Liebe Leserinnen und Leser,

6,5 Prozent Kursplus an einem Tag – während der DAX unter Druck gerät. Was bei Bayer gestern geschah, zeigt eindrucksvoll, wie sehr Anleger auf juristische Wendepunkte setzen. Der US Supreme Court nimmt den Glyphosat-Fall zur Prüfung an, und plötzlich scheint ein Milliarden-Albtraum ein Ende zu finden. Doch während in Leverkusen Erleichterung herrscht, zieht über Europa eine neue Gewitterfront auf: Donald Trump droht mit massiven Zöllen – diesmal wegen Grönland. Das klingt absurd, doch die Auswirkungen auf Autobauer, Mittelstand und Exportwirtschaft sind bitterernst. Und mittendrin kämpft SAP mit gedämpften Erwartungen, während Analysten auf eine positive Überraschung hoffen.

Bayer: Durchbruch im Glyphosat-Streit rückt näher

Worauf Anleger seit Monaten gewartet haben, ist eingetreten: Der Oberste Gerichtshof der USA nimmt den Fall „Durnell" zur Prüfung an. Damit steigt die Aussicht auf ein Grundsatzurteil, das rund 67.000 weitere Klagen beeinflussen könnte. Im Kern geht es um die Frage, ob Bundesrecht zu Warnhinweisen über dem Recht einzelner Bundesstaaten steht – genau das, worauf Bayer seit der Monsanto-Übernahme 2018 pocht.

Die Reaktion an der Börse war eindeutig: Die Aktie schoss zeitweise um mehr als acht Prozent nach oben und stabilisierte sich bei rund 44 Euro. Seit dem Tief im April 2025 hat sich der Kurs damit mehr als verdoppelt. Analysten von JPMorgan rechnen vor: Sinken die Rückstellungen um fünf Milliarden Euro, entspricht das etwa zehn Prozent Kurspotenzial. Aktuell hält Bayer noch 6,5 Milliarden Euro für Glyphosat-Klagen zurück – Geld, das bei einem günstigen Urteil teilweise freigesetzt werden könnte.

Doch Vorsicht: Bis zur Entscheidung, die bis Ende Juni erwartet wird, bleibt Unsicherheit. Konzernchef Bill Anderson setzt parallel auf Vergleiche und Lobbyarbeit in US-Bundesstaaten. Die Strategie ist klar – die Rechtsstreitigkeiten bis Ende 2026 signifikant eindämmen. Für deutsche Anleger bedeutet das: Die Bodenbildung wird stabiler, aber der Weg zur vollständigen Entlastung ist noch lang.

Trump-Zölle erschüttern Europas Exportwirtschaft

Zehn Prozent Zoll ab Februar, 25 Prozent ab Juni – so lautet Trumps Drohung gegen acht europäische Länder, darunter Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Der Auslöser? Sein Wunsch, Grönland zu kaufen. Was wie eine Posse klingt, hat das Zeug, das mühsam ausgehandelte Handelsabkommen zwischen den USA und der EU zu torpedieren.

Die Autoindustrie trifft es besonders hart. BMW, Volkswagen, Mercedes-Benz und Porsche verloren am Montag zwischen drei und sechs Prozent. Analysten von Barclays sprechen von einer „beunruhigenden Rhetorik" und sehen gerade deutsche Hersteller als stark betroffen. Der europäische Autosektor-Index rutschte auf den tiefsten Stand seit Mitte Oktober. Zulieferer wie Continental, Infineon und Aumovio gerieten ebenfalls unter die Räder.

Die EU bereitet Gegenmaßnahmen vor: Zölle auf US-Waren im Wert von 93 Milliarden Euro stehen im Raum, ebenso Beschränkungen beim Zugang amerikanischer Unternehmen zum EU-Markt. Das sogenannte „Anti-Coercion-Instrument" könnte aktiviert werden – ein Werkzeug, das Investitionen, Bankgeschäfte und Dienstleistungshandel einschränkt. Doch Analysten der Rabobank warnen: Europa fehlen die Mittel zum echten Widerstand. Von Zahlungsverkehr über Energie bis Verteidigung bleibt die Abhängigkeit von den USA enorm.

Für Anleger bedeutet das: Die Volatilität dürfte massiv ansteigen. Wer sich an den DAX-Absturz im April 2025 erinnert – damals ging es binnen Tagen um 18 Prozent nach unten – weiß, was Zoll-Drohungen auslösen können. Diesmal kommt erschwerend hinzu: Die US-Börsen waren am Montag geschlossen, das Regulativ fehlender US-Märkte fällt weg.

