Der Traum vom selbstfahrenden Auto rückt in greifbare Nähe. Gleich mehrere Branchenriesen haben diese Woche Meilensteine für den kommerziellen Einsatz von Hochautomatisierung verkündet. Parallel prüfen US-Behörden den Wegfall von Lenkrad und Pedalen.

GM testet „Augen-weg“-System auf öffentlichen Straßen

General Motors hat einen entscheidenden Schritt gewagt. Seit dem 23. März testet der Konzern seine nächste Generation autonomer Fahrtechnik auf öffentlichen Autobahnen in Kalifornien und Michigan. Eine Flotte von 200 Fahrzeugen sammelt Daten für ein Level-3-System, das Fahrern erlaubt, die Augen von der Straße zu nehmen – eine erste echte Entlastung.

Anders als der reine Robotaxi-Ansatz von Wettbewerbern setzt GM auf die Integration in Privatfahrzeuge wie den Cadillac Escalade IQ. Ein Sicherheitsfahrer ist stets an Bord, doch das Ziel ist klar: Die Technik soll bis 2028 marktreif sein und komplexe Situationen wie plötzliche Wetterumschwünge sicher meistern. Damit würde GM direkt mit anderen Premium-Herstellern konkurrieren, die ähnliche Systeme entwickeln.

Waymo sichert sich 16 Milliarden Euro für weltweite Expansion

Während GM den Privatkunden im Blick hat, treibt Waymo den kommerziellen Personentransport voran. Das Alphabet-Tochterunternehmen schloss eine Finanzierungsrunde über umgerechnet 16 Milliarden Euro ab. Die Bewertung des Robotaxi-Pioniers liegt nun bei etwa 126 Milliarden Euro.

Das Kapital soll einen aggressiven Expansionskurs finanzieren. Noch in diesem Jahr plant Waymo die Markteinführung in 20 weiteren Städten. Erstmals geht der Dienst auch international an den Start: London und Tokyo sind die ersten Ziele außerhalb der USA. Bereits heute absolviert Waymo wöchentlich über 400.000 bezahlte Fahrten. Die Sicherheitsbilanz ist ein starkes Argument: Die firmeneigenen Daten zeigen 92 Prozent weniger schwere Unfälle im Vergleich zum menschlichen Fahrer.

Auch der Güterverkehr setzt auf Fahrerlosigkeit

Die Revolution betrifft nicht nur Personenfahrzeuge. Das schwedische Unternehmen Einride erhielt von der US-Verkehrsbehörde NHTSA die Genehmigung, seine führerlosen Elektro-Lkw in Austin, Texas, einzusetzen. Die Fahrzeuge besitzen keine Fahrerkabine und operieren auf Level 4.

Texas entwickelt sich zum Hotspot für autonomen Güterverkehr. Bereits 2025 startete der Konkurrent Aurora dort einen kommerziellen Dienst und bedient heute zehn regelmäßige Strecken. Der wirtschaftliche Druck treibt die Entwicklung voran: Auf langen Nachtfahrten sind die fahrerlosen Systeme nicht nur zuverlässiger, sie vermeiden auch das Risiko menschlicher Übermüdung.

Politik ebnet den Weg: Lenkrad könnte bald passé sein

Die technischen Fortschritte finden ihren Widerhall in der Regulierung. Die NHTSA hat zwei Vorschläge vorgelegt, die die US-Sicherheitsstandards für Kraftfahrzeuge modernisieren sollen. Kernpunkt: Die Pflicht für manuelle Steuerelemente wie Lenkrad und Bremspedal könnte für speziell konstruierte autonome Fahrzeuge entfallen.

Zudem berät das US-Repräsentantenhaus über den „SELF DRIVE Act 2026“. Dieses Gesetz würde erstmals einen einheitlichen, bundesweiten Sicherheitsrahmen schaffen. Experten sehen dies als notwendig, um einen Flickenteppich einzelstaatlicher Regeln zu verhindern und die Innovation nicht zu ersticken. Auch auf UN-Ebene wurde eine globale technische Regelung für autonome Fahrsysteme finalisiert.

Branche spaltet sich in unterschiedliche Strategien

Die Ereignisse zeigen eine zunehmende Differenzierung der Branche. Während Waymo und Baidus Apollo Go im Robotaxi-Markt skalieren, setzen andere auf Nischen. Zoox, eine Amazon-Tochter, vervierfacht sein Servicenetz in San Francisco und plant für Mitte 2027 den Start in Los Angeles – in Partnerschaft mit Uber.

Tesla bleibt mit seinem „Full Self-Driving“-System ein Sonderfall. Es operiert weiterhin als überwachtes Level-2+-System. Ein größeres Software-Update mit fortschrittlichen Reasoning-Fähigkeiten steht jedoch bevor. Zudem sucht Tesla in den Niederlanden nach regulatorischer Zustimmung, die als Türöffner für Europa dienen könnte.

Die Zukunft bis 2028: Konsolidierung und Herausforderungen

Bis 2028 könnte sich das Bild konsolidieren. Analysten erwarten, dass sich die Zahl der globalen Robotaxi-Fahrten in den nächsten zwei Jahren verdoppelt. „Augen-weg“-Systeme in Privatwagen dürften zum Standard in der Luxusklasse werden.

Doch Hürden bleiben. Unvorhergesehene Extremfälle erfordern in komplexen Umgebungen noch menschliche Aufsicht. Die öffentliche Akzeptanz schwankt. Der Erfolg der regulatorischen Vorstöße wird entscheiden, wie schnell die Hersteller von eingegrenzten Testgebieten zum flächendeckenden Betrieb übergehen können. Der Fokus liegt nun darauf, mit Milliarden gesammelter Testkilometer zu beweisen, dass Silizium und Sensoren die menschliche Intuition dauerhaft übertreffen können.