Liebe Leserinnen und Leser,

in Las Vegas wurde diese Woche Geschichte geschrieben – zumindest wenn man Siemens-Chef Roland Busch und Nvidia-CEO Jensen Huang Glauben schenkt. "Wir stehen am Anfang einer neuen industriellen Revolution", verkündete Huang auf der CES 2026. Die erweiterte Partnerschaft zwischen dem Münchner Industriekonzern und dem Chipgiganten katapultierte die Siemens-Aktie auf ein Allzeithoch. Während in Nevada die Zukunft der Industrie-KI vorgestellt wurde, nahm in Deutschland eine ganz andere Geschichte Fahrt auf: ThyssenKrupp könnte seine Stahlsparte schrittweise an den indischen Konzern Jindal verkaufen – ein Schritt, der jahrelang unmöglich schien. Und dann wäre da noch Gold: Nach der jüngsten Rally korrigiert das Edelmetall, während Indexumschichtungen für zusätzlichen Druck sorgen.

Siemens und Nvidia: Wenn aus Kooperation ein Ökosystem wird

Der Auftritt in Las Vegas hatte es in sich. Siemens und Nvidia wollen gemeinsam ein Betriebssystem für industrielle KI schaffen – eine Ansage, die weit über bisherige Partnerschaften hinausgeht. Im Zentrum steht der neue "Digital Twin Composer", ein Tool, mit dem Unternehmen physikalisch korrekte, virtuelle Abbilder ihrer Fabriken erstellen können. Ingenieure sollen damit ganze Produktionslinien in Echtzeit simulieren, Roboter virtuell trainieren und Probleme lösen, bevor überhaupt der erste Stein gelegt wird.

Die Arbeitsteilung ist klar: Nvidia liefert die KI-Infrastruktur, Simulationsplattformen und Chips. Siemens steuert das industrielle Fachwissen, die Automatisierungs-Hardware und die Software bei. Das erste vollständig KI-gesteuerte adaptive Werk soll noch 2026 in Erlangen entstehen. Roland Busch demonstrierte die Möglichkeiten am Beispiel der Fahrzeugentwicklung: Statt nur die Aerodynamik im virtuellen Windkanal zu testen, kann die KI nun konkrete Optimierungsvorschläge für das Design erarbeiten.

Die Börse reagierte prompt: Die Siemens-Aktie kletterte zeitweise um 2,5 Prozent auf 253,80 Euro – ein neuer Rekord in der 126-jährigen Börsengeschichte des Konzerns. Analysten von Bernstein Research nahmen die Bewertung mit "Outperform" wieder auf und verwiesen auf die erwartete Erholung im Automatisierungssegment. Ein Händler brachte es auf den Punkt: "Siemens wird als deutsches Unternehmen mit KI-Fantasie oft übersehen – diese Ankündigung ändert das."

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ThyssenKrupp: Der Stahlverkauf nimmt konkrete Formen an

Jahrelang schien es unmöglich, für die kriselnde Stahlsparte einen Käufer zu finden. Nun zeichnet sich eine Lösung ab, die so pragmatisch wie komplex ist: Jindal Steel International könnte die ThyssenKrupp Steel Europe (TKSE) schrittweise übernehmen. In einem ersten Schritt wären 60 Prozent im Gespräch, weitere Tranchen könnten abhängig vom Sanierungsfortschritt folgen.

Das Entscheidende: ThyssenKrupp würde einem solchen Vorgehen zustimmen, weil es erlaubt, die Absicherung von Pensionslasten in Höhe von 2,5 Milliarden Euro zeitlich zu strecken. Genau diese Lasten waren bei früheren Verkaufsversuchen das größte Hindernis. Die Buchprüfung läuft noch, die Details können sich ändern – aber die Richtung stimmt. CEO Miguel Lopez hatte Jindal im Dezember als "optimalen Partner" bezeichnet, gleichzeitig aber betont, dass es einen Plan B gebe.

Die ThyssenKrupp-Aktie legte um knapp vier Prozent zu und kehrte über die psychologisch wichtige Marke von zehn Euro zurück. Ein Händler kommentierte: "Der Stahlverkauf nimmt allmählich konkrete Formen an, nachdem jahrelang vergeblich gesucht wurde. Für weitere Fantasie braucht es aber eine offizielle Bestätigung."

