Liebe Leserinnen und Leser,

ist das noch gesunder Optimismus oder bereits Realitätsverweigerung? Selten klaffte die Schere zwischen Börsenkursen und der wirtschaftlichen Realität so weit auseinander wie an diesem Sonntagmittag. Während wir auf die Ticker schauen, reiben sich viele Marktbeobachter verwundert die Augen: Der DAX hat die Woche mit einem Rekordhoch von 25.301 Zählern beendet.

Doch diese Party findet auf einem brüchigen Fundament statt. Denn zeitgleich kletterten die deutschen Insolvenzzahlen im Jahr 2025 auf 17.604 Fälle – ein Niveau, das wir seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Besonders alarmierend: Bei den Großinsolvenzen verzeichnen wir einen Anstieg um 25 Prozent. Wir erleben einen klassischen Fall von „Bad News is Good News", gepaart mit einer geopolitischen Zuspitzung im Nahen Osten, die Donald Trump an diesem Wochenende via Social Media weiter anheizte.

Börsenrausch trotz Insolvenzwelle

Beginnen wir mit dem Paradoxon der Woche. Der deutsche Leitindex hat eine psychologisch massive Barriere durchbrochen. Charttechniker wie Christoph Geyer bescheinigen dem Markt zwar einen intakten Aufwärtstrend, warnen jedoch: Die Indikatoren sind überkauft.

Warum steigen die Kurse, wenn die Firmenpleiten ein 20-Jahres-Hoch erreichen? Die Antwort lieferte am Freitagnachmittag der US-Arbeitsmarkt. Nur 50.000 neue Stellen wurden im Dezember geschaffen – deutlich weniger als die prognostizierten 60.000. Die Arbeitslosenquote stieg auf 4,4 Prozent. Für die Algorithmen und Händler ist diese wirtschaftliche Schwäche paradoxerweise das Signal zum Kauf: Schwache Konjunkturdaten garantieren billiges Geld. Die Zinsfantasie lebt. Auch der Dow Jones profitiert von dieser Logik und klopft mit rund 49.500 Punkten bereits an die 50.000er-Marke.

Geopolitik: Trump, Teheran und das Öl

Während die Aktienmärkte die Zinswende feiern, braut sich geopolitisch etwas zusammen, das Investoren in der kommenden Woche nicht ignorieren dürfen. Im Iran dauern die massiven regierungskritischen Proteste an – laut Netblocks ist das Internet dort nun schon seit über 60 Stunden weitgehend blockiert.

US-Präsident Donald Trump nutzte seine Plattform Truth Social an diesem Wochenende für eine direkte Intervention: „Die USA sind bereit zu helfen!!!", postete er und teilte Beiträge von Senator Lindsey Graham. Die Reaktion aus Teheran folgte prompt: Parlamentssprecher Mohammad Baqer Qalibaf drohte unverhohlen mit Angriffen auf Israel und US-Militärstützpunkte, sollten die USA eingreifen.

Diese Rhetorik hinterlässt bereits Spuren. Der Preis für Brent-Öl hat seine Stabilisierungsphase beendet und kletterte zuletzt auf rund 63,34 USD. In einer Welt, in der geopolitische Risikoprämien oft zu schnell ausgepreist werden, könnte hier das böse Erwachen lauern.

Banken & Chips: Der Realitätscheck steht bevor

Ab morgen wird es fundamental. Die Berichtssaison für das vierte Quartal startet und liefert den Lackmustest für die hohen Bewertungen.

