Autonome Zustellroboter haben in Chicago innerhalb einer Woche zwei Bushaltestellen zerstört. Die Vorfälle heizen die Debatte über die Sicherheit der Geräte auf öffentlichen Gehwegen neu an und gefährden das städtische Pilotprojekt.

Die Kontroverse erreichte am Donnerstag einen Höhepunkt, als Überwachungsvideos der jüngsten Kollision in den sozialen Medien kursierten. Die Aufnahmen zeigen, wie ein kleiner Lieferroboter mit einer Glaswand einer Haltestelle kollidiert und diese zersplittert. Diese Unfälle haben das einst als nachhaltige Lösung gepriesene Pilotprojekt zum Zankapfel gemacht. Anwohner und Lokalpolitiker sorgen sich um die Sicherheit der Infrastruktur und die Barrierefreiheit für Fußgänger.

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Zwei Crashs innerhalb von 24 Stunden

Der erste größere Vorfall ereignete sich am Sonntag, dem 22. März, im Viertel West Town. Ein Roboter des Anbieters Serve Robotics prallte an einer Kreuzung gegen eine Bushaltestelle der Chicago Transit Authority (CTA) und zertrümmerte eine große Glasscheibe. Augenzeugen zeigten sich über die Wucht des Aufpralls überrascht.

Nur einen Tag später, am Montag, kam es im Stadtteil Old Town zu einer fast identischen Kollision. Diesmal war ein Roboter des kalifornischen Unternehmens Coco Robotics beteiligt. Auch hier endete die Fahrt an einer Haltestelle in Scherben.

Besonders beunruhigend für Anwohner: Nach dem Crash in West Town zeigte der Roboter offenbar ein fehlerhaftes Verhalten. Auf viral gegangenem Videomaterial ist zu sehen, wie das Gerät zwischen den Glasscherben hin- und herfahren, bevor es seine Route fortsetzt. Für viele Bewohner ein Beweis, dass die Technologie komplexen urbanen Raum nicht beherrscht.

Stadt fordert Unternehmen zur Verantwortung

Als Reaktion auf den öffentlichen Druck haben die zuständigen Stadtbehörden eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Sie bestätigten die Untersuchung der Vorfälle und den Kontakt zu den beiden Firmen. Serve Robotics und Coco Robotics müssen laut Stadt Chicago vollständig für die Reparaturkosten der beschädigten städtischen Eigentums aufkommen.

Die Unternehmen hätten bereits mit dem Infrastrukturdienstleister JCDecaux koordiniert, um die Reinigung und den Austausch der Scheiben zu organisieren. Obwohl es keine Personenschäden gab, betonten die Behörden, dass die Sicherheitsperformance der Roboter ein Hauptkriterium für die Zukunft des Pilotprogramms sei.

Die beteiligten Firmen bezeichnen die Vorfälle als äußerst selten. Coco Robotics führe eine interne Untersuchung zur Ursache des Crashs durch. Die Roboter bewegen sich normalerweise mit etwa 8 km/h fort und hätten millionenfach Kilometer ohne vergleichbare Vorfälle zurückgelegt. Serve Robotics verwies auf einen möglichen Sensor- oder Softwarefehler, den man untersuche.

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Wächst der Widerstand in der Bevölkerung?

Trotz der Unternehmenszusagen formiert sich Widerstand. Eine Petition mit dem Titel „No Sidewalk Bots“ hat innerhalb einer Woche über 3.700 Unterschriften gesammelt. Der Initiator, Josh Robertson, wirft dem Pilotprojekt vor, den Alltag stärker zu stören als erwartet. Er verweist auf hunderte nicht gemeldeter kleinerer Vorfälle, die Gehwege blockiert oder die Zugänglichkeit erschwert hätten.

Auch politisch gewinnt die Opposition an Fahrt. Stadtrat Daniel La Spata hat die Ausweitung des Programms in seinem Wahlbezirk bereits blockiert. Eine Umfrage in seinem Bezirk ergab, dass rund 84 % der Befragten die Roboter auf Gehwegen ablehnen. Weitere Lokalpolitiker wie Stadtrat Walter Burnett äußern scharfe Sicherheitsbedenken und stellen die Zukunft des Programms in ihren Bezirken infrage.

Aktivisten von „Better Streets Chicago“ fordern sogar die vollständige Entfernung der Roboter aus dem öffentlichen Raum. Die Risiken für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen würden den Komfort einer automatisierten Essenslieferung bei weitem überwiegen.

Ein systemisches Problem der Branche?

Die Vorfälle in Chicago spiegeln eine nationale Debatte wider. Städte wie Los Angeles und San Francisco kämpfen mit ähnlichen Problemen – von blockierten Rollstuhlrampen bis hin zu Kollisionen mit Rettungsfahrzeugen.

Branchenanalysten sehen die Chicagoer Vorfälle als besonders reputationsschädigend. Das Zertrümmern von stationärer, hochsichtbarer Infrastruktur erzeuge ein eindrückliches Bild des Versagens. Dass zwei verschiedene Unternehmen innerhalb einer Woche ähnliche Unfälle mit Glasflächen hatten, deutet zudem auf ein systemisches Problem hin: Transparente Oberflächen wie Glas können die LiDAR- und kamerabasierten Navigationssysteme offenbar verwirren.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Das aktuelle Pilotprogramm in Chicago läuft noch bis Mai 2027. Eine dauerhafte Zulassung müsste vom Stadtrat formal beschlossen werden. Nach den Vorfällen dieser Woche ist der Weg dorthin deutlich steiniger geworden.

Bürgermeister Brandon Johnson kündigte eine weitere Evaluierung an. Angesichts der wachsenden Petition und der klaren Ablehnung in Bezirksumfragen schwindet jedoch die politische Bereitschaft für eine dauerhafte Einführung. In den kommenden Wochen will der Stadtrat Anhörungen abhalten und von den Unternehmen Transparenz über Beinahe-Unfälle sowie einen robusten Haftungsrahgen fordern.

Sollten weitere Stadträte dem Beispiel von Daniel La Spata folgen und die Operationen in ihren Bezirken stoppen, könnten die „pint-sized couriers“ (etwa: pint-große Boten) in Chicago bald seltener werden. Ihre Zukunft auf den Gehwegen der Millionenstadt steht auf der Kippe.