Fairtrade International stellt heute eine neue, zweijährige Strategie vor, um die Armut in der globalen Kakao-Lieferkette zu bekämpfen. Der Plan sieht einen radikalen Wechsel von starrer Prüfung hin zu einem flexiblen, risikobasierten Ansatz vor. Die Initiative kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Während die Kakaopreise extrem schwanken, bedroht der Klimawandel die Ernten in Westafrika.

Die Ankündigung aus Bonn folgt auf intensive Lobbyarbeit für verbindliche Sorgfaltspflichten zum Schutz von Kleinbauern. Der globale Kakaomarkt kämpft noch immer mit den Folgen eines Preissturzes. Die Werte fielen von historischen Höhen um 11.000 Euro pro Tonne 2024 auf aktuell nur noch etwa 3.000 Euro. Fairtrades neuer Ansatz zielt daher auf langfristige Widerstandsfähigkeit, nicht auf kurzfristige Marktanpassungen.

Anzeige

Die neuen EU-Regeln zur Entwaldung stellen viele Unternehmen in der Lieferkette vor komplexe Herausforderungen bei der Risikobewertung. Prüfen Sie mit dieser kostenlosen Checkliste sofort, ob Ihr Betrieb von den neuen Sorgfaltspflichten betroffen ist und wie Sie Sanktionen vermeiden. Jetzt kostenlose Checkliste zur EU-Entwaldungsverordnung sichern

Vom Prüfbericht zur gezielten Risikobekämpfung

Kern der Strategie 2026–2028 ist der Abschied vom „Checklisten“-Denken. Stattdessen sollen spezifische Risiken wie lokale Armutsherde oder Entwaldungsgebiete identifiziert und gezielt bekämpft werden. „Die strukturellen Praktiken globaler Konzerne sind nach wie vor das größte Hindernis für nachhaltige Lebensgrundlagen“, so eine Analyse. Unternehmen müssten mehr Verantwortung für Menschenrechte und Umwelt in ihren Lieferketten übernehmen.

Die Strategieperiode wurde von fünf auf zwei Jahre verkürzt. Dies ermögliche schnellere Reaktionen auf die instabile geopolitischen und ökologische Lage, erklärte Fairtrade-CEO Marike Runneboom de Peña. Parallel treten neue Regeln für Kakaokooperativen in Ghana und der Elfenbeinküste in Kraft. Sie schreiben eine transparente Verwendung der Fairtrade-Prämie für Direktzahlungen, Infrastruktur und Sozialprojekte vor.

Sicherheitsnetz für Bauern bei Preissturz

Die neue Ausrichtung folgt einem dringenden Appell von Fairtrade vom 11. März angesichts des „Kakaomarkt-Zusammenbruchs“. Viele Bauern, die während des Booms investierten, stehen nun finanziell am Abgrund. Die Organisation fordert von Händlern und Einzelhandelsriesen langfristige Verträge, die das Einkommen der Bauern von den Extremen der Börse entkoppeln.

Als konkrete Maßnahme tritt Ende 2026 ein gestaffeltes Preissicherungsnetz in Kraft:
* Der garantierte Mindestpreis für konventionellen Kakao steigt auf 3.500 US-Dollar pro Tonne in Ghana und 3.200 Euro in der Elfenbeinküste – eine Erhöhung um 45 Prozent.
* Die Fairtrade-Prämie wird global um 15 Prozent auf 275 US-Dollar pro Tonne angehoben.
* Neu ist: 40 Prozent dieser Prämie müssen in Westafrika als Direktzahlung an die Bauern fließen. Experten sehen darin ein wirksames Mittel zur sofortigen Armutsbekämpfung, da Familien über das Geld frei verfügen können.

