Liebe Leserinnen und Leser,

840 Milliarden Euro schlummern auf unverzinsten Sichteinlagen bei deutschen Sparkassen – Geld, das real jeden Monat an Wert verliert. Während der DAX zwischen Verlust- und Nulllinie pendelt und Öl bei 104 Dollar das Zünglein an der Waage bleibt, liefern einzelne Unternehmen heute überraschend klare Botschaften. Audi meldet mehr Gewinn als erwartet, Siemens Energy baut seinen Auftragsrekord weiter aus, und Bitcoin legt gegen den Trend zu – ausgerechnet jetzt, wo Fed und EZB im Fokus stehen. Was das für euch bedeutet, schauen wir uns heute genau an.


DAX auf Richtungssuche: Der Markt wartet auf Lagarde und Powell

Zwölf Handelstage nach dem US-israelischen Militärschlag gegen den Iran hat sich am deutschen Aktienmarkt eine eigenartige Stille eingestellt. Der DAX eröffnete mit einem Minus von 0,27 Prozent auf 23.500 Punkte – und blieb dann genau dort kleben. Die Handelsumsätze liegen laut Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners deutlich unter den historischen Mittelwerten. Die meisten Anleger sitzen die Krise offenbar aus.

Das klingt nach Resignation, ist aber vielleicht Kalkül. Brent-Öl kostet heute rund 104 Dollar pro Barrel – ein Plus von vier Prozent gegenüber gestern, weit unter dem Wochenhoch von fast 120 Dollar vor einer Woche. Europäisches Erdgas hat sich seit Kriegsbeginn um mehr als 60 Prozent verteuert, was die Wiederbefüllung der deutschen Gasspeicher in diesem Jahr zur echten Herausforderung macht.

Der eigentliche Katalysator kommt morgen: Die Fed entscheidet über ihren Leitzins, die EZB folgt am Donnerstag. Spontane Zinsänderungen gelten als unwahrscheinlich – aber was Lagarde und Powell in ihren Statements sagen, könnte die Märkte deutlich bewegen. Die entscheidende Frage ist, ob die Notenbanken die Inflationsrisiken aus dem Ölpreisanstieg explizit adressieren oder weiter abwarten wollen.


Audi: Gewinnplus mit Asterisk

Auf den ersten Blick klingt es gut: Audi hat 2025 nach Steuern 4,6 Milliarden Euro verdient – zehn Prozent mehr als im Vorjahr, gegen den Branchentrend. Wer genauer hinschaut, sieht das Asterisk. Der Gewinnsprung basiert maßgeblich auf einer Ausgleichszahlung aus Wolfsburg, die das Finanzergebnis auf 2,2 Milliarden Euro verdoppelte. Das operative Ergebnis sank dagegen um knapp 14 Prozent.

Die echten Bremsen sind bekannt: US-Zölle kosteten Audi 2025 genau 1,2 Milliarden Euro. Und 2026 wird es teurer – nicht neun, sondern zwölf Monate volle Belastung. Finanzchef Jürgen Rittersberger rechnet mit einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr. Hinzu kommt der Preiskrieg in China bei Elektroautos und Hybriden, der die Marge weiter drückt.

Das Positive: Beim Stellenabbau ist Audi schneller als geplant. Von den ersten 6.000 Stellen bis 2027 sind bereits 65 Prozent vollzogen oder vertraglich fixiert. Die operative Marge soll 2026 auf 6 bis 8 Prozent steigen – von 5,1 Prozent im abgelaufenen Jahr. Die VW-Aktie legte heute zeitweise knapp ein Prozent zu. Für Anleger bleibt Audi ein Sanierungsfall mit erkennbarem Fortschritt, aber strukturellen Gegenwinds, die sich nicht schnell auflösen.


Siemens Energy: Rekordaufträge, aber Kurskorrektur

146 Milliarden Euro Auftragsbestand – das ist ein neuer Rekordwert für Siemens Energy, getrieben von der explodierenden Nachfrage nach Strominfrastruktur für KI-Rechenzentren. Gasturbinen sind teilweise bis Ende des Jahrzehnts ausgelastet. Klingt nach einer Erfolgsgeschichte.

Trotzdem verlor die Aktie heute zeitweise 0,68 Prozent auf 145,85 Euro, nachdem sie gestern noch über zwei Prozent zugelegt hatte. Das ist keine Schwäche des Unternehmens, sondern normale Konsolidierung nach einem Jahresplus von über 21 Prozent. JPMorgan-Analyst Phil Buller sieht kaum Risiken durch geopolitische Spannungen für die europäische Investitionsgüterbranche – Investitionen in Stromnetze und KI-Infrastruktur würden nicht eingefroren, so seine Einschätzung. Die Deutsche Bank teilt das Kaufurteil.

Was Siemens Energy besonders interessant macht: Die Windkrafttochter Siemens Gamesa, jahrelang ein Millionengrab, strebt im Geschäftsjahr 2026 erstmals die Gewinnschwelle an. Parallel investiert der Konzern eine Milliarde Dollar in neue US-Produktionskapazitäten. Wer an den Megatrend Energiewende plus KI-Infrastruktur glaubt, findet hier eine der wenigen DAX-Storys, die beide Themen verbindet.


NVIDIA & die Billion-Dollar-Wette

Jensen Huang hat auf der GTC-Konferenz die Messlatte erneut angehoben. Statt der bisher kommunizierten 500 Milliarden Dollar bis Ende 2026 rechnet NVIDIA jetzt mit über einer Billion Dollar Umsatz durch 2027 – für Blackwell und Rubin zusammen. Goldman Sachs und Stifel bestätigen beide ihr Kaufurteil mit einem Kursziel von 250 Dollar.