SAP: Hoffnung auf Wende bei den Quartalszahlen

Mehr als 22 Prozent Minus in zwölf Monaten – die SAP-Aktie hat einen schweren Stand. Am 29. Januar legt Europas größter Softwarekonzern Zahlen zum vierten Quartal vor, und die Erwartungen sind gedämpft. Im dritten Quartal enttäuschte das Cloud-Geschäft mit verlangsamtem Wachstum, die Prognose wurde auf das untere Ende der Spanne gesenkt. Zurückhaltung bei US-Kunden, ein schwacher Dollar und ein unsicheres Makroumfeld belasteten.

Doch Analysten von Morgan Stanley sehen Aufwärtspotenzial. Nach positiven Rückmeldungen aus Umfragen und Marktanalysen halten sie eine Überraschung im Cloud-Geschäft für möglich. Konkret: SAP benötigt nur ein bis zwei Großaufträge aus der Pipeline, um ein CCB-Wachstum von 27 Prozent zu erreichen. Der Auftragsbestand müsste lediglich um 2,3 Milliarden Euro steigen – machbar, wenn verschobene Deals noch durchkommen.

Parallel verkündete SAP eine strategische Partnerschaft mit Fresenius: Gemeinsam wollen beide Konzerne KI im Gesundheitswesen voranbringen. Eine Plattform für vernetzte, datengetriebene Prozesse soll entstehen, mittelfristig fließen dreistellige Millionenbeträge. Für SAP ist das ein Schritt, um seine Technologie in einem wachstumsstarken Sektor zu verankern – und ein Signal, dass der Konzern trotz operativer Herausforderungen strategisch voranschreitet.

Anleger sollten die Zahlen am 29. Januar genau beobachten. Gelingt die positive Überraschung, könnte die Aktie Boden gutmachen. Bleibt sie aus, dürfte der Druck weiter steigen.

Mittelstand kämpft mit Kreditklemme

37,8 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen berichten von erschwerten Kreditvergaben – ein neuer Höchststand. Die KfW-Umfrage zum Schlussquartal 2025 zeichnet ein düsteres Bild: Banken agieren vorsichtig, die Wirtschaftskrise dämpft die Fundamentaldaten. Besonders betroffen sind Einzelhandel und Dienstleistungssektor, bei Großunternehmen erreichten die Hürden im Einzelhandel fast 50 Prozent.

Gleichzeitig sinkt das Kreditinteresse der Firmen. Nur jeder fünfte Mittelständler führte im vierten Quartal Kreditverhandlungen – deutlich unter dem langfristigen Schnitt. KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher sieht die Wirtschaftsflaute als Hauptgrund. Das Problem: Ohne Kredite keine Investitionen, ohne Investitionen keine Erholung. Ein Teufelskreis, der die Konjunktur weiter bremst.

Für Anleger ist das ein Warnsignal: Die Binnenkonjunktur bleibt schwach, die Erholung lässt auf sich warten. Unternehmen, die stark vom deutschen Mittelstand abhängen, dürften weiter unter Druck bleiben.

IWF sieht stabiles Wachstum trotz Handelsunsicherheit

Der Internationale Währungsfonds hebt seine globale Wachstumsprognose für 2026 leicht auf 3,3 Prozent an – getrieben von KI-Investitionen und Anpassungen an US-Zölle. Besonders die USA profitieren vom massiven Ausbau der KI-Infrastruktur, das Wachstum wird auf 2,4 Prozent geschätzt. China erreicht 4,5 Prozent, gestützt durch Exportdiversifizierung und reduzierte US-Zölle.

Doch der IWF warnt: Die Risiken neigen sich zur Unterseite. Geopolitische Spannungen, Lieferkettenstörungen und neue Zollscharmützel könnten das Wachstum bremsen. Eine Entscheidung des Supreme Court gegen Trumps breite Zollbefugnisse würde „eine weitere Dosis handelspolitischer Unsicherheit" in die Weltwirtschaft injizieren, so IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas.

Für Anleger bedeutet das: Die globale Wirtschaft zeigt Resilienz, aber die Unsicherheit bleibt hoch. Wer diversifiziert investiert und auf Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen setzt, dürfte besser durch turbulente Zeiten kommen.

Ausblick: Zwischen Hoffnung und Eskalation

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Bayers juristische Hoffnung trägt und ob SAP operativ liefern kann. Am 29. Januar stehen die SAP-Zahlen an, bis Ende Juni fällt die Supreme-Court-Entscheidung zu Glyphosat. Doch über allem schwebt die Frage, wie sich der Zollstreit entwickelt. Das Weltwirtschaftsforum in Davos könnte erste Signale liefern – oder die Eskalation weiter befeuern.

Für deutsche Anleger gilt: Wachsamkeit ist geboten. Die Kombination aus juristischen Wendepunkten, operativen Unsicherheiten und geopolitischen Spannungen macht die Märkte anfällig. Wer jetzt investiert, sollte auf Qualität, Diversifikation und einen langen Atem setzen.

Bis morgen – bleiben Sie informiert!

Beste Grüße
Andreas Sommer