Liebe Leserinnen und Leser,

drei Schlagzeilen, drei völlig unterschiedliche Geschichten – und doch erzählen sie alle vom selben Phänomen: Märkte belohnen Klarheit. Während die italienische Unicredit mit einem ambitionierten Gewinnplan und 50 Milliarden Euro für Aktionäre die europäische Bankenbranche elektrisiert, atmet der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk auf, weil ein lästiger Konkurrent seine Wegovy-Kopie zurückzieht. Und in Genf sichert sich STMicroelectronics einen Milliardendeal mit Amazon – just in dem Moment, als die KI-Investitionswelle die nächste Stufe zündet. Was verbindet diese drei Ereignisse? Sie zeigen, dass Anleger 2026 nicht mehr nur auf Wachstumsversprechen setzen, sondern auf handfeste Ergebnisse, rechtliche Durchsetzungskraft und strategische Partnerschaften.

Unicredit schockt mit 50-Milliarden-Plan – Commerzbank im Schlepptau

Mailand macht Druck. Die italienische Großbank Unicredit hat am Montag einen Plan vorgelegt, der selbst optimistische Analysten überrascht: Bis 2028 soll der bereinigte Gewinn auf 13 Milliarden Euro klettern, bereits 2026 peilt CEO Andrea Orcel 11 Milliarden an. Das allein wäre schon bemerkenswert – doch die eigentliche Ansage steckt in der Kapitalallokation: 80 Prozent aller Gewinne fließen in den kommenden Jahren als Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre. In absoluten Zahlen: mindestens 30 Milliarden Euro in drei Jahren, 50 Milliarden in fünf Jahren. Die Rendite auf das materielle Eigenkapital soll von aktuell 19,2 Prozent auf über 23 Prozent steigen – ein Wert, von dem deutsche Institute nur träumen können.

Die Börse reagierte prompt: Unicredit-Aktien sprangen in Mailand um fast fünf Prozent nach oben und erreichten ein Rekordhoch. Doch die Wellen schlugen bis nach Frankfurt: Auch die Commerzbank-Aktie legte um bis zu drei Prozent zu. Kein Zufall, denn Unicredit hält inzwischen über 26 Prozent der Commerzbank-Anteile und steht mit Finanzinstrumenten bei knapp 30 Prozent – nur einen Prozentpunkt vor der Schwelle, ab der ein Pflichtangebot fällig würde. Orcels Strategie ist klar: Er will zeigen, dass Unicredit profitabler, effizienter und aktionärsfreundlicher agiert als die meisten europäischen Konkurrenten. Die Kosten sollen 2028 nur noch 33 Prozent der Erträge aufzehren – die Deutsche Bank kommt derzeit auf 64 Prozent, die Commerzbank hat sich für 2028 etwa 50 Prozent vorgenommen.

Ob Orcel tatsächlich ein Übernahmeangebot für die Commerzbank abgibt, bleibt offen. Doch die Zahlen vom Montag dürften den Druck auf Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp erhöhen, ihr eigenes Haus schneller profitabler zu machen – sonst könnten die Aktionäre irgendwann selbst auf die Idee kommen, dass ein Zusammenschluss mit den Italienern attraktiver ist als der Status quo.

Novo Nordisk jubelt: FDA stoppt Wegovy-Kopie von Hims & Hers

Manchmal gewinnt man, ohne selbst aktiv werden zu müssen. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk erlebte am Wochenende eine überraschende Wendung: Das US-Telemedizinunternehmen Hims & Hers, das erst am Donnerstag eine günstige Semaglutid-Pille als Wegovy-Alternative angekündigt hatte, zog das Produkt am Samstag wieder zurück. Der Grund: massiver Druck durch die US-Arzneimittelbehörde FDA, die ankündigte, gegen sogenannte „Compounding"-Produkte mit GLP-1-Wirkstoffen vorzugehen. Parallel hatte Novo Nordisk mit rechtlichen Schritten gedroht und argumentiert, nur FDA-zugelassene Varianten sollten auf dem Markt sein.

Die Börse reagierte deutlich: Novo Nordisk-Aktien sprangen am Montag in Kopenhagen um über sieben Prozent nach oben, während Hims & Hers im vorbörslichen US-Handel rund 16 Prozent einbüßten. Für Novo ist der Rückzug der Konkurrenz eine willkommene Verschnaufpause, nachdem der Konzern erst vergangene Woche mit einem vorsichtigen Ausblick die Märkte geschockt hatte. Umsatz und Gewinn sollen 2026 wegen Preisdruck und Patentabläufen zurückgehen – eine Ansage, die die Aktie innerhalb weniger Tage um 17 Prozent abstürzen ließ.

