April-Rally: Wenn Hoffnung die Kurse macht – und die Fragen bleiben
ein einziger Satz von Donald Trump hat heute mehr bewegt als Wochen voller Konjunkturdaten. „Wir werden sehr bald gehen" – und schon sprang der DAX zur Eröffnung um fast drei Prozent auf über 23.300 Punkte, der Nikkei legte 5,2 Prozent zu, Südkoreas Kospi schoss um über acht Prozent nach oben. Willkommen im April, dem Monat, in dem die Märkte auf Frieden spekulieren. Was das für euer Portfolio bedeutet, welche Aktien heute besonders auffallen – und warum Bitcoin gerade eine überraschend ruhige Hauptrolle spielt – das alles lest ihr heute.
Der Wendepunkt, auf den alle gewartet haben
Trumps Ankündigung, die US-Streitkräfte könnten den Iran in zwei bis drei Wochen verlassen, hat eine globale Erleichterungsrally ausgelöst, wie man sie selten erlebt. Der Mechanismus dahinter ist simpel: Seit dem Ausbruch des Konflikts Ende Februar hat die faktische Sperrung der Straße von Hormus – durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls fließt – die Energiepreise in die Höhe getrieben und Inflationsängste geschürt. Brent-Öl hatte zeitweise fast 120 Dollar erreicht. Heute fiel der Preis erstmals wieder unter die 100-Dollar-Marke.
Für den DAX ist das wie das Ablassen von Druck aus einem Kessel. Der März hatte den deutschen Leitindex rund zehn Prozent gekostet – das Allzeithoch vom 13. Januar bei über 25.500 Punkten wirkt heute wie aus einer anderen Welt. Aber Vorsicht: Pepperstone-Stratege Michael Brown bringt es auf den Punkt: „Marktteilnehmer werden konkrete Fortschritte sehen wollen, nicht nur positiv klingende Rhetorik." Die Straße von Hormus bleibt vorerst gesperrt. Irans Außenminister bestätigt zwar Kontakte mit dem US-Sondergesandten Witkoff – formelle Verhandlungen will Teheran aber noch nicht eingestehen.
Rüstung: Analysten kaufen, wo andere verkauft haben
Mitten in die Erholungsrally platzen zwei bemerkenswerte Analystenbewegungen. Goldman Sachs hat Rheinmetall heute in seine „Conviction List" aufgenommen – also jene handverlesene Auswahl an Titeln, hinter denen die Bank mit besonderer Überzeugung steht. Die Aktie legte daraufhin rund 2,6 Prozent auf 1.482 Euro zu.
Noch deutlicher war der Schub bei TKMS: Citi stufte den U-Boot-Bauer von „Neutral" auf „Buy" hoch. Analyst Charles Armitage begründete das nüchtern – der Kursrückgang der vergangenen Wochen habe genug Aufwärtspotenzial freigelegt. TKMS schoss daraufhin über sechs Prozent nach oben. RENK und Hensoldt zogen ebenfalls an. Was das im größeren Bild bedeutet: Citi hat heute auch Babcock und Leonardo hochgestuft, mit dem Argument, dass die aktuellen Bewertungen für das erwartete Rüstungsbudgetwachstum in Europa mehr als ausreichend Puffer bieten. Rheinmetall erhielt hingegen nur ein „Neutral" – mit dem Hinweis, dass die Munitionsnachfrage strukturell nicht auf dem heutigen Niveau bleiben werde, sobald die Ukraine-Lager wieder aufgefüllt sind.
Nike stolpert, Adidas und Puma bleiben cool
Während die Gesamtmärkte feiern, liefert Nike heute einen unerwünschten Kontrapunkt. Der Sportartikelkonzern hat zwar im dritten Quartal die Erwartungen knapp übertroffen – Umsatz stagnierte bei 11,3 Milliarden Dollar, Gewinn lag mit 35 Cent je Aktie über den prognostizierten 30 Cent. Doch der Ausblick schockte: Für das laufende Quartal erwartet Nike einen Umsatzrückgang von zwei bis vier Prozent. Analysten hatten ein Plus von knapp zwei Prozent erwartet. Die Aktie fiel vorbörslich um über neun Prozent.
Das Problem ist hausgemacht. Nike hatte jahrelang auf Direktvertrieb gesetzt – auf Kosten des Einzelhandels. Konkurrenten wie Anta, On und Hoka füllten die frei gewordenen Regalplätze. CEO Elliott Hill versucht den Umbau, räumte aber ein, dass er langsamer vorankommt als erhofft. Dazu kommen sinkende Umsätze in China – sieben Quartale in Folge. Barclays-Analystin Adrienne Yih spricht von einem „langsamen Neustart auf dem chinesischen Absatzmarkt". Adidas und Puma hingegen legten heute jeweils über zwei beziehungsweise vier Prozent zu. Der Markt interpretiert Nikes Schwäche als Nikes Problem – nicht als Branchenproblem.
Microsoft baut sich seinen eigenen Strom
Sieben Milliarden Dollar für ein eigenes Kraftwerk – das klingt absurd, ist aber die logische Konsequenz des KI-Booms. Bloomberg berichtet, dass Microsoft in exklusiven Gesprächen mit Chevron und dem Investor Engine No. 1 über ein Erdgaskraftwerk im texanischen Permian Basin ist. Geplante Leistung: 2.500 Megawatt. Zieldatum: 2027 ans Netz, volle Kapazität bis 2030.
