Volkswagen, Deutsche Bank & Tesla Semi: Wenn Zölle Milliarden-Pläne torpedieren, KI-Assistenten Filialen ersetzen und ein Truck endlich ernst wird
Liebe Leserinnen und Leser,
2,1 Milliarden Euro – so viel kosteten die US-Zölle den Volkswagen-Konzern allein in den ersten neun Monaten 2025. Gestern machte VW-Chef Oliver Blume im Handelsblatt unmissverständlich klar: Das geplante Audi-Werk in den USA? Unter diesen Bedingungen nicht finanzierbar. Während europäische Autobauer mit Trumps Handelspolitik ringen, vollzieht die Deutsche Bank einen radikalen Umbau ihres Filialnetzes – KI statt Schalter. Und Tesla? Der Konzern könnte 2026 endlich beweisen, dass der Semi mehr ist als eine teure Zukunftswette. Drei Geschichten über Investitionen, die auf der Kippe stehen, sich fundamental wandeln oder kurz vor dem Durchbruch stehen.
Volkswagen: Wenn Zollpolitik Investitionspläne zunichtemacht
„Bei einer unveränderten Belastung durch die Zölle ist eine große zusätzliche Investition nicht finanzierbar." Klarer kann man es kaum formulieren. VW-Chef Oliver Blume zog gestern einen Schlussstrich unter die Pläne für ein Audi-Werk in den USA – zumindest vorerst. Seit 2023 dachte der Konzern über den Bau nach, angelockt durch neue Subventionen unter der Biden-Administration. Doch was damals wirtschaftlich attraktiv erschien, hat sich unter Trump ins Gegenteil verkehrt.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 2,1 Milliarden Euro Zollbelastung in nur neun Monaten. Für einen Konzern, der ohnehin mit strukturellen Herausforderungen kämpft, ist das mehr als ein Ärgernis – es ist ein strategisches Problem. Blume sprach zwar von einer „Vorwärtsstrategie" für das US-Geschäft und deutlichen Wachstumschancen, korrigierte aber gleichzeitig das alte Ziel von zehn Prozent Marktanteil. Heute müsse man „Schritt für Schritt" vorangehen.
Interessant sind die Gespräche, die bereits liefen: Blume traf sich mit Präsident Trump persönlich sowie mit Handelsminister Howard Lutnick. Die Botschaft aus Wolfsburg ist klar: „Wer investiert, Arbeitsplätze und Wertschöpfung schafft, der muss auch Vorteile auf der Kostenseite haben." Eine klassische Verhandlungsposition – doch bisher ohne die benötigten Ergebnisse. Für Anleger bedeutet das: Die US-Expansion von VW bleibt auf unbestimmte Zeit in der Schwebe, während die Zollbelastung weiter auf die Marge drückt.
Deutsche Bank: KI-Butler statt Bankberater
Bis Ende 2026 verschwinden weitere 100 Filialen der Deutschen Bank und Postbank aus deutschen Innenstädten. Von einst über 750 Zweigstellen Ende 2024 schrumpft das Netz kontinuierlich. Doch Privatkundenvorstand Claudio de Sanctis betont: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nach wie vor Filialen brauchen." Der Widerspruch löst sich auf, wenn man versteht, was die Bank vorhat.
In der zweiten Jahreshälfte 2026 kommt ein digitaler Assistent – „eine Art Butler", wie de Sanctis es nennt. Die KI-gestützte Assistenz soll Kunden Schritt für Schritt durch die Banking-App führen, Fragen zu Zahlungsverkehr und Kreditkarten beantworten, die alltäglichen Bankgeschäfte digitalisieren. Das Ziel ist ambitioniert: Bei 19 Millionen Privatkunden in Deutschland will die Bank die App-Nutzung „drastisch erhöhen". Immerhin konnte man die Nutzungszahlen in den letzten 18 Monaten bereits um knapp 20 Prozent steigern.
