DAX, Öl & Rüstung: Wenn Hormus-Blockade zur Marktbelastung wird
Liebe Leserinnen und Leser,
23.000 Punkte – diese Marke rückt für den DAX am Montagmorgen bedrohlich nah. Nicht wegen schwacher Unternehmenszahlen oder enttäuschender Konjunkturdaten, sondern wegen einer Meerenge am Persischen Golf, durch die normalerweise ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung fließt. Die Straße von Hormus ist seit dem Wochenende faktisch geschlossen, Brent-Öl schoss zeitweise auf fast 120 Dollar pro Barrel – und plötzlich dominiert nicht mehr die Frage nach Zinssenkungen die Märkte, sondern die nach Stagflation. Während Energiekonzerne jubeln, brechen Reise- und Industriewerte ein. Und ausgerechnet die deutschen Rüstungsaktien, die man als Krisengewinner erwarten würde, enttäuschen. Drei Entwicklungen, die zeigen: Die Märkte handeln nicht mehr Gegenwart, sondern Angst.
Ölpreis-Schock: Von 92 auf 120 Dollar in einer Nacht
Der Preis für ein Barrel Brent-Öl explodierte am Sonntagabend um bis zu 29 Prozent auf knapp 120 Dollar – der höchste Stand seit der Energiekrise 2022. Auslöser waren israelische Luftangriffe auf vier Öllager in Teheran sowie iranische Gegenschläge auf eine Wasserentsalzungsanlage in Bahrain. Doch die eigentliche Bombe tickt woanders: Die Straße von Hormus, durch die täglich etwa 20 Millionen Barrel Öl transportiert werden, ist seit Kriegsbeginn vor einer Woche praktisch unpassierbar.
Katars Energieminister warnte in der Financial Times, dass alle Golf-Produzenten innerhalb weniger Wochen ihre Exporte einstellen könnten. Seine Prognose: 150 Dollar pro Barrel. JPMorgan hält 100 Dollar mittelfristig für realistisch, sollte die Blockade anhalten. Etwa 140 Millionen Barrel Öl – entsprechend 1,4 Tagen globaler Nachfrage – haben den Markt bereits nicht erreicht.
Die Ironie: Präsident Trump bezeichnete den Ölpreisanstieg als "sehr kleinen Preis" für den Frieden und forderte weiterhin die "bedingungslose Kapitulation" des Iran. Hinter den Kulissen sucht das Weiße Haus jedoch fieberhaft nach Lösungen, denn die Benzinpreise in den USA sind bereits auf über 3,30 Dollar pro Gallone gestiegen – politisches Gift vor den Midterm-Wahlen. Diskutiert werden eine Aussetzung der Benzinsteuer und gelockerte Umweltauflagen.
Für Deutschland bedeutet das: steigende Energiekosten, die gerade erst gesunkene Inflation wieder anheizen könnten. Immerhin bezog die Bundesrepublik 2025 nur 6,1 Prozent ihrer Rohölimporte aus dem Nahen Osten, wichtigster Lieferant ist Norwegen mit 16,6 Prozent. Dennoch sind die globalen Märkte eng verflochten – und höhere Ölpreise treffen energieintensive Industrien wie Chemie, Stahl und Luftfahrt besonders hart.
DAX unter 23.000: Industriedaten enttäuschen zusätzlich
Der deutsche Leitindex stürzte am Montagmorgen zeitweise auf 22.918 Punkte – ein Elfmonatstief. Zum Handelsstart lag er bei 22.965 Punkten, minus 2,7 Prozent. Damit fiel er unter die psychologisch wichtige Marke von 23.000 Punkten, die zuletzt im Mai 2025 unterschritten wurde.
Belastend wirkten nicht nur die Ölpreise, sondern auch enttäuschende Konjunkturdaten aus Deutschland. Die Industrieaufträge brachen im Januar um 11,1 Prozent ein – Analysten hatten nur mit minus 4,3 Prozent gerechnet. Die Industrieproduktion fiel unerwartet um 0,5 Prozent, während ein Plus von 1,0 Prozent erwartet worden war. Ohne Großaufträge lag der Auftragseingang nur 0,4 Prozent niedriger als im Vormonat – doch die Abhängigkeit von Großaufträgen zeigt die Fragilität der Erholung.