Interessant ist der Kontext: Der gesamte Stahlsektor zeigte sich fest. Salzgitter gewann 2,3 Prozent, ArcelorMittal sogar drei Prozent. Morgan Stanley stufte den luxemburgischen Stahlriesen auf "Overweight" hoch und erklärte ihn zum "Top Pick". Analyst Alain Gabriel sieht Luft nach oben für die Branche, weil Maßnahmen die europäische Produktion wettbewerbsfähiger machen sollen. Für ThyssenKrupp und Salzgitter erhöhte er zwar die Kursziele, bleibt aber mit "Underweight" skeptisch.

Lufthansa hebt ab – Morgan Stanley dreht um 180 Grad

Von "Underweight" direkt auf "Overweight" – eine solche Doppelstufung sieht man selten. Morgan Stanley traut der Lufthansa für 2026 deutlich mehr zu und hebt das Kursziel von 5,40 auf 9,30 Euro an. Die Analysten um Cedar Ekblom sehen die Airline als Favoriten unter den Transportwerten und verweisen auf die laufende Restrukturierung. Diese könnte von 2025 bis 2027 zu einem durchschnittlichen Ebitda-Wachstum von 20 Prozent führen. Zudem dürfte die Verschuldungsquote dank erwarteter Free-Cashflow-Zuflüsse sinken.

Die Lufthansa-Aktie sprang auf 9,21 Euro – den höchsten Stand seit August 2023. Seit dem Oktober-Tief summieren sich die Kursgewinne auf über ein Drittel. Rückenwind liefern auch die gesunkenen Ölpreise, denn Kerosin ist einer der größten Kostenfaktoren. Parallel verkündete der Konzern eine Kooperation mit dem spanischen IT-Dienstleister Amadeus: Eine neue Identifikationsnummer soll künftig Buchungs- und Ticketnummern ablösen und alle Reisebestandteile zusammenführen – vom Flug über Sitzplätze bis zu Lounge-Zugang.

Gold korrigiert nach scharfer Rally

Nach den kräftigen Gewinnen zu Wochenbeginn gab Gold am Mittwoch nach. Der Preis für die Feinunze fiel um ein Prozent auf 4.450 Dollar. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen, nachdem die Venezuela-Spannungen das Edelmetall zunächst beflügelt hatten. Hinzu kommt technischer Druck: Die jährliche Umschichtung des Bloomberg Commodity Index (BCOM) läuft vom 9. bis 15. Januar. Gold-Gewichtung sinkt dabei von 20,4 auf 14,9 Prozent – eine Anpassung, die laut Deutsche Bank etwa 2,4 Millionen Feinunzen Verkaufsdruck bedeuten könnte.

Analyst Michael Hsueh schätzt, dass dieser Flow den Goldpreis um 2,5 bis 3 Prozent belasten könnte, je nach Betrachtungszeitraum. Allerdings warnt er auch: Die Beziehung zwischen Indexumschichtung und Preisentwicklung war in den letzten Jahren nicht konsistent. 2025 stieg Gold trotz reduzierter Gewichtung. Silber erwischte es härter – minus 2,1 Prozent auf 79,26 Dollar. Auch hier spielt die BCOM-Anpassung eine Rolle.

Für die kommenden Tage richtet sich der Blick auf US-Arbeitsmarktdaten. Die Zahlen werden entscheidend dafür sein, wie die Märkte die Zinssenkungserwartungen für die Fed neu kalibrieren. Aktuell sind zwei weitere Zinssenkungen 2026 eingepreist – ein Umfeld, das Gold grundsätzlich unterstützt, weil es die Opportunitätskosten für das zinslose Edelmetall senkt.

Redcare Pharmacy: Wachstum ja, Erwartungen nein

Die Online-Apotheke legte beim Umsatz zweistellig zu – und enttäuschte trotzdem. Im vierten Quartal stieg der Erlös um 18 Prozent auf 794 Millionen Euro, im Gesamtjahr um 24 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Das Problem: Analysten hatten mit 817 Millionen Euro für das Schlussquartal gerechnet. Besonders die Umsätze mit rezeptfreien Medikamenten (Non-Rx) entwickelten sich "in einigen Märkten verhalten", wie CEO Olaf Heinrich einräumte. Die Aktie brach zeitweise um knapp sieben Prozent ein.

