Wien kämpft mit einer dramatischen Unterversorgung in der Schulgesundheit. Über 35.000 Kinder an 130 Pflichtschulen müssen ohne regelmäßige ärztliche Betreuung auskommen - ein Zustand, den die Ärztekammer als "krasse Unterversorgung" anprangert.

Die Zahlen sind alarmierend: Nur 141 Schulärzte betreuen 264.000 Wiener Kinder und Jugendliche. Während an Bundesschulen theoretisch eine Schularzt-Stunde pro 60 Schüler vorgesehen ist, kommen Pflichtschulen bestenfalls auf eine Stunde pro 100 Schüler.

Warum fehlen die Ärzte?

Der Schulärzte-Beruf hat massiv an Attraktivität verloren. Geringe Teilzeit-Vergütung kann nicht mit Praxen oder Krankenhäusern konkurrieren. Gleichzeitig explodieren die Anforderungen: Neben klassischen Gesundheitsproblemen konfrontieren Schulärzte heute vermehrt psychische Störungen bei Kindern.

"Immer mehr Schulanfänger zeigen bereits psychiatrische Auffälligkeiten", berichtet Margit Saßhofer vom Schulärzte-Referat der Wiener Ärztekammer. Problematischer Medienkonsum und psychische Probleme dominieren längst den Arbeitsalltag.

School Nurses als Notlösung?

Die Stadt reagiert mit einem Ausweichmanöver: 40 zusätzliche School Nurses sollen zum Schulstart an 27 Standorten unterstützen. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr preisen das neue Berufsbild als Entlastung für alle Beteiligten.

Doch die Ärztekammer bleibt skeptisch. School Nurses können Ärzte nicht ersetzen - sie sind bestenfalls eine Ergänzung zur notwendigen flächendeckenden Schulärzte-Versorgung.

Das größere Problem dahinter

Der Wiener Mangel spiegelt ein österreichweites Strukturproblem wider. Präventive Medizin wird systematisch unterfinanziert - mit teuren Langzeitfolgen. Was heute an Früherkennung gespart wird, kostet das Gesundheitssystem später ein Vielfaches.

Gesundheitsexperten warnen eindringlich: Fehlende Schulgesundheit führt zu chronischen Krankheiten im Erwachsenenalter. Die Rechnung zahlt später die Gesellschaft.

Politik am Zug

Alle Augen richten sich nun auf die Stadtregierung. Die Ärztekammer fordert konkrete Maßnahmen: bessere Bezahlung, moderne Arbeitsbedingungen und eine langfristige Strategie zur Stärkung des schulärztlichen Dienstes.

Während Bildungs- und Gesundheitsministerium bereits ein bundesweites Programm ausgearbeitet haben sollen, fehlt noch der entscheidende Nationalratsbeschluss. Die Zeit drängt - denn die Gesundheit einer ganzen Schülergeneration steht auf dem Spiel.