"Alles in allem lassen die heutigen Zahlen nicht erwarten, dass die Industrie im ersten Quartal das Wachstum der deutschen Wirtschaft unterstützen wird", schrieben Commerzbank-Analysten. Die Hoffnung auf eine Erholung der deutschen Industrie sei durch den Iran-Krieg und steigende Energiepreise wieder unsicherer geworden.
Am härtesten traf es energieintensive Branchen: Continental verlor zeitweise 5,5 Prozent, Siemens Energy 4,7 Prozent, Infineon 4,4 Prozent. Auch Automobilwerte litten: Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz gaben zwischen zwei und vier Prozent ab. Nur zwei DAX-Werte hielten sich im Plus: Hannover Rück und Munich Re – beide profitieren von steigenden Versicherungsprämien in Krisenzeiten.
Rüstungsaktien enttäuschen: Warum Rheinmetall und RENK nicht profitieren
Man hätte erwarten können, dass deutsche Rüstungsaktien von der Eskalation im Nahen Osten profitieren. Das Gegenteil ist der Fall: Rheinmetall verlor zeitweise 1,5 Prozent, RENK 3,4 Prozent, TKMS 2,7 Prozent und MTU Aero Engines 4,3 Prozent. Nur HENSOLDT legte 1,1 Prozent zu – gestützt durch eine Kaufempfehlung von Jefferies.
Die Gründe für die Schwäche sind vielschichtig. Erstens: Gewinnmitnahmen. Professionelle Investoren hatten die Eskalation bereits seit dem Jahreswechsel eingepreist, was zu kräftigen Kursgewinnen führte. Mit dem tatsächlichen Ausbruch der Kampfhandlungen trat das klassische Börsensprichwort "Buy the rumor, sell the fact" in Kraft.
Zweitens: Operative Hürden. Während die Nachfrage nach Verteidigungstechnik so hoch ist wie nie, kämpfen Unternehmen wie HENSOLDT und RENK mit Kapazitätsengpässen. Investoren blicken zunehmend skeptisch auf die Fähigkeit, pralle Auftragsbücher zeitnah in Umsatz und Gewinn umzumünzen. Zudem belasten gestörte Lieferketten und steigende Energiepreise die Margen.
Drittens: Branchenspezifische Faktoren. MTU Aero Engines ist doppelt betroffen: Einerseits profitiert das Unternehmen vom militärischen Triebwerksgeschäft, andererseits leidet die zivile Luftfahrtsparte massiv unter explodierenden Kerosinpreisen und gesperrten Lufträumen. Bei TKMS belastet die Integration in den MDAX kurzfristig, da Investoren im Sog fallender Indizes Risiken abbauen.
Viertens: Das Marktumfeld. Die durch den Krieg befeuerte Inflation lässt Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen schwinden. Höhere Zinsen verteuern nicht nur die Finanzierung für Rüstungskonzerne, sondern machen auch Staatsanleihen gegenüber Dividendenwerten attraktiver.
Einen positiven Akzent setzte das Börsendebüt der Gabler Group, einem U-Boot-Zulieferer. Die Aktie startete mit 47,20 Euro über dem Ausgabepreis von 44 Euro und kletterte zeitweise auf 48 Euro. Das zeigt: Bei spezialisierten Nischenanbietern mit klar umrissenem Geschäftsmodell ist die Investorenbereitschaft intakt.
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Lufthansa und TUI im Sturzflug: Reisebranche leidet doppelt
Während Rüstungsaktien enttäuschen, brechen Reisewerte regelrecht ein. Lufthansa-Titel verloren vorbörslich zeitweise fünf Prozent, TUI-Aktien knapp fünf Prozent. Die Kombination aus explodierenden Kerosinkosten und massiven Flugstreichungen lastet schwer.
Für die Lufthansa, die einen Teil ihres Bedarfs über Hedging-Geschäfte abgesichert hat, bedeutet der sprunghafte Anstieg dennoch eine massive Belastung der operativen Marge. Investoren fürchten, dass die Airline die höheren Kosten in einem inflationären Umfeld nicht schnell genug über Ticketpreise weitergeben kann – was die erst kürzlich präsentierten Gewinnprognosen für 2026 gefährdet.
Hinzu kommt das operative Chaos: Wichtige