Stagflation lauert – was der Ölschock für Dein Depot bedeutet
Liebe Leserinnen und Leser,
Brent-Öl über 115 Dollar, europäisches Erdgas in einem einzigen Morgen um 25 Prozent teurer, der DAX unter 23.000 Punkte gerutscht – und alle großen Notenbanken der Welt halten gleichzeitig die Hände still. Das ist kein normaler Handelstag. Was sich heute an den Märkten abspielt, erinnert erschreckend an den Energieschock nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 – nur diesmal mit einem entscheidenden Unterschied: Die Inflation ist noch nicht besiegt, und das Pulver der Zentralbanken ist weit weniger trocken.
Heute schauen wir uns an, warum der Iran-Krieg plötzlich zum Makro-Thema Nummer eins geworden ist, was das für Immobilienaktien wie Vonovia bedeutet, warum ausgerechnet Evonik heute eine seltene Aufwertung erhält – und was Bitcoin und Ethereum mit der Fed zu tun haben.
Das Feuer in Katar – und warum es uns alle trifft
Gestern Nacht hat der Iran die Ras-Laffan-Anlage in Katar angegriffen. Das klingt weit weg. Ist es aber nicht. Ras Laffan ist der wichtigste LNG-Produktionsstandort der Welt – allein von dort stammt rund ein Fünftel des global gehandelten Flüssigerdgases. Shells Pearl-GTL-Anlage, die größte Gas-to-Liquids-Anlage weltweit, wurde dabei beschädigt. QatarEnergy spricht von „erheblichen Schäden", ein weiterer Raketenangriff am frühen Donnerstagmorgen traf zusätzliche LNG-Anlagen.
Die Konsequenz ist unmittelbar spürbar: Der europäische Gaspreis schoss um rund 25 Prozent nach oben. Zum Vergleich: Vor Ausbruch des Konflikts lag der TTF-Terminkontrakt bei etwa 31 Euro pro Megawattstunde – heute Morgen waren es fast 68 Euro. Eine Verdopplung in wenigen Wochen. Für Deutschland, das seine Gasspeicher in diesem Sommer befüllen muss, ist das eine ernste Herausforderung. Speicherbetreiber warnen bereits, dass die wirtschaftlichen Anreize zur Einspeisung schlicht fehlen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte heute in Berlin, Angriffe auf Öl- und Gasanlagen könnten zu Einbrüchen führen, deren Reparatur nicht Wochen, sondern Monate dauere. Das ist keine Übertreibung – es ist eine nüchterne Einschätzung der Lage.
Notenbanken im Dilemma: Senken verboten, erhöhen riskant
Fed-Chef Jerome Powell hat es gestern Abend auf den Punkt gebracht: „Die höheren Energiepreise werden die Inflation antreiben, aber es ist noch zu früh, das Ausmaß abzuschätzen." Klarer lässt sich eine geldpolitische Zwickmühle kaum beschreiben. Die Fed ließ die Zinsen unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent – projiziert aber nur noch eine Senkung in diesem Jahr statt zwei. Zinssenkungshoffnungen für 2026 sind damit praktisch vom Tisch, Märkte preisen weitere Lockerungen erst für 2027 ein.
EZB und Bank of England dürften heute ebenfalls stillhalten. Doch der Markt denkt bereits weiter: Geldmarkt-Trader preisen inzwischen mehr als 55 Basispunkte EZB-Zinserhöhungen bis Jahresende ein – was mindestens zwei Viertelschritte nach oben bedeuten würde. Noch vor Kriegsbeginn war eine kleine Chance auf Senkungen eingepreist. Das Bild hat sich vollständig gedreht. Das Wort, das Strategen heute besonders häufig verwenden, ist Stagflation – stagnierendes Wachstum bei gleichzeitig steigender Inflation. Ein unangenehmes Szenario, das zuletzt in den 1970ern wirklich schmerzhaft war.
Vonovia: Gute Zahlen, falsches Umfeld
Wer heute Morgen dachte, solide Geschäftszahlen würden eine Aktie schützen, wurde eines Besseren belehrt. Vonovia lieferte für 2025 einen bereinigten EBITDA-Anstieg von 6 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, bestätigte seine Ziele für 2026 und 2028 und kündigte eine leicht erhöhte Dividende von 1,25 Euro je Aktie an. Neuer Konzernchef Luka Mucic will den Verschuldungsgrad bis 2028 auf rund 40 Prozent drücken – durch Verkäufe von Immobilien im Volumen von etwa fünf Milliarden Euro.
Die Aktie verlor trotzdem zeitweise fast zehn Prozent und war damit das Schlusslicht im DAX. JPMorgan-Analyst Neil Green brachte es auf den Punkt: Steigende Anleiherenditen und Inflationsrisiken seien eine Kombination, die deutschen Wohnimmobilienwerten traditionell zu schaffen mache. Das ist der Mechanismus dahinter – höhere Zinsen verteuern die Refinanzierung, erschweren Verkäufe aus dem Portfolio und drücken Bewertungen. LEG Immobilien verlor rund sieben Prozent, TAG Immobilien fast acht. Der gesamte europäische Immobiliensektor fiel auf den niedrigsten Stand seit Jahresbeginn.
Evonik: Wenn der Krieg einen Chemiekonzern aufwertet
Eine Ausnahme im heutigen Abwärtsstrudel verdient besondere Aufmerksamkeit. Barclays hat Evonik von „Equal Weight" auf „Overweight" hochgestuft und das Kursziel von 16 auf 17 Euro angehoben. Der Analyst Anil Shenoy nannte zwei Gründe: Erstens hätten sich die Preise für das Futtereiweiß Methionin – lange ein Sorgenfaktor – im Zuge der Versorgungsengpässe durch den Iran-Krieg erholt. Zweitens sei Evonik weniger von hohen Gaspreisen betroffen als viele Wettbewerber im Chemiesektor.
Das ist eine interessante Beobachtung. Während der Energieschock die meisten Industrieunternehmen belastet, gibt es also durchaus Titel, die strukturell besser aufgestellt sind. Die Evonik-Aktie legte zeitweise leicht zu – ein kleines Signal im großen Rauschen, aber ein bemerkenswertes.
Micron: Rekordquartal, doch der Markt schaut nach vorne
Auf der anderen Seite des Atlantiks lieferte Micron Technology gestern Abend nach Börsenschluss Zahlen, die auf dem Papier beeindruckend sind. Der Umsatz des zweiten Geschäftsquartals stieg auf 23,86 Milliarden Dollar – fast das Dreifache des Vorjahreswerts von 8,05 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte auf 12,20 Dollar, nach 1,56 Dollar im Vorjahr, und übertraf damit die Analystenerwartungen deutlich.
Trotzdem fiel die Aktie vorbörslich um mehr als vier Prozent. Der Grund: Micron plant, im laufenden Geschäftsjahr über 25 Milliarden Dollar in neue Produktionsanlagen zu investieren – rund fünf Milliarden mehr als bisher erwartet. Und 2027 soll nochmals kräftig draufgepackt werden. Marktbeobachter wie Mike O'Rourke von JonesTrading bringen die Skepsis auf den Punkt: Anleger wetten, dass diese Gewinne eine Spitze markieren – und dass neue Kapazitäten den Speicherchipmarkt in ein paar Jahren wieder in sein zyklisches Auf und Ab zurückwerfen werden. Für KI-Investoren ist Micron trotzdem relevant: Das Unternehmen ist einer von nur drei globalen Herstellern von High-Bandwidth-Memory, der Schlüsselkomponente für KI-Systeme.
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Bitcoin und Krypto: Fed-Schatten legt sich über den Markt
Der Krypto-Markt zeigt heute, wie eng er inzwischen mit dem traditionellen Finanzmarkt verwoben ist. Bitcoin fiel auf rund 70.000 Dollar – ein Minus von gut fünf Prozent. Ethereum verlor noch deutlicher, rund sieben Prozent auf etwa 2.160 Dollar. Solana, Cardano, Dogecoin – alle im Abwärtssog.
Der Auslöser ist derselbe wie bei Aktien: Die hawkishe Haltung der Fed und die Aussicht auf länger hohe Zinsen treiben Anleger aus risikoreichen Anlagen heraus. Krypto gilt dabei als besonders zinsempfindlich – in einer Welt, in der sichere Staatsanleihen wieder attraktive Renditen bieten, sinkt die Bereitschaft, in volatile Assets zu investieren. Wer gehofft hatte, Bitcoin würde sich als Inflationsschutz bewähren, wird gerade eines Besseren belehrt: In der aktuellen Phase agiert es eher als Risk-Asset denn als digitales Gold.
BYD, Tesla & NVIDIA: Drei Signale aus der Tech-Welt
Abseits des Kriegslärms gibt es noch einige Unternehmens-Signale, die langfristig relevant bleiben. BYD präsentierte seine „Blade Battery 2.0" in Kombination mit einem „Flash Charging 2.0"-System, das Ladezeiten auf wenige Minuten reduzieren soll – mit Ladeleistungen von bis zu 1.500 Kilowatt. Analysten von GlobalData sehen darin einen potenziellen Wendepunkt für die E-Auto-Akzeptanz, besonders in Europa, wo Ladezeiten und Kälteleistung zentrale Kaufhürden sind. Die BYD-Aktie legte in Hongkong um knapp ein Prozent zu.
Elon Musk bekräftigte unterdessen auf X, dass Tesla und die neu formierte Einheit SpaceX AI (entstanden nach der Übernahme von xAI durch SpaceX) weiterhin in großem Maßstab Chips bei NVIDIA bestellen werden. Raymond James erhöhte sein NVIDIA-Kursziel auf 323 Dollar und verwies auf Managementprognosen von kumulativ einer Billion Dollar GPU-Umsatz bis 2027. Beide Aktien reagierten vorbörslich verhalten – der Markt ist heute schlicht mit anderen Sorgen beschäftigt.
Ausblick: Was jetzt zählt
Die entscheidende Frage der nächsten Wochen lautet nicht, ob die Inflation steigt – das wird sie. Sondern wie lange. Bleibt der Iran-Krieg auf seinen aktuellen Eskalationsstufen, oder weitet er sich aus? Davon hängt ab, ob EZB und Fed tatsächlich wieder in den Zinserhöhungsmodus wechseln – oder ob sie auf eine Abschwächung des Energiepreisschocks warten können.
Für Dein Depot bedeutet das konkret: Immobilienaktien bleiben in diesem Umfeld unter Druck, solange Anleiherenditen steigen. Energiekonzerne wie Shell und BP profitieren von höheren Öl- und Gaspreisen, tragen aber gleichzeitig operationelle Risiken im Kriegsgebiet. Und Krypto braucht eine Entspannung der Zinspolitik, bevor es nachhaltig steigen kann.
Heute Nachmittag dürften die EZB-Entscheidung und die anschließende Pressekonferenz von Christine Lagarde weitere Klarheit bringen – oder neue Fragen aufwerfen. Ich halte Euch auf dem Laufenden.
Bis morgen,
Andreas Sommer








