Der Caracas-Kompromiss, die Krypto-Doktrin und das Stahl-Nachbeben
Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Wochenenden, an denen man den Eindruck gewinnt, die Weltkarte werde neu gezeichnet, während die Börsenkurse seltsam unbeeindruckt ihre Bahnen ziehen. Wir befinden uns in genau einem solchen Moment. Während US-Präsident Trump geopolitisch die Muskeln spielen lässt – von Grönland bis zur Karibik –, verabschiedete sich der DAX gestern fast stoisch bei gut 25.300 Punkten in den Feierabend.
Die Märkte scheinen derzeit eine Wette einzugehen: Dass hinter dem lauten politischen Lärm handfeste ökonomische Deals stecken. Und genau diese Deals, die oft erst im Kleingedruckten der Freitagabend-Meldungen sichtbar werden, schauen wir uns heute genauer an. Vom überraschenden Öl-Fluss aus Südamerika bis hin zur neuen Doktrin für das digitale Gold.
Das Caracas-Kalkül: Realpolitik schlägt Rhetorik
Die Schlagzeilen der letzten Tage waren dominiert von militärischen Gesten. Doch gestern Abend sickerte durch, worum es im Kern oft geht: Rohstoffe. Die Trump-Administration bestätigte, dass die USA 30 bis 50 Millionen Barrel Öl im Wert von rund 2 Milliarden US-Dollar aus Venezuela erhalten werden. Flankiert wird dies durch einen Deal über Exporte in gleicher Höhe.
Für die Energiemärkte ist das ein massives Signal der Entspannung. Chevron, das als einziges US-Unternehmen vor Ort die Stellung gehalten hat, könnte laut Analysten einen Cashflow-Schub von bis zu 700 Millionen Dollar jährlich verbuchen. Während Interimspräsidentin Delcy Rodriguez in Caracas versucht, ihre Macht zu festigen, kehrt Washington schneller zum geschäftlichen Pragmatismus zurück als erwartet.
Die ökonomische Lesart ist eindeutig: Die Sorge vor einem globalen Ölpreisschock durch die Iran-Spannungen wird durch das venezolanische Angebot gedämpft. Der Ölpreis (Brent) reagierte am Freitag moderat und pendelte sich bei gut 64 Dollar ein. Es mag politisch zynisch wirken, ist aber für die Weltwirtschaft eine Beruhigungspille.
Das Nachbeben des 100-Prozent-Weckrufs
Das „Duisburger Beben“ vom Freitag hallt auch am Wochenende noch nach. Dass Worthington Steel bereit ist, für Klöckner & Co 11 Euro je Aktie zu zahlen – eine Prämie von rund 98 Prozent auf den volumengewichteten Durchschnittskurs der letzten drei Monate –, ist mehr als eine Übernahme. Es ist eine schallende Ohrfeige für die europäische Bewertungspraxis.
Wenn ein US-Konkurrent den doppelten Preis für ein deutsches Traditionsunternehmen auf den Tisch legt, bestätigt dies eine These, die wir oft diskutieren: In den Bilanzen der sogenannten „Old Economy“ schlummern Werte, die der aktuelle Marktpreis ignoriert. Großaktionär Friedhelm Loh hat bereits signalisiert, seine Anteile abzugeben. Für Anleger ist dieser Deal der definitive Beweis, dass die Substanz deutscher Industrieperlen im Ausland höher geschätzt wird als an der Heimatbörse. Rechnen Sie damit, dass Analysten am Montag ihre Rechenschieber neu justieren werden, um die nächsten Übernahmekandidaten zu identifizieren.
Siemens Energy: Durchhalten statt Spalten
Während in Duisburg der Verkauf besiegelt scheint, wählt man in München den steinigeren Weg. Christian Bruch, CEO von Siemens Energy, erteilte gestern Forderungen nach einer schnellen Abspaltung der kriselnden Windkraftsparte Siemens Gamesa eine klare Absage. „Eine Abspaltung jetzt würde die Probleme nicht lösen“, so Bruch.
Diese Haltung ist riskant, aber konsequent. Die Windenergie bleibt technologisch essenziell für das Gesamtportfolio. Dass der Konzern an der Sanierung festhält, statt das Problem bilanziell auszulagern, zeugt von einem langen Atem, der an der Börse zuletzt honoriert wurde – die Aktie gehört mit einem Plus von fast 8 Prozent seit Jahresbeginn zu den Top-Performern im DAX. Es ist eine Wette auf die eigene Ingenieurskunst.
Die neue Krypto-Doktrin
Es war lange ein Gerücht in den einschlägigen Foren, am Freitag wurde es faktisch zur Regierungspolitik der größten Volkswirtschaft der Welt erhoben. Die Trump-Administration bestätigte, dass eine „Strategische Bitcoin-Reserve“ nun Top-Priorität genießt. Beschlagnahmte Bitcoins sollen nicht mehr verauktioniert, sondern als Staatsasset gehalten werden.
Der Markt reagierte sofort: Der Bitcoin stabilisierte sich bei rund 95.500 US-Dollar, während Analysten ihre Kursziele jenseits der 100.000er Marke bekräftigen. Das Signal ist gewaltig. Wenn die USA Bitcoin als strategisches Asset behandeln – ähnlich wie Goldreserven –, ändert das die Spielregeln für alle anderen Notenbanken. Der Druck auf die EZB, ihre skeptische Haltung zu digitalen Assets zu überdenken, dürfte im Jahr 2026 massiv zunehmen. Aus dem Spekulationsobjekt wird geopolitische Reservewährung.
Die unterschätzte Gefahr: Chip-Mangel bis 2028
Zum Schluss ein Blick auf eine Nachricht, die in der allgemeinen Euphorie fast unterging, aber für die deutsche Autoindustrie brisant ist. Micron Technology warnte gestern beim Spatenstich für eine neue Fabrik, dass die Engpässe bei Speicherchips – insbesondere für KI-Anwendungen – noch Jahre anhalten werden. Man spricht nun von einer Knappheit bis 2028.
Dass Micron gleichzeitig für 1,8 Milliarden Dollar ein Werk in Taiwan zukauft, zeigt, wie aggressiv um Kapazitäten gerungen wird. Für die deutschen Autobauer, deren Bänder in der Vergangenheit wegen fehlender Halbleiter stillstanden, ist das eine Warnung: Der Hunger der KI-Branche nach Chips könnte die Zuteilung für die klassische Industrie erneut verknappen. Die Lieferketten bleiben fragil.
Der Ausblick
Wir blicken auf eine Woche, die spannend startet. Am Montag bleiben die US-Börsen zwar wegen des Martin Luther King Day geschlossen, doch in Asien und Europa wird man die neuen geopolitischen Töne aus Washington genau analysieren. Achten Sie auf den DAX: Sollte die Marke von 25.300 Punkten halten, ist das Fundament für weitere Anstiege gelegt – gestützt durch die pragmatischen Deals im Hintergrund.
Eine kleine Anekdote zum Schluss, die zeigt, dass auch High-Tech seine Tücken hat: Der US-Flugzeugträger USS Gerald R. Ford, ein 13-Milliarden-Dollar-Koloss, kämpft vor Venezuela offenbar wieder mit profanen Problemen – das Vakuumsystem der Toiletten fällt täglich aus. Vielleicht eine passende Metapher für die Weltwirtschaft 2026: Außen glänzt die Machtdemonstration, aber im Maschinenraum hakt es an der Infrastruktur.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








