103 Dollar pro Barrel – wie der Krieg am Golf die Zinswende beerdigt
Liebe Leserinnen und Leser,
fünftausend Pfund. So schwer sind die bunkerbrechenden Bomben, die das US-Militär in der vergangenen Nacht auf gehärtete iranische Raketenstellungen abgeworfen hat. Das Ziel: die Straße von Hormus wieder passierbar zu machen – jenes Nadelöhr, durch das ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung fließt. Während die Detonationen am Persischen Golf die geopolitische Lage weiter zuspitzen, senden sie Schockwellen in die Handelsräume von Frankfurt bis zur Wall Street.
Gestern beschrieb ich Ihnen, wie der ZEW-Index die Kapitulation der Zuversicht dokumentierte. Heute zeigt sich, was daraus folgt: eine seltene Gleichzeitigkeit von militärischer Eskalation, geldpolitischer Ohnmacht und einem Technologie-Boom, der sich von alledem abzukoppeln scheint.
Die Geopolitik diktiert den Preis
Brent-Rohöl schoss zeitweise über 103 Dollar pro Barrel – ein Anstieg von über 40 Prozent in nur 17 Tagen seit Beginn des Iran-Krieges. US-Präsident Trump erhöht den Druck auf die Alliierten und droht, einen geplanten Gipfel mit Chinas Staatschef Xi Jinping platzen zu lassen, falls Peking nicht bei der Sicherung der Meerenge hilft.
Interessanterweise fassen die Märkte zuletzt wieder etwas Mut. Der DAX setzt seine Erholung fort, auch die Wall Street verbuchte am Dienstag Gewinne. Der Grund: Die USA meldeten überraschend einen massiven Aufbau ihrer Rohöllagerbestände um 6,56 Millionen Barrel. Gleichzeitig einigten sich die irakische Regierung und die Kurdenregion auf die Wiederaufnahme von Ölexporten über eine Pipeline in die Türkei. Tropfen auf den heißen Stein – aber sie ließen den Brent-Preis am Morgen auf rund 101 Dollar abkühlen. Die stille Hoffnung: Der feste Griff Teherans um den globalen Energiemarkt könnte sich Schritt für Schritt lockern.
Powells unmöglicher Spagat
Für Jerome Powell kommt diese kleine Entspannung zu spät. Wenn das Federal Open Market Committee heute Abend um 19:00 Uhr unserer Zeit seine Zinsentscheidung verkündet, sind die Hände der Währungshüter gebunden. Die Märkte preisen mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein, dass der Leitzins im Bereich von 3,50 bis 3,75 Prozent verharrt.
Spannender als die Entscheidung selbst werden die neuen Wirtschaftsprognosen der Fed – die sogenannten Dot Plots. Gestern schrieb ich über Australiens Zinsschock nach oben. Die Fed dürfte heute die Gegenreaktion zeigen: nicht erhöhen, aber jede Fantasie auf baldige Senkungen begraben. Der US-Benzinpreis ist im Durchschnitt auf 3,79 Dollar pro Gallone geklettert. Diane Swonk von KPMG erwartet, dass die Notenbank höhere Inflations- und Arbeitslosenprognosen präsentieren muss. Länger hohe Zinsen bei stotterndem Wachstum – der klassische geldpolitische Albtraum namens Stagflation rückt näher. Zinssenkungen im Jahr 2026 scheinen vom Tisch.
KI-Profiteure im Schatten der Krise
Während die Makroökonomie unter der Öl-Last ächzt, entkoppelt sich ein Sektor von der Schwerkraft: die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz. Heute Abend nach US-Börsenschluss legt der Speicherchip-Gigant Micron Technology Quartalszahlen vor. Die Aktie notiert bei 461 US-Dollar, die Marktkapitalisierung hat die halbe Billion geknackt.
Hedgefonds-Milliardär David Tepper hat seine Micron-Position zuletzt verdreifacht – und dafür sogar Nvidia-Aktien abgestoßen. Der Grund: Die KI-getriebene Nachfrage nach High-Bandwidth Memory trifft auf massiv begrenztes Angebot. Micron kann derzeit nur die Hälfte bis zwei Drittel der Nachfrage seiner wichtigsten Kunden bedienen. Nvidia selbst goss auf der GTC-Konferenz weiteres Feuer in die Euphorie und stellte für 2026 und 2027 Umsätze von einer Billion Dollar für seine Blackwell- und Rubin-Chips in Aussicht.
Was das mit Europa zu tun hat? Gestern verwies ich auf den BlackRock World Mining Trust und die physische Seite der KI-Revolution. Heute liefert Siemens Energy den nächsten Beleg: Der DAX-Konzern legte zeitweise knapp 5 Prozent auf 157,30 Euro zu. Die Rechenzentren für diese Chips verschlingen gigantische Mengen Strom. KI-Fantasie wandelt sich in handfeste Infrastrukturaufträge.
Stillstand in der Republik
Während global Milliarden bewegt werden, zeigt sich der deutsche Alltag von seiner zähen Seite. Ein Warnstreik der Gewerkschaft Verdi legt den Hauptstadtflughafen BER komplett lahm – menschenleere Terminals, ruhender Passagierverkehr. Auch in München stehen U-Bahnen und Trams weitgehend still.
Parallel hat das Bundeskabinett die „Nationale Wirtschaftsschutzstrategie" verabschiedet. Strategische Abhängigkeiten sollen aufgelöst, die Forschungssicherheit erhöht werden. Ein dringend nötiger Schritt in einer Welt, in der wirtschaftliche Verflechtungen zunehmend als Waffe dienen. Ob der Schritt groß genug ist, steht auf einem anderen Blatt.
Quintessenz
Der heutige Mittwoch verdichtet die Spannung der vergangenen Wochen zu einem einzigen Abend in Washington. Um 19:00 Uhr die Zinsentscheidung, eine halbe Stunde später Powell vor der Presse. Jedes Wort zu Energiekosten und Arbeitsmarkt wird auf die Goldwaage gelegt – auch von den Krypto-Märkten, wo Bitcoin nervös um die Marke von 74.000 Dollar pendelt.
Die Lage lässt sich auf eine unbequeme Formel bringen: Der Ölpreis erzwingt höhere Inflation, höhere Inflation verhindert Zinssenkungen, fehlende Zinssenkungen bremsen eine Wirtschaft, die ohnehin unter geopolitischem Stress steht. Wer auf eine schnelle Auflösung dieses Knotens hofft, wird von Powell heute Abend vermutlich enttäuscht. Die einzige Branche, die sich diesem Gravitationsfeld entzieht, baut gerade die Infrastruktur für eine Welt nach dem Öl. Ob das Ironie ist oder Voraussicht, werden die kommenden Quartale zeigen.
Ich wünsche Ihnen einen klaren Kopf und einen erfolgreichen restlichen Mittwoch.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








