edison Next-Werk in Zinasco bei Pavia. Die seit 2023 betriebene Anlage zeigt, wie dezentrale Produktion funktioniert: Aus rund 30.000 Tonnen Haushaltsabfällen pro Jahr entstehen 4 Millionen Normkubikmeter Biogas.

Gleichzeitig erreichte die maritime Anwendung in Litauen einen Meilenstein. Im Hafen von Klaipeda bunkerte die RoPax-Fähre Nils Holgersson der TT-Line erstmals Bio-LNG per Lkw. Das unterstreicht die wachsende Rolle alternativer Kraftstoffe in der Ostsee und beweist die Flexibilität solcher Lösungen für Schiffe mit Dual-Fuel-Antrieb.

Diese Entwicklung folgt auf eine Reihe bedeutender Schiffsneubauten. Erst am Montag übernahm der französische Containerriese CMA CGM die CMA CGM Grand Palais, ein Dual-Fuel-Schiff mit 24.000 Stellplätzen. Je mehr dieser Giganten in Fahrt kommen, desto stärker wird die Nachfrage nach Bio-LNG als direkt einsetzbarem Kraftstoff anziehen – ein starker Anreiz für Produktionsinvestitionen.

Globaler Trend: Von Kalifornien bis Westafrika

Der Bio-LNG-Boom ist kein rein europäisches Phänomen. In Kalifornien erteilte die Regulierungsbehörde heute eine bedingte Genehmigung für den ersten langfristigen Biomethan-Liefervertrag. Die Anlage SoCal Biomethane verwertet organische Abfälle und kommunales Abwasser. Ein wichtiger Schritt, um die Vorgaben zur Reduzierung von Deponieabfällen zu erfüllen.

Auch in Westafrika entsteht neue Infrastruktur, die später Bio-LNG aufnehmen kann. Das spanische Energieunternehmen Reganosa sicherte sich einen Beratervertrag für ein neues LNG-Importterminal im senegalesischen Dakar. Die geplante Anlage ist zwar zunächst für fossiles LNG ausgelegt, kann aber künftig erneuerbare Gase integrieren.

Die Industrie setzt zunehmend auf integrierte Bioraffinerie-Modelle. Wie eine Partnerschaft in Brasilien zeigt, geht der Trend zu „Multi-Produkt“-Ansätzen. Durch die gleichzeitige Produktion von Biomethan und Vorläufern für nachhaltigen Flugkraftstoff (SAF) aus landwirtschaftlichen Reststoffen maximieren Unternehmen den Wert der Rohstoffe und verbessern die Wirtschaftlichkeit.

Wachstum zwischen Regulierung und Versorgungsdruck

Der Markt wird von zwei Kräften getrieben: strengen Regulierungen und wachsenden ESG-Verpflichtungen der Unternehmen. Die FuelEU Maritime-Verordnung schreibt eine Reduzierung der Treibhausgasintensität an Bord vor. Interessanterweise hat sich eine Art Sekundärmarkt entwickelt: Wer die Vorgaben übererfüllt, kann die Credits mit Aufschlag verkaufen. Das schafft eine zusätzliche Einnahmequelle für frühe Bio-LNG-Nutzer.

Doch die Herausforderungen sind groß. Zwar ist die europäische Biomethan-Produktionskapazität seit 2021 schätzungsweise um 30 Prozent gewachsen. Sie deckt aber nur einen Bruchteil des Energiebedarfs von Schifffahrt und Schwerlastverkehr. Analysten von Wood Mackenzie warnen: Bis 2050 könnte die Schifffahrt allein mehr als die Hälfte der europäischen Biomethan-Kapazität verbrauchen.

Der Wettbewerb um Rohstoffe zwischen Verkehr, Industrie und Wärmesektor dürfte die Preise langfristig stützen. Genau deshalb fordert die gemeinsame Erklärung einen „Alle-an-einen-Strang“-Ansatz.

Kritische Phase für die europäische Energiewende

Die kommenden 24 Monate werden entscheidend sein. Dann gehen die ersten Projekte online, die unter dem REPowerEU-Plan gefördert wurden. Unternehmen wie VORN Bioenergy treiben den Ausbau voran und bekräftigten jüngst ihr Ziel, bis 2030 eine Produktion von 2 TWh zu erreichen. Eine Großanlage in Ferrara, Italien, soll bereits Mitte 2026 fertiggestellt sein.

Mit der heutigen Erklärung liegt der Ball nun im Feld der Politik. Wird die EU den notwendigen legislativen Rahmen schaffen, um die zehn Prioritäten umzusetzen? Gelingt dies, könnte Bio-LNG den Sprung von einer Übergangslösung zu einer dauerhaften, klimaneutralen Säule im globalen Transportsektor schaffen. Der Weg für eine wirklich kreislauforientierte Energiezukunft wäre dann geebnet.