Der eigentliche Witz an der Geschichte: Microsoft umgeht damit das öffentliche Stromnetz – und die jahrelangen Genehmigungsverfahren, die damit verbunden wären. Für einen Konzern, der laut Prognosen in diesem Geschäftsjahr bis zu 146 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investiert, ist ein eigenes Kraftwerk fast schon ein logischer nächster Schritt. Oracle geht derweil einen anderen Weg: Der Konzern entlässt laut CNBC weltweit tausende Mitarbeiter – 20.000 bis 30.000 Stellen sollen abgebaut werden –, um Kapital für den Rechenzentrumsausbau freizumachen. TD-Cowen-Analysten schätzen, dass damit acht bis zehn Milliarden Dollar freier Cashflow entstehen könnten. Die Oracle-Aktie legte gestern rund sechs Prozent zu. SAP verfolgt derweil einen dritten Weg: keine Massenentlassungen, kein eigenes Kraftwerk, dafür KI-Integration in bestehende Prozesse über Partnerschaften mit Nvidia und Microsoft. Welcher Ansatz langfristig gewinnt, bleibt offen.
Der rasante Wettlauf um KI-Infrastruktur – von Microsofts eigenem Kraftwerk bis zu Oracles Milliarden-Investitionen in Rechenzentren – macht deutlich, wie zentral Halbleiter als Grundlage dieser Entwicklung geworden sind. Börsenexperte Bernd Wünsche analysiert in seiner aktuellen Sondersendung genau diesen Zusammenhang: den globalen Chip-Krieg zwischen den USA und China und welche Halbleiter-Aktie seiner Einschätzung nach am stärksten davon profitieren könnte. Wünsche, der seit über 25 Jahren als Investor und Trader aktiv ist, stellt dabei einen konkreten Titel vor – inklusive Name und WKN –, den er als aussichtsreichsten Kandidaten im laufenden KI- und Chip-Zyklus identifiziert hat. Sein Spezialreport „Die neue Nvidia" ist derzeit als Teil eines vierwöchigen Testzugangs zur Tech-Aktien-Masterclass für 99 Cent erhältlich. Zur Analyse: Chip-Krieg und die aussichtsreichste Halbleiter-Aktie 2026
Bitcoin und die leise Erholung
Krypto hat den März überraschend gut überstanden – zumindest relativ betrachtet. Bitcoin notiert heute bei rund 68.800 Dollar, ein Plus von knapp zwei Prozent. Ethereum legte 4,2 Prozent zu, XRP 2,8 Prozent. Der Kontext: Während DAX und S&P 500 im März jeweils rund 7,5 Prozent verloren und der Nasdaq 100 sogar neun Prozent einbüßte, hielt Bitcoin die Verluste in Grenzen. Das ist kein Triumph – aber ein Zeichen, dass Krypto im aktuellen Umfeld weniger als reiner Risikoasset wahrgenommen wird als noch vor einem Jahr.
Eine andere Meldung verdient mehr Aufmerksamkeit: Google-Forscher haben in einem neuen Paper gewarnt, dass Quantencomputer die elliptische Kurven-Kryptografie – die Basis von Bitcoin – schneller knacken könnten als bisher angenommen. Statt der bisher geschätzten zehn Millionen Qubits sollen bereits weniger als 500.000 physikalische Qubits ausreichen. Praktisch relevant ist das heute noch nicht. Aber Google schätzt, dass solche Rechner bereits 2029 existieren könnten. Die Ethereum Foundation, Coinbase und das Stanford Blockchain Research Institute haben zu der Studie beigetragen – und die Branche aufgefordert, jetzt mit der Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie zu beginnen. Ein Thema, das man im Hinterkopf behalten sollte.
Maschinenbau sendet Warnsignal
Abseits der Schlagzeilen-Rally gibt es eine Zahl, die nachdenklich stimmt. Der VDMA meldete heute, dass die Aufträge im deutschen Maschinenbau im Februar real um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen sind. Inlandsbestellungen minus 16 Prozent, Ausland minus elf Prozent. VDMA-Chefvolkswirt Johannes Gernandt nennt als Hauptgrund die geopolitischen Belastungen – und explizit den Iran-Krieg als neue Belastungsschicht. Nur die Bestellungen aus den Euro-Partnerländern lagen mit plus sechs Prozent im grünen Bereich.
Das ist kein Absturz, aber ein klares Signal: Die Realwirtschaft spürt den Energieschock deutlich stärker als die Börsen in diesen Tagen. Wenn sich die Hoffnung auf ein Kriegsende nicht bald in tatsächlichen Lieferkettenstabilisierungen niederschlägt, werden die Auftragsbücher weiter leiden.
Was bleibt, wenn die Hoffnung verblasst
Heute Nacht – um 3 Uhr MEZ – will Trump eine „wichtige Rede" zu Iran halten. Die Märkte werden jedes Wort auf die Goldwaage legen, besonders zur Frage: Was passiert mit der Straße von Hormus? Solange die nicht offen ist, bleibt Öl teuer, bleibt Inflation ein Thema, bleibt die Fed in der Zwickmühle. Am Freitag kommen zudem die US-Arbeitsmarktdaten – allerdings sind die US-Märkte dann wegen des Karfreitags geschlossen. Auch Frankfurt pausiert am Freitag und Montag. Die kommenden Handelstage vor Ostern dürften also dünn besetzt und entsprechend volatil sein.
Die Rally von heute ist real. Aber sie steht auf einem fragilen Fundament aus Hoffnung und Rhetorik. Das ist kein Grund zur Panik – aber auch keiner, die Vorsicht abzulegen.
Bis zur nächsten Ausgabe,
Andreas Sommer
Mittwoch, 1. April 2026








