Der 98-Prozent-Weckruf, die 500-Milliarden-Festung und das Stuttgarter Bremsmanöver
Liebe Leserinnen und Leser,\n\nmanchmal muss erst ein Investor aus Ohio anklopfen, damit wir den wahren Wert der deutschen Industrie begreifen. Während wir hierzulande oft in Krisenrhetorik verharren, blicken Strategen in den USA nüchtern auf die Substanz – und greifen zu.\n\nDer heutige Freitag liefert uns ein Lehrstück über Bewertungslücken, das fast schon schmerzt. Wenn ein US-Konzern bereit ist, für einen Duisburger Stahlhändler fast das Doppelte des Durchschnittskurses zu zahlen, ist das mehr als eine Übernahme. Es ist ein Misstrauensvotum gegen die hiesige Börsenbewertung. Gleichzeitig zementieren die USA und Taiwan eine Allianz, die unsere Vorstellungen von Industriepolitik sprengt, während aus Stuttgart Zahlen kommen, die uns jäh auf den Boden der konjunkturellen Tatsachen zurückholen.\n\nWir blicken auf einen Tag der Extreme: Zwischen Übernahme-Fantasie im Ruhrgebiet, geopolitischem Festungsbau im Pazifik und Absatzsorgen im „Ländle".\n\n### Das Duisburger Bewertungswunder\n\nHaben Sie heute Morgen auf den Kurszettel geschaut? Die Aktie von Klöckner & Co (KlöCo) schießt um atemberaubende 28 Prozent nach oben. Auslöser ist ein Angebot, das die Unterbewertung der „Old Economy" schonungslos offenlegt: Der US-Konkurrent Worthington Steel bietet 11 Euro je Aktie.\n\nDie Brisanz liegt im Detail: Diese Offerte entspricht einer Prämie von rund 81 Prozent auf den letzten Schlusskurs und sogar 98 Prozent auf den volumengewichteten Dreimonatsdurchschnitt. Das Signal an den DAX, der sich heute bei rund 25.350 Punkten hält, ist unmissverständlich: In den Bilanzen des deutschen Mittelstands schlummern Werte, die der Markt ignoriert – bis das Ausland zugreift.\n\nAuch bei Siemens Energy knallen die Korken. Die Aktie kletterte auf ein neues Rekordhoch von über 132 Euro (+3,5%). Hier ist der Treibstoff politisch: Die Einigung auf die Kraftwerksstrategie zwischen Berlin und Brüssel liefert endlich jene Planungssicherheit, die Investoren sehen wollten. Die Transformation der Energieinfrastruktur wird nun konkret in Auftragsbücher übersetzt.\n\n### Die 500-Milliarden-Dollar-Festung\n\nWährend wir in Europa regulatorische Rahmenbedingungen klären, schaffen die USA und Taiwan mit brachialer finanzieller Gewalt Fakten. Das heute bekannt gewordene Handelsabkommen ist weit mehr als Zollsenkung; es ist der Bau einer technologischen Festung. Taiwan und seine Tech-Giganten verpflichten sich zu Investitionen von 250 Milliarden US-Dollar in den USA, abgesichert durch weitere 250 Milliarden an Garantien aus Taipeh.\n\nIm Zentrum steht einmal mehr TSMC. Nachdem wir gestern bereits über die operative Ertragskraft der Taiwanesen staunten, folgt heute der strategische Hammer: Der Chip-Gigant plant für 2026 Investitionen (Capex) von bis zu 56 Milliarden Dollar. Das beflügelt die gesamte KI-Kette, von Nvidia in den USA bis zu ASML in den Niederlanden, deren Lithografie-Maschinen das Herzstück dieser neuen Fabriken bilden.\n\nDie Botschaft ist klar: Washington kauft sich mit taiwanesischem Kapital Unabhängigkeit. Dass Peking dies als Verletzung des „Ein-China-Prinzips" rügt, war erwartbar – doch ökonomisch wiegen die 500 Milliarden Dollar schwerer als jede diplomatische Note.\n\n