Gesetze statt freiwilliger Versprechen

Parallel zur Strategie verstärkt Fairtrade den politischen Druck. Am 29. März forderte die Organisation gesetzlich verankerte Sorgfaltspflichten für Menschenrechte und Umwelt (HREDD). Freiwillige Maßnahmen der Unternehmen hätten sich als unzureichend erwiesen, um Millionen Kakaobauern über die Armutsgrenze zu heben.

Die Dringlichkeit unterstreicht eine neue Studie unter 500 Bauern in der Elfenbeinküste. Rund 60 Prozent der Befragten nennen den Klimawandel die größte Bedrohung für ihre Existenz. Unberechenbare Regenfälle und steigende Temperaturen senken die Erntemengen und machen Preiserhöhungen zunichte. Als Anreiz für nachhaltigen Anbau wird die Prämie für Bio-Kakao Ende 2026 um 50 Prozent auf 450 US-Dollar steigen.

Anzeige

Der Schutz von Umwelt und Menschenrechten in globalen Lieferketten wird zunehmend durch strenge EU-Verordnungen reguliert. Dieser neue Leitfaden erklärt verständlich, welche Rohstoffe kontrolliert werden und was Händler jetzt für eine rechtskonforme Dokumentation wissen müssen. Kostenlosen Leitfaden zur EU-Verordnung herunterladen

Rekordnachfrage in Deutschland trotz Krise

Trotz der Marktturbulenzen wächst die Nachfrage nach ethischer Schokolade in Deutschland weiter. Wie Fairtrade Deutschland am 19. März mitteilte, erreichte das Importvolumen zertifizierten Kakaos 2025 einen Rekord von 99.000 Tonnen. Das ist ein Plus von 11,7 Prozent. Das Fairtrade-Siegel hält damit einen Marktanteil von 21 Prozent im deutschen Schokoladensektor.

„Dieses Wachstum wurde maßgeblich durch die Eigenmarken der großen Supermärkte getrieben“, erklärt Claudia Brück, Vorständin bei Fairtrade Deutschland. Selbst in Zeiten hoher Inflation bevorzugen deutsche Verbraucher Produkte mit fairer Herkunft. Allein 2025 generierte dies etwa 22 Millionen Euro an Fairtrade-Prämien für die Kooperativen.

Analysten deuten dies als Zeichen, dass sich fairer Kakao in Zentraleuropa durchgesetzt hat. Doch Marktanteile allein beenden keine Armut. Zwar verdienen heute 24 Prozent der Fairtrade-Bauern in der Elfenbeinküste ein existenzsicherndes Einkommen – vor vier Jahren waren es nur 7 Prozent. Die große Mehrheit bleibt jedoch unter dieser Schwelle, was den Handlungsdruck der neuen Strategie unterstreicht.

Blick nach vorn: Die Umsetzung entscheidet

Ab jetzt richtet sich der Fokus auf die Umsetzung. Die neuen Mindestpreise und Prämien treten im Oktober 2026 in Kraft. Fairtrade erwartet, dass sich mehr Schokoladenmarken zu Referenzpreisen für existenzsichernde Einkommen verpflichten. Das Volumen solcher nachhaltig gehandelten Mengen stieg in der Saison 2024/2025 bereits um 60 Prozent; für 2026 wird ein weiteres Plus von 50 Prozent erwartet.

Der Erfolg im Kampf gegen die Armut hängt künftig von drei Faktoren ab: der neuen Risikoanalyse, verbindlichen EU-Gesetzen zur Sorgfaltspflicht und der Klimaanpassung der Bauern. Fairtrade hat bereits das „Yield Booster“-Programm gestartet, das Kooperativen 245 Euro pro Tonne für Baumschnitt und Schattenbaum-Setzlinge bietet, um die Ernten zu stabilisieren.

Mit der Strategie 2026–2028 sendet Fairtrade ein klares Signal: Man wird nicht länger auf die Selbstregulierung des Marktes warten, sondern alle verfügbaren Mittel nutzen, um die Waage zugunsten der Erzeuger zu neigen. Die Branche muss sich nun beweisen.