Die Strategie dahinter ist klar kalkuliert: Mitarbeiter in Filialen verbringen heute zu viel Zeit mit Verwaltungsaufgaben. Diese sollen auf den digitalen Kanal verlagert werden, damit mehr Zeit für Beratung bei komplexen Themen bleibt – Hauskauf, Geldanlage, Altersvorsorge. „Sie möchten wissen, dass ein so wichtiger Teil Ihres Lebens nicht in einer Cloud stattfindet, die Sie nicht greifen können", erklärt de Sanctis die Rolle der verbleibenden Filialen.
Für Anleger ist das ein zweischneidiges Schwert: Die Digitalisierung wird Stellen kosten, primär durch natürliche Fluktuation. Gleichzeitig könnte die Effizienzsteigerung die Marge im Privatkundengeschäft verbessern – ein Segment, das für die Deutsche Bank zunehmend wichtig wird. Die Frage ist, ob Kunden den KI-Butler annehmen oder zur Konkurrenz wechseln.
Tesla Semi: 2026 als Bewährungsprobe für den E-Truck
Fast neun Jahre nach der Präsentation könnte der Tesla Semi 2026 endlich zeigen, ob er mehr ist als eine teure Marketingaktion. Die Zahlen klingen beeindruckend: 500 Meilen Reichweite aus einer ~850 kWh-Batterie, Schnellladen mit bis zu 1,2 Megawatt, deutlich niedrigere Energie- und Wartungskosten als Diesel-Lkw. Elon Musk beschrieb die Nachfrage wiederholt als „lächerlich hoch" und den Business Case als „No-Brainer".
Die Realität sieht komplizierter aus. Bisher sind nur wenige Dutzend Trucks im Einsatz, die Produktion wurde mehrfach verschoben. Doch 2026 soll der Durchbruch kommen: Tesla plant, bis Jahresende bis zu 50.000 Trucks jährlich aus dem Nevada-Werk zu produzieren – ein ehrgeiziges Ziel in einem US-Markt für Tractor-Day-Cabs von unter 100.000 Einheiten pro Jahr. Allein über Kaliforniens Subventionsprogramm wurden 2025 fast 900 Semis angefragt, mehr als jeder etablierte Hersteller je akkumuliert hat.
Kunden wie DHL und RoadOne berichten von besserer Performance als erwartet und signalisieren Interesse an Flottenausweitungen. Doch Analysten von Bernstein warnen: Die Total Cost of Ownership könnte bei aktuellen Annahmen immer noch leicht über denen der besten Diesel-Trucks liegen. Hinzu kommen Sorgen über die Batterieversorgung – ein wichtiger 4680-Zellen-Zulieferer musste kürzlich massive Abschreibungen vornehmen. Drohnenaufnahmen zeigen zudem, dass die Produktionslinie in Nevada noch nicht vollständig installiert ist.
Für etablierte Player wie Daimler, Volvo und Paccar ist Tesla kurzfristig keine existenzielle Bedrohung. Diesel dominiert weiterhin, und die Elektrifizierung im Fernverkehr wird langsam verlaufen. Doch wenn Tesla die 2026er-Rampe tatsächlich schafft, könnte das die Branchenstimmung kippen und Investitionsdruck auf die Konkurrenz erzeugen. Das würde Renditen in einem bisher profitablen Segment komprimieren – ein Szenario, das Anleger im Blick behalten sollten.
Was das für Sie bedeutet
Drei unterschiedliche Investitionsgeschichten, ein gemeinsames Muster: Unsicherheit. Volkswagen kann nicht bauen, weil die politischen Rahmenbedingungen zu volatil sind. Die Deutsche Bank baut radikal um, wettet auf KI und hofft, dass Kunden mitziehen. Tesla will endlich liefern, kämpft aber mit Produktionsrealitäten und Kostenstrukturen.
In dieser Woche dürfte die Berichtssaison weitere Einblicke geben, wie Unternehmen mit steigenden Investitionskosten und politischer Unsicherheit umgehen. Die Frage ist nicht mehr, ob investiert wird – sondern wo, wann und unter welchen Bedingungen sich Milliarden-Wetten noch rechnen.
Einen erkenntnisreichen Start in die Woche wünscht Ihnen
Andreas Sommer