Was dabei untergeht: Drei europäische Halbleiterunternehmen profitieren direkt. Infineon, STMicroelectronics und NXP haben Kooperationen mit NVIDIA für humanoide Roboter angekündigt. Während NVIDIA das KI-Gehirn liefert, steuern die Europäer Sensorik, Bewegungssteuerung und Energiemanagement bei. Infineon kalkuliert mit einem Halbleiterwert von rund 500 Dollar pro Roboter. Die Kursreaktionen blieben heute moderat – Infineon verlor sogar leicht –, aber die strategische Bedeutung dieser Partnerschaften reicht weit über den heutigen Handelstag hinaus.

Für deutsche Anleger ist das ein bemerkenswertes Signal: Europäische Chip-Konzerne, die lange als NVIDIA-Verlierer galten, positionieren sich jetzt als unverzichtbare Hardware-Lieferanten im Robotik-Zeitalter.


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Krypto: Kurioser Gleichmut trotz Kriegsangst

Bitcoin notiert heute bei rund 73.765 Dollar – ein Plus von 0,5 Prozent, trotz steigendem Ölpreis, festem Dollar und schwachen US-Futures. Ethereum legte sogar fast zwei Prozent zu. Was steckt dahinter?

Zwei Mechanismen spielen zusammen. Erstens ein Short Squeeze: Laut Coinglass-Daten übertrafen Liquidierungen von Short-Positionen (328 Millionen Dollar) die von Long-Positionen (166 Millionen Dollar) deutlich – erzwungene Käufe treiben den Kurs. Zweitens fließt institutionelles Geld weiter: US-Bitcoin-ETFs verzeichneten gestern Nettomittelzuflüsse von 199 Millionen Dollar, angeführt vom iShares Bitcoin Trust mit 139 Millionen.

Das Bild passt zu einem breiteren Trend: Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar hat Bitcoin den S&P 500 und sogar Gold outperformt. Für europäische Anleger wird der Zugang zudem einfacher – die Plattform Mintos bietet ab sofort regulierte Krypto-ETPs von BlackRock iShares und VanEck ab fünf Euro an, und Bybit EU hat PayPal als Einzahlungsmethode integriert. Die Brücke zwischen klassischem Sparen und digitalen Assets wird schmaler.

Bitcoin steht 2026 allerdings noch mit einem Minus von fast 16 Prozent in der Jahresbilanz. Das Allzeithoch vom Oktober 2025 bei 126.198 Dollar liegt in weiter Ferne.


Lufthansa: Neues Angebot, alte Fronten

Im Tarifkonflikt um die Piloten-Betriebsrenten hat Lufthansa heute ein neues Angebot vorgelegt. Das Modell sieht vor, die Übergangsversorgung in die betriebliche Altersvorsorge zu überführen – eine Verbesserung der bAV um bis zu 50 Prozent sei ohne Mehrkosten darstellbar, so der Konzern. Als Vorbild nennt Lufthansa KLM und British Airways.

Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit hat diese Modelle selbst als vorbildlich bezeichnet – was die Annäherung zumindest theoretisch möglich macht. Praktisch steht der nächste Streik aber schon in den Startlöchern: Die Eurowings-Piloten bereiten einen Arbeitskampf vor. Die Lufthansa-Aktie legte heute zeitweise 1,17 Prozent zu. Märkte scheinen das Angebot als Schritt in Richtung Einigung zu werten – ob zu Recht, wird sich zeigen.


Scale-Segment: Wo die Nebenwerte glänzen

Während DAX, MDAX und SDAX unter dem Iran-Krieg leiden, zeigt das Kleinstwertesegment Scale eine bemerkenswerte Stabilität. Der Scale All Shares steht seit Jahresbeginn nahezu unverändert.

Drei Titel stechen heraus. Deutsche Rohstoff AG hat seit Ende 2025 fast 75 Prozent zugelegt – der Ölproduzent profitiert direkt vom gestiegenen Rohölpreis, mwb research sieht Potenzial bis 100 Euro. Daldrup & Söhne, ein Geothermie-Bohrdienstleister, kletterte von 19 auf 27,60 Euro – die Energiewende und steigende Energiepreise treiben die Nachfrage. Und Cantourage, ein Berliner Medizinalcannabis-Anbieter, erholt sich nach Vorlage des testierten Konzernabschlusses: Analysten von Montega und NuWays sehen Kursziele zwischen 8 und 10 Euro, aktuell kostet die Aktie 5,12 Euro.

Diese drei Werte zeigen, dass Geopolitik nicht alle Segmente gleich trifft – wer die richtigen Nischen findet, kann auch in turbulenten Zeiten Rendite erzielen.


Ausblick: Die nächsten 48 Stunden entscheiden

Morgen spricht Powell, übermorgen Lagarde. Beide Notenbanken werden die Zinsen wohl unverändert lassen – aber ihre Worte zu Inflation und Ölpreisrisiken könnten die Märkte mehr bewegen als jede Zinsänderung. Wer auf eine klare Lockerungsperspektive hofft, könnte enttäuscht werden. Wer auf Zinssignale in Richtung Erhöhung wartet, könnte recht bekommen.

Parallel läuft die Lage in der Straße von Hormus weiter auf Messers Schneide. Solange der Schiffsverkehr blockiert bleibt, bleibt Öl teuer – und damit die Inflationsdebatte offen.

Mein Eindruck des heutigen Tages: Die Märkte warten, aber sie zittern nicht. Das ist entweder gesunder Gleichmut oder kollektive Verdrängung. Welche Lesart stimmt, werden wir spätestens am Donnerstag wissen.

Bis dahin – bleibt neugierig und kühlen Kopf.

Euer Andreas Sommer