  • Finanzwerte: Den Auftakt machen die US-Schwergewichte. Die Citigroup (aktuell ca. 121 USD) legt am 14. Januar Zahlen vor. Analysten erwarten höhere Gewinne, und institutionelle Investoren wie Bayforest Capital haben sich im Vorfeld bereits positioniert.
  • KI-Sektor: Der eigentliche Taktgeber für die Tech-Rallye bleibt die Hardware. Am 15. Januar öffnet TSMC die Bücher. Die Zahlen des weltgrößten Auftragsfertigers gelten als das wichtigste Barometer für die tatsächliche KI-Chip-Nachfrage.
  • Die Herausforderer: Während alle auf Nvidia schauen, formieren sich die Verfolger neu. AMD meldete zuletzt ein Umsatzwachstum von 36 Prozent und hat einen Deal mit OpenAI für die zweite Jahreshälfte 2026 gesichert. Auch Iren (Iris Energy) macht mit einem 9,7-Milliarden-Dollar-Vertrag mit Microsoft auf sich aufmerksam.
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Die Zahlen, die ich analysiert habe, zeigen eine fundamentale Verschiebung im Halbleitermarkt – und sie geht weit über die bekannten Namen hinaus. Börsenexperte Bernd Wünsche hat in seiner aktuellen Analyse vier Chip-Aktien identifiziert, die vom KI-Boom überproportional profitieren könnten, während ein einzelnes Unternehmen bereits die 4-Billionen-Dollar-Marke geknackt hat. In seinem kostenlosen Webinar zeigt er, welche Halbleiter-Werte jetzt vor einem ähnlichen Durchbruch stehen und warum Mikrochips das neue Öl des 21. Jahrhunderts sind. Webinar: Die 4 Chip-Aktien für die KI-Revolution

Geldpolitik: Abfuhr für den digitalen Euro, Fantasie bei Bitcoin

Ein bemerkenswerter Kontrast zeigt sich in der Geldpolitik. Während die EZB das Projekt „Digitaler Euro" vorantreibt, winkt die Branche ab. Eine aktuelle Umfrage des Center for Financial Studies ist ernüchternd: 62,3 Prozent der Fachkräfte im Finanzsektor halten den digitalen Euro schlicht für überflüssig. Das Urteil der Profis ist vernichtend pragmatisch: Es gibt bereits genug funktionierende digitale Lösungen.

Ganz anders die Stimmung im Krypto-Sektor. Bitcoin pendelt zwar seitwärts um die 90.000 US-Dollar, doch die Narrative werden wilder. Cathie Wood von ARK Invest spekulierte zuletzt, die US-Regierung könne vor den Zwischenwahlen 2026 strategische Bitcoin-Käufe tätigen – bis zu einer Million Coins. Ob politisches Kalkül oder Wunschdenken: Es hält die Stimmung bullisch. Altcoins wie Cardano (+9% zum Jahresstart) profitieren bereits von diesem Windschatten.

Deutschland konkret: Die Zange der Landwirte

Zum Schluss noch ein Blick auf die heimische Realwirtschaft jenseits der DAX-Rekorde. Der Deutsche Bauernverband blickt pessimistisch auf das Jahr 2026. Trotz der Rücknahme der Agrardiesel-Kürzungen drücken die Erzeugerpreise massiv auf die Stimmung. Schweinefleisch notiert bei „desaströsen" 1,45 Euro pro Kilo, und die Getreidepreise bewegen sich auf dem Niveau der frühen 80er Jahre.

Gleichzeitig steigen durch den Mindestlohn von 13,90 Euro die Kosten. Es ist die klassische Zange: Sinkende Einnahmen bei steigenden Ausgaben. Auch der öffentliche Dienst schlägt Alarm: Laut Beamtenbund fehlen aktuell rund 600.000 Fachkräfte – eine Lücke, die sich innerhalb eines Jahres um weitere 30.000 vergrößert hat.

Für Verbraucher gibt es ab Dienstag zumindest neue Ablenkung: Der US-Streamingdienst HBO Max startet am 13. Januar offiziell in Deutschland und verschärft den Wettbewerb um unsere Bildschirmzeit.

Ausblick

Die kommende Woche wird von zwei Faktoren bestimmt: Den US-Inflationsdaten (CPI) am 13. Januar und dem Start der Banken-Earnings. Sollte die Inflation in den USA – anders als in Deutschland, wo sie im Dezember auf 1,8 Prozent fiel – überraschend hoch bleiben, könnte das Kartenhaus der Zinssenkungsfantasien schnell wackeln.

Bleiben Sie wachsam.

Ihr

Andreas Sommer