Doch die Erleichterung könnte nur temporär sein. Analysten der Citigroup behalten ihre neutrale Bewertung bei und verweisen auf strukturelle Herausforderungen: Der Wettbewerb im Abnehm-Segment verschärft sich, Eli Lilly liegt bei US-Verschreibungen vorne, und die Frage bleibt, ob Novos neue orale Wegovy-Tablette den Preisdruck wirklich ausgleichen kann. Immerhin: Die FDA hat signalisiert, dass sie künftig härter gegen unzugelassene GLP-1-Kopien vorgehen will – das könnte Novo Nordisk zumindest vor einem Teil der Billigkonkurrenz schützen.

STMicroelectronics sichert sich Amazon-Deal – mit Optionsscheinen als Zuckerl

Genf meldet einen Coup. Der Halbleiterhersteller STMicroelectronics hat am Montag eine mehrjährige strategische Partnerschaft mit Amazons Cloudsparte AWS bekannt gegeben. STMicro wird in den kommenden Jahren verschiedene Halbleiter für AWS-Rechenzentren liefern – darunter Hochgeschwindigkeits-Konnektivitätslösungen, Mikrocontroller für Infrastrukturmanagement und Analog- sowie Power-Chips für energieeffiziente Rechenzentren. Amazon hatte erst in der Vorwoche angekündigt, 2026 rund 200 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur zu investieren – der Deal mit STMicro ist ein direkter Ausfluss dieser Strategie.

Interessant ist die Konstruktion: STMicro hat AWS Optionsscheine für bis zu 24,8 Millionen Aktien ausgegeben, die in Tranchen über sieben Jahre zu je 28,38 Dollar ausgeübt werden können. Das entspricht einer potenziellen Summe von gut 700 Millionen Dollar – bei einer aktuellen Marktkapitalisierung von STMicro von umgerechnet 28,6 Milliarden Dollar eine spürbare Größenordnung. Die Optionsscheine sind dabei an die tatsächlichen Zahlungen von AWS für STMicro-Produkte gekoppelt – ein cleverer Mechanismus, der beide Seiten aneinander bindet.

Die Börse honorierte die Nachricht: STMicro-Aktien stiegen am Montagvormittag um über sechs Prozent. Der Halbleiterhersteller, der unter anderem Tesla und Apple beliefert, hatte Ende Januar bereits einen überraschend starken Ausblick auf das laufende Quartal gegeben. Neben dem florierenden Rechenzentrumsgeschäft zeige auch die Nachfrage im Bereich Unterhaltungselektronik Anzeichen einer Erholung, hieß es damals. Der Amazon-Deal dürfte diese Einschätzung nun untermauern – und zeigt, dass die großen Cloud-Player bereit sind, langfristige Partnerschaften einzugehen, um sich kritische Bauteile zu sichern.

Was sonst noch wichtig war

Die EU-Kommission hat Meta mit einstweiligen Zwangsmaßnahmen gedroht, weil der Konzern konkurrierenden KI-Anbietern den Zugang zur WhatsApp Business API verwehrt. Meta argumentiert, es gebe viele Alternativen – doch Brüssel sieht darin einen Verstoß gegen Wettbewerbsrecht. Die Meta-Aktie verlor zeitweise leicht.

In Deutschland plant Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine Reform beim Ausbau erneuerbarer Energien: Betreiber von Wind- und Solaranlagen sollen sich künftig an den Kosten des Netzausbaus beteiligen, in überlasteten Netzgebieten sollen Entschädigungen für Abregelungen entfallen. Die Grünen sprechen von einem „Angriff auf die Energiewende" – die Debatte dürfte sich verschärfen.

Und der DAX? Der deutsche Leitindex startete am Montag mit einem Plus von 0,56 Prozent bei 24.861 Punkten in die Woche. Die 25.000-Punkte-Marke bleibt in Sichtweite, doch die Anleger warten auf die US-Arbeitsmarktdaten am Mittwoch und die Inflationszahlen am Freitag, bevor sie sich zu größeren Sprüngen hinreißen lassen.

Was diese Woche noch ansteht

Am Mittwoch dürften die US-Arbeitsmarktzahlen für Januar die Märkte bewegen – Analysten erwarten ein moderates Stellenplus von 80.000 und eine Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent. Am Freitag folgen die US-Verbraucherpreise, bei denen ein Rückgang der jährlichen Teuerungsrate von 2,7 auf 2,5 Prozent erwartet wird. Beide Datenpunkte sind entscheidend für die Zinspolitik der Fed, die 2026 voraussichtlich zweimal die Leitzinsen senken wird.

In Deutschland legen im Wochenverlauf unter anderem Siemens, Siemens Energy, Commerzbank, Deutsche Börse und Mercedes-Benz ihre Quartalszahlen vor. Besonders spannend wird die Commerzbank-Bilanz – schließlich will Bettina Orlopp zeigen, dass sie ihr Haus auch ohne Unicredit profitabel machen kann.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Handelswoche – und denken Sie daran: Manchmal sind es nicht die lautesten Ankündigungen, die am Ende den größten Unterschied machen, sondern die stillen Deals und regulatorischen Weichenstellungen.

Beste Grüße aus der Redaktion
Andreas Sommer