BioNTech: Der Rebound nach dem Schock

Gestern noch minus 21 Prozent, heute plus sechs Prozent. Die BioNTech-Aktie stabilisiert sich bei rund 73 Euro – doch die massiven Verluste nach der Ankündigung, dass Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci das Unternehmen bis Ende 2026 verlassen werden, sind noch lange nicht aufgeholt.

Die offizielle Begründung klingt nachvollziehbar: Das Paar will zurück zur Forschung, ein neues unabhängiges Biotechnologieunternehmen gründen, sich auf frühe mRNA-Innovationen konzentrieren. BioNTech erhält eine Minderheitsbeteiligung und Lizenzgebühren. Kein Bruch, sondern ein „nächster Schritt\", wie Türeci dem Handelsblatt sagte.

Doch die Märkte trauen der Erklärung nur halb. Und das aus gutem Grund: BioNTech meldete für 2025 einen Nettoverlust von 1,1 Milliarden Euro. Die Transformation vom Corona-Impfstoff-Pionier zum Krebsforschungskonzern kostet Geld und Zeit.

Jefferies senkt das Kursziel von 151 auf 138 Dollar, hält aber an „Buy\" fest. Analyst Akash Tewari sieht die Nachfolgesuche nicht grundsätzlich als negativ – sofern das Unternehmen die richtigen Leute findet, die Kommunikation verbessern und die Forschungsergebnisse kommerziell verwerten. Die Deutsche Bank belässt ihr Kursziel bei 140 Dollar und die Einstufung auf „Buy\", sieht den Abgang aber mit gemischten Gefühlen: kein Vertrauensbeweis, aber möglicherweise Vorbote einer Übernahme durch einen großen Pharmakonzern – sofern der Tumor-Antikörper Pumitamig erfolgreich ist.

Die Frage, die Anleger beschäftigt: Ist BioNTech ohne seine Gründer noch dieselbe Story? Die Antwort wird nicht heute kommen.


Gerresheimer: Wenn eine Aktie „nicht investierbar\" wird

Ein kurzer, aber wichtiger Hinweis für alle, die Gerresheimer im Depot haben oder hatten: Die Situation verschlechtert sich. Der Verpackungsspezialist kann seinen Geschäftsbericht 2025 nicht bis Ende März vorlegen – die Untersuchungen durch eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wegen Bilanzierungsfehlern dauern länger als erwartet. Angestrebt wird nun eine Veröffentlichung im Juni.

Die Konsequenz: Gerresheimer dürfte den SDAX verlassen müssen. Hauptversammlung und Quartalsbericht werden verschoben. Das Unternehmen verhandelt bereits mit Kreditgebern über eine Verlängerung der Vorlagepflichten.

Die Aktie bricht zeitweise um 18 Prozent ein, erholt sich etwas auf minus zehn Prozent. Ein Händler bringt es auf den Punkt: „nicht investierbar\". Die BaFin prüft bereits. Wer hier noch hält, braucht starke Nerven und einen sehr langen Atem.


Bitcoin bei 70.000 Dollar: Stille Stabilität im Chaos

Während Aktien im Iran-Sturm schwanken, zeigt Bitcoin eine bemerkenswerte Gelassenheit. Die Kryptowährung notiert bei rund 70.000 Dollar – leicht unter dem Vortag, aber weit entfernt von Panikverkäufen. Der Jahresverlauf zeigt ein Minus von rund 20 Prozent seit Jahresbeginn, was die Korrektur der vergangenen Wochen widerspiegelt.

Gold hingegen hält sich knapp unter 5.200 Dollar je Feinunze – nahe historischen Hochs. Das klassische Muster: In geopolitischen Krisen fließt Kapital in Sicherheitshäfen. Bitcoin profitiert davon diesmal weniger als Gold, was auf die nach wie vor höhere Volatilität und das geringere institutionelle Vertrauen in Krisenzeiten hindeutet.

Wer auf Bitcoin als Inflationsschutz setzt, muss sich fragen: Warum läuft Gold besser, wenn beide als Alternativen zum Dollar gehandelt werden? Die Antwort liegt vermutlich in der Liquidität und Regulierungssicherheit – Faktoren, die in einem echten Krisenmoment zählen.


Was jetzt wichtig wird

Drei Termine sollten Sie im Blick behalten:

Noch heute werden die US-Verbraucherpreise für Februar veröffentlicht – ein wichtiger Datenpunkt, der jedoch den massiven Ölpreisanstieg der letzten Tage noch nicht abbildet. Die wirklich relevante Zahl kommt am Freitag: der PCE-Index, das bevorzugte Inflationsmaß der US-Notenbank Fed. Analysten erwarten einen annualisierten Kernwert von über drei Prozent – noch bevor der Ölpreisschock in die Daten eingeflossen ist.

Am 19. März entscheidet die EZB über ihren Leitzins. EZB-Ratsmitglied Kazimir deutete heute an, eine Reaktion könnte „näher sein als viele denken\". EZB-Präsidentin Lagarde betont, keine überstürzte Entscheidung zu treffen. Der Einlagensatz liegt derzeit bei 2,0 Prozent.

Und dann ist da noch Lufthansa: Donnerstag und Freitag streiken die Piloten. Wer in den nächsten Tagen fliegen will – oder die Aktie hält – sollte das auf dem Radar haben.

Das übergeordnete Bild: Die Märkte befinden sich in einem seltenen Zustand, in dem Unternehmenssubstanz und geopolitisches Rauschen gleichzeitig maximal relevant sind. Oracle zeigt, dass KI-Infrastruktur echte Erträge generiert. Rheinmetall zeigt, dass Rüstungswachstum auch Wachstumsschmerzen bedeutet. BioNTech zeigt, dass Gründerpersönlichkeiten manchmal mehr wert sind als Bilanzzahlen. Und Gerresheimer zeigt, dass Vertrauen, einmal verloren, schwer zurückzugewinnen ist.

In solchen Phasen lohnt es sich, weniger auf den Ticker zu schauen – und mehr auf die Frage: Was hat langfristig Substanz?

Bis morgen,

Andreas Sommer