Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schrieb ich Ihnen, die entscheidende Frage sei nicht mehr, ob die EZB die Zinsen erhöht – sondern wann. Heute liefert die andere Seite des Atlantiks eine Antwort, die kaum jemand erwartet hätte: gar nicht.

Eine Billion Dollar Marktkapitalisierung, ausradiert. 17 Prozent der katarischen Flüssiggas-Kapazitäten, lahmgelegt. 70 Prozent der irakischen Basra-Ölproduktion, gedrosselt. Drei Zahlen, die das Ausmaß der vergangenen 24 Stunden greifbar machen. Und mittendrin eine US-Notenbank, die demonstrativ die Hände in den Schoß legt.

Der Energie-Infarkt am Golf

Die Eskalation hat eine neue Stufe erreicht. Nach den iranischen Angriffen auf Raffinerien in Kuwait und das Ras Laffan LNG-Terminal in Katar – das allein ein Fünftel des weltweiten Flüssiggasangebots stellt – schoss der Brent-Preis zeitweise über 119 US-Dollar, bevor er sich bei 108,65 Dollar einpendelte. Der europäische Gas-Benchmark TTF legte weitere 17 Prozent zu.

Die Straße von Hormus, Nadelöhr für 20 Prozent der globalen Ölversorgung und 30 Prozent des europäischen Kerosins, ist de facto blockiert. Die Reaktion der Börsen fiel entsprechend aus: Der DAX verlor 2,4 Prozent, der Nikkei stürzte um 3,4 Prozent ab. In einem bemerkenswerten Manöver erwägt das US-Finanzministerium nun sogar, Sanktionen gegen iranisches Öl auf hoher See zu lockern – um genau jenen Preisdruck abzumildern, den die eigene Sanktionspolitik mitverursacht hat.

Warum die Fed den Schock aussitzt

Gestern noch revidierten JP Morgan, Morgan Stanley und die Deutsche Bank ihre EZB-Prognosen nach oben. Zinserhöhungen, so der Tenor, seien nur eine Frage der Zeit. Die Fed geht den entgegengesetzten Weg.

Fed-Gouverneur Christopher Waller stellte am Freitag unmissverständlich klar: keine weiteren Zinserhöhungen. Er rechnet damit, dass sich die Inflation in der zweiten Jahreshälfte abkühlt – auch wenn hohe Ölpreise temporär durchschlagen. Die Fed projiziert für 2026 sogar weiterhin eine Zinssenkung.

Die Logik dahinter verdient Beachtung. Höhere Zinsen pumpen kein Öl aus dem Boden. Sie reparieren keine zerstörten LNG-Terminals. Eine Straffung in einen geopolitischen Angebotsschock hinein würde die Wirtschaft lediglich in eine Rezession drücken, ohne das eigentliche Problem zu lösen: die fehlenden Barrels. Es ist das genaue Gegenmodell zu Frankfurt, wo die EZB mit ihrer sechsten Zinspause in Folge und einer auf 2,6 Prozent hochkorrigierten Inflationsprognose in der Zwickmühle steckt. Zwei Notenbanken, ein Schock, zwei grundverschiedene Antworten.

Tech-Beben zwischen KI-Milliarden und Schmuggel-Skandal

Der Kursrutsch an der Wall Street speist sich nicht allein aus dem Ölpreis. Die Tech-Giganten ächzen unter dem Gewicht ihrer eigenen Ambitionen. Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft haben 2025 zusammen 381 Milliarden US-Dollar in KI-Infrastruktur investiert. Die Frage, wann aus diesen gewaltigen Summen Rendite wird, stellen Anleger mit zunehmender Ungeduld.

Gleichzeitig erschüttert ein handfester Skandal die Halbleiterbranche. Die Aktien von Super Micro Computer brachen am Freitag um fast 30 Prozent ein. Drei Personen, darunter Mitgründer Yih-Shyan Liaw, wurden angeklagt, fortschrittliche US-KI-Technologie illegal nach China geschmuggelt zu haben. Geopolitik findet eben nicht nur am Persischen Golf statt – sondern auch in den Lieferketten des Silicon Valley.

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Die jüngsten Verwerfungen im Halbleitersektor werfen eine wichtige Frage für Anleger auf: Welche Chip-Unternehmen stehen trotz geopolitischer Lieferkettenrisiken strukturell auf der Gewinnerseite des KI-Booms? In diesem kostenlosen Webinar werden vier konkrete Chip-Aktien analysiert, die von den massiven KI-Infrastrukturinvestitionen der Tech-Giganten profitieren könnten – jenseits der bereits hoch bewerteten Platzhirsche. Webinar: 4 Chip-Aktien im KI-Infrastruktur-Boom

Krypto: Stabilität trifft auf regulatorischen Meilenstein

Während traditionelle Risikoanlagen unter Druck stehen, hält sich Bitcoin bemerkenswert stabil über der Marke von 70.000 US-Dollar. Noch vergangene Woche kippten die ETF-Zuflüsse, noch am Freitag pendelte der Kurs nervös. Jetzt stabilisiert er sich – ausgerechnet in einer Phase, die für Risikoanlagen eigentlich Gift sein müsste.

Ein möglicher Grund: Am 17. März veröffentlichten SEC und CFTC ein gemeinsames Regelwerk für digitale Vermögenswerte. Das Dokument definiert erstmals klare Kategorien für digitale Waren, Stablecoins und Wertpapiere. Es klärt zudem rechtliche Grauzonen rund um Protocol Mining, Staking und Airdrops. Für institutionelle Investoren, von denen laut einer aktuellen Ripple-Umfrage bereits 70 Prozent digitale Assets als strategische Notwendigkeit betrachten, ist diese juristische Klarheit ein massiver Katalysator.

Ein Blick nach Deutschland

Die globalen Verwerfungen erreichen auch die heimische Wirtschaft – mit eigenen Vorzeichen. Rheinmetall will den Bau der neuen F126-Fregatten für die Deutsche Marine massiv beschleunigen. Die erste der sechs Fregatten soll nun im zweiten Halbjahr 2031 ausgeliefert werden. Die sicherheitspolitische Zeitenwende wird industrielle Realität – und Rheinmetall liefert die Preisschilder.

Parallel zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, wie stark sich die Vermögenslandschaft verschiebt: Bis 2035 wird eine massive regionale Auseinanderentwicklung der Wohnimmobilienpreise in den 400 deutschen Kreisen prognostiziert. Die Makroökonomie trennt auch hierzulande zunehmend Gewinner von Verlierern.

Quintessenz

Die vergangene Woche begann mit Brent bei 116 Dollar und endete bei 108,65 Dollar – dazwischen lagen ein Spike auf 119 Dollar, zerstörte Infrastruktur und diplomatische Notoperationen. Der Ölpreis mag leicht nachgegeben haben. Die strukturellen Verwerfungen, die dieser Konflikt auslöst, sind erst am Anfang.

Der eigentliche Bruch dieser Woche ist geldpolitischer Natur. Frankfurt und Washington haben sich entkoppelt. Die EZB steht vor Zinserhöhungen, die Fed lehnt sie ab. Für europäische Anleger bedeutet das: höhere Finanzierungskosten bei gleichzeitig teurer Energie. Eine Kombination, die Portfolios auf eine harte Probe stellen wird.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann