Investor Relations über Kontinente hinweg: Wie nordamerikanische Unternehmen den deutschsprachigen Markt erschließen
Im Private Investor Relations Podcast von Börse Express gibt Joachim Brunner, Gründer der Nachrichtenagentur IRW Press, Einblicke in die grenzüberschreitende Finanzmarkt-Kommunikation zwischen Nordamerika und dem deutschsprachigen Raum. Der Linzer Unternehmer verbindet seit 1999 kanadische und australische Börsenunternehmen mit europäischen Investoren.
Von Independent Research zur internationalen Nachrichtenagentur
Die Geschichte der IRW Press beginnt mit einer gescheiterten Geschäftsidee. Ursprünglich sollte die Plattform als Aggregator für Aktien-Research aus aller Welt dienen – das "IR" stand für "Independent Research", nicht für Investor Relations. Als sich dieses Konzept nicht durchsetzte, entwickelte sich das Unternehmen zur spezialisierten Nachrichtenagentur mit dem Kürzel IAW Press.
Heute übersetzen Brunner und sein Team Unternehmensmeldungen von nordamerikanischen und australischen Firmen ins Deutsche und distribuieren diese im DACH-Raum. Die Kundenstruktur spiegelt dabei die Stärken der jeweiligen Heimatmärkte wider: Etwa 50 Prozent der Mandanten stammen aus dem Rohstoffsektor, für den Kanada und Australien international bekannt sind.
Dynamische Branchentrends im Agenturgeschäft
Brunner beschreibt sein Geschäft als Seismograph für Kapitalflüsse: „Dort, wo das Geld hinfließt, werden die Unternehmen aktiver, weil sie mehr Geld haben oder mehr Interesse da ist. Und dann produzieren sie auch mehr Nachrichten."
Die Themenkonjunkturen der vergangenen Jahre zeigen diese Dynamik deutlich. Nach dem Cannabis-Boom, als die Legalisierung in Nordamerika Fahrt aufnahm, dominieren heute andere Sektoren das Nachrichtenaufkommen: Künstliche Intelligenz, Datencenter-Betreiber, Kryptowährungen und zunehmend wieder Biotech und Pharma. Die Rohstoffunternehmen bleiben jedoch der konstante Kern des Geschäfts.
Neben Deutsch gehört Spanisch zu den wichtigsten Zielsprachen für nordamerikanische Unternehmen. Der Grund liegt in der großen hispanischen Bevölkerung in den USA sowie der Bedeutung lateinamerikanischer Märkte – besonders in rohstoffreichen Regionen.
Strenge Regulierung als Qualitätsmerkmal
Ein wesentlicher Unterschied zwischen europäischer und nordamerikanischer IR-Praxis liegt in der Regulierungsintensität. In Kanada werden Pressemeldungen vor der Veröffentlichung von der Securities Exchange geprüft – nicht nur hinterlegt. Diese Vorabkontrolle führt regelmäßig zu Korrekturen.
„Die sind also sehr, sehr streng", berichtet Brunner. Aussagen über erwartete Rohstoffvorkommen müssen präzise spezifiziert sein, historische Bohrergebnisse als solche gekennzeichnet werden. Zu werbliche Formulierungen werden konsequent beanstandet. Die Nachrichtenagentur erhält die Originalaussendung nach der Freigabe durch die Behörde und muss dann schnellstmöglich die deutsche Version erstellen.
Diese Verzögerung birgt einen interessanten Nebeneffekt: Wenn kanadische Unternehmen ihre Meldungen vor Börsenbeginn in Nordamerika veröffentlichen, ist die deutsche Börse bereits geöffnet. Deutsche Anleger können somit früher reagieren als die kanadischen Investoren selbst.
Der deutsche Markt als attraktives Ziel
Die Deutsche Börse macht es ausländischen Unternehmen bemerkenswert einfach, ein Dual Listing zu erhalten. Market Maker initiieren diese Listings häufig eigenständig, ohne dass das betreffende Unternehmen davon zunächst Kenntnis hat. Die Börse akzeptiert die Original-Filings der Heimatbörse, sofern eine LEI-Nummer vorliegt.
Für nordamerikanische Unternehmen ist der deutschsprachige Raum mit rund 100 Millionen Einwohnern ein substantieller Markt – deutlich größer als Kanada mit 35 Millionen Menschen. Hinzu kommt die überdurchschnittliche Kaufkraft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Besonders Rohstoffunternehmen profitieren von der traditionell starken Nachfrage nach Gold und Silber in der DACH-Region.
Die physische Präsenz nordamerikanischer Unternehmen in Europa konzentriert sich auf Konferenzen und Roadshows. Zürich, Frankfurt und München sind die bevorzugten Standorte, während Wien geschäftlich weniger etabliert ist. Brunner empfiehlt seinen Mandanten mindestens ein bis zwei Besuche pro Jahr im deutschsprachigen Raum.
Lerneffekte für österreichische Unternehmen
Der umgekehrte Weg – von Europa nach Nordamerika – gestaltet sich deutlich schwieriger. Die schiere Masse an börsennotierten Unternehmen in den USA und Kanada macht es europäischen Firmen schwer, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ausnahmen bilden allenfalls spezialisierte Nischen wie Pharma und Biotech.
Von der nordamerikanischen IR-Kultur können österreichische Unternehmen dennoch lernen. Dort ist der direkte Kontakt zwischen Kleinanlegern und IR-Abteilungen völlig normal. Diese Zugänglichkeit fehlt in Europa oft noch. „Die machen ja ihren Job, die sind im IR auch richtig gut, die wollen ja, dass man Kontakt mit denen pflegt", ermutigt Brunner Privatanleger, diese Angebote stärker zu nutzen.
Ausblick: Siebenjähriger Rohstoff-Superzyklus erwartet
Für die kommenden Jahre sieht Brunner einen historischen Superzyklus im Rohstoffsektor. Drei Faktoren treiben diese Entwicklung: Die USA unter der neuen Administration investieren massiv in heimische Ressourcen als Reaktion auf chinesische Exportbeschränkungen. Der Rüstungssektor und die KI-Infrastruktur benötigen enorme Mengen an Rohstoffen. Europa beginnt ebenfalls, seine Lieferketten abzusichern.
„Das ist ein Boom, den wir über die nächsten fünf bis sieben Jahre haben", prognostiziert Brunner. Als Beispiel für ein unterschätztes österreichisches Rohstoffunternehmen nennt er die AMAG. Während amerikanische Aluminiumkonzerne zuletzt stark performten, hinke die österreichische Aktie deutlich hinterher – was Chancen eröffnen könnte.
Die Analyse endet mit einer klaren zeitlichen Eingrenzung: Ab 2032 erwartet Brunner eine Trendwende durch Überproduktion. Bis dahin sieht er den Rohstoffsektor, kombiniert mit Rüstung und KI, als seltene Sonderkonjunktur, die nur alle 50 Jahre auftrete.








