116 Dollar Brent-Öl: Die Stagflationsfalle schnappt zu
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern Abend schrieb ich Ihnen, jedes Wort Jerome Powells zu Energiekosten und Arbeitsmarkt werde auf die Goldwaage gelegt. Die Antwort fiel ernüchternd aus – und sie kam nicht allein aus Washington. Während Powell sprach, brannten am Persischen Golf Gasanlagen. Und plötzlich steht Europa vor einer Energiekrise, die das Stagflations-Szenario vom abstrakten Risiko zur greifbaren Realität werden lässt.
Brennende Terminals, explodierende Preise
Nach israelischen Angriffen auf das iranische South-Pars-Gasfeld hat Teheran Vergeltung geübt und unter anderem die weltgrößte LNG-Exportanlage im katarischen Ras Laffan attackiert. Shell bestätigte am Vormittag Schäden an seiner dortigen Gasaufbereitungsanlage „Pearl". Brent-Rohöl schoss auf 116 US-Dollar pro Barrel – ein Plus von fast 60 Prozent seit Ausbruch des Konflikts. Noch heftiger reagierte der europäische Erdgaspreis: In der Spitze 67,5 Euro pro Megawattstunde, ein Anstieg um 35 Prozent.
Gestern notierte Brent noch bei rund 101 Dollar, nachdem irakisch-kurdische Pipelinelieferungen und volle US-Lager kurzzeitig für Entspannung gesorgt hatten. Diese Hoffnung ist verflogen. Für Europas energieintensive Industrie – Chemie, Stahl, Glas – wirkt der neue Preissprung wie ein Stromschlag auf einen Patienten, der ohnehin am Tropf hängt.
Powells Botschaft, Lagardes Dilemma
Die Fed beließ den Leitzins gestern Abend erwartungsgemäß bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Was die Märkte aufschreckte, war der Ausblick: Für 2026 signalisieren die Fed-Offiziellen nur noch eine einzige Zinssenkung. Die Inflationsprognose für das laufende Jahr wurde auf 2,7 Prozent angehoben. Powell räumte unumwunden ein, dass der Krieg den Inflationsausblick mit massiver Unsicherheit überzieht. Die Formel, die ich gestern beschrieb – Ölpreis erzwingt Inflation, Inflation verhindert Zinssenkungen, fehlende Senkungen bremsen die Wirtschaft – hat nun offizielles Fed-Siegel.
Um 14:15 Uhr richtet sich der Blick nach Frankfurt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde steht vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Der Leitzins liegt bei 2,0 Prozent, die Inflation in der Eurozone betrug im Februar 1,9 Prozent. Eigentlich komfortabel. Nur dass explodierende Energiekosten diese Zahl binnen Wochen nach oben treiben können – während sie gleichzeitig die Konjunktur abwürgen. Schnelle Zinssenkungen dürften vom Tisch sein. Die Schweizerische Nationalbank hat am Vormittag bereits vorgemacht, wie der neue Kurs aussieht: Leitzins bei 0 Prozent belassen, Bereitschaft zu Deviseninterventionen erhöht. Abwarten und absichern.
Ausverkauf mit historischem Warnsignal
Die Börsen kapitulieren vor dieser Mischung aus Geopolitik und Zinsangst. Der Dax fiel am Vormittag um 2,6 Prozent auf ein Tagestief von 22.873 Punkten. In Tokio gab der Nikkei 3,4 Prozent ab, die Wall Street hatte bereits gestern deutlich verloren.
Besonders in den USA verdichten sich die Warnsignale. Chefökonom Mark Zandi von Moody's warnt offen vor einer ölpreisgetriebenen Rezession. Das Shiller-KGV des S&P 500 stand im Februar bei 39,2 – dem zweithöchsten Wert seit dem Platzen der Dotcom-Blase. Die Strategen von JPMorgan rechnen vor: Bleibt Öl dauerhaft über 90 Dollar, droht dem US-Leitindex eine Korrektur von 10 bis 15 Prozent.
Auch auf Unternehmensebene hinterlässt das Umfeld Spuren. Vonovia verlor nach einem CEO-Wechsel 10 Prozent und markierte den tiefsten Stand seit Ende 2023. BP wiederum nutzt die Gunst der Stunde für eine strategische Bereinigung und verkauft seine traditionsreiche Raffinerie in Gelsenkirchen an die Klesch-Gruppe.
Was bedeutet das konkret für uns als Anleger, wenn klassische Buy-and-Hold-Positionen unter diesem Druck leiden? Trader Jörg Mahnert zeigt in seinem Webinar eine Handelsstrategie, die gezielt für volatile und unberechenbare Marktphasen entwickelt wurde – mit dem Ziel, das Auf und Ab der Kurse aktiv zu nutzen statt abzuwarten. Konkret stellt er einen Ansatz vor, bei dem bereits ein bis zwei Trades pro Woche ausreichen sollen, um schrittweise Gewinne aufzubauen. Zur Webinar-Aufzeichnung: Handelsstrategien für volatile Märkte
Das Krypto-Paradoxon und ein Meilenstein für XRP
Bitcoin fiel unter die kritische Marke von 71.000 Dollar – gestern pendelte die Kryptowährung noch nervös um 74.000 Dollar. Das Paradoxe: Die US-Spot-ETFs verzeichneten in nur sieben Tagen Nettozuflüsse von über einer Milliarde Dollar. Institutionelles Geld strömt hinein, der Kurs fällt trotzdem. Der makroökonomische Druck – falkenhafte Fed, explodierende Energiepreise – überwiegt selbst massive Nachfrage.
Unter dem Radar der geopolitischen Eskalation vollzieht sich derweil eine regulatorische Zäsur: SEC und CFTC haben XRP offiziell als digitalen Rohstoff eingestuft. Ein jahrelanger Rechtsstreit endet. Die Konsequenz folgt prompt: Das XRP-Treasury-Unternehmen Evernorth hat ein Formular S-4 für eine 1-Milliarden-Dollar-SPAC-Fusion eingereicht, um unter dem Ticker XRPN an der Nasdaq gelistet zu werden. Traditioneller Aktienmarkt und Krypto-Welt verschmelzen – ausgerechnet in einer Woche, in der beides unter Druck steht.
Quintessenz
Die entscheidende Frage der kommenden Tage lautet nicht, ob die Märkte weiter fallen. Sie lautet, ob der Konflikt am Persischen Golf auf diesem Eskalationsniveau verharrt – oder sich tiefer in die globale Lieferkette frisst. Gestern hoffte ich mit Ihnen auf eine schrittweise Lockerung von Teherans Griff um den Energiemarkt. Der Angriff auf Ras Laffan hat diese Hoffnung vorerst zerstört.
Achten Sie um 14:45 Uhr auf die Zwischentöne von Christine Lagarde. Jedes Wort zur importierten Inflationsgefahr wird die Märkte bewegen. Die EZB-Chefin muss heute erklären, wie sie eine Wirtschaft stützen will, deren größtes Problem – der Energiepreis – außerhalb ihrer Reichweite liegt.
Kommen Sie gut durch diesen unruhigen Donnerstag.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