Jefferies-Analyst Martin Comtesse sieht ein durchwachsenes Bild: "Es ist eine klar negative Überraschung, dass die Non-Rx-Umsätze inmitten der Grippesaison nachließen." Dem stehe aber eine Beschleunigung bei E-Rezepten gegenüber – hier wurden die Ziele erreicht. Die Rx-Umsätze in Deutschland stiegen im Gesamtjahr um 98 Prozent auf 503 Millionen Euro. Die Zahl aktiver Kunden wuchs um 1,4 Millionen auf 13,9 Millionen. Comtesse merkt an: Der 2025 erzielte Umsatzanstieg stehe in Widerspruch zur Kursentwicklung, was Neubewertungspotenzial für 2026 verspreche.

BYD kämpft mit Gegenwind – aber Analysten bleiben positiv

Der chinesische E-Auto-Riese verkaufte von Januar bis November 2025 beachtliche 4,18 Millionen Fahrzeuge, doch das Wachstum verlangsamte sich auf 11,3 Prozent. Im Vorjahr lagen die Zuwachsraten deutlich höher. Die Aktie notierte in Hongkong zeitweise knapp vier Prozent tiefer bei 95,30 HKD. In den letzten drei Monaten summiert sich das Minus auf über 13 Prozent.

Die Gründe sind vielschichtig: Peking reduziert Kaufanreize für Elektrofahrzeuge, der Wettbewerb verschärft sich durch eine Flut neuer Modelle, und Handelsbarrieren erschweren die Expansion ins Ausland. Dennoch konnte BYD 2025 erstmals Tesla überholen: Weltweit wurden rund 4,6 Millionen Pkw ausgeliefert, davon knapp 2,3 Millionen reine Elektroautos. Die Gesamtzahl stieg um 7,7 Prozent.

Goldman Sachs bleibt optimistisch und spricht eine Kaufempfehlung mit Kursziel 141 HKD aus. Die Bank sieht Unternehmen mit internationaler Expansionsstrategie im Vorteil und erwartet weltweit einen Kapazitätszuwachs von rund zwei Millionen Fahrzeugen bis 2026, davon etwa 700.000 im Ausland. Auch die Citigroup bestätigte ihr "Buy"-Rating, nachdem China die Subventionspolitik angepasst hatte. BYD könnte von größeren Skaleneffekten profitieren, heißt es.

Ein Hoffnungsschimmer kommt aus der Technologie-Ecke: BYD wurde für Chinas nationales Pilotprojekt für vernetzte Fahrzeuge ausgewählt. In Shenzhen laufen bereits Tests für autonomes Fahren auf Level 3 – Fahrer dürfen bei bis zu 80 km/h die Hände vom Lenkrad nehmen. Sollte sich BYD hier durchsetzen, winkt ein Vorsprung auf dem umkämpften Markt für Hightech-Fahrzeuge.

Was die Woche noch bringt

Die US-Arbeitsmarktdaten bleiben das zentrale Ereignis: Am Mittwoch liefern JOLTS-Daten und der ADP-Bericht Vorzeichen, bevor am Freitag die offiziellen Nonfarm Payrolls veröffentlicht werden. In Europa stehen Inflationsdaten aus der Eurozone an – nach den überraschend niedrigen Zahlen aus Deutschland könnten weitere schwache Werte die EZB-Zinssenkungsfantasien neu beleben. Und in Deutschland selbst? Dort dürfte die Diskussion über Infrastruktur-Milliarden und mögliche Auswirkungen auf Baustoff- und Industriewerte weitergehen. Heidelberg Materials kletterte bereits auf ein Allzeithoch – ein Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, wenn die Investitionspläne konkret werden.

Die Märkte navigieren zwischen technologischem Aufbruch, industriellem Wandel und makroökonomischer Unsicherheit. Siemens zeigt, wie deutsche Unternehmen im KI-Zeitalter mitspielen können. ThyssenKrupp demonstriert, dass selbst vermeintlich unlösbare Probleme Lösungen finden. Und Gold erinnert daran, dass auch sichere Häfen nicht immun gegen Korrekturen sind.

Bis morgen – und einen erfolgreichen Handelstag!

Andreas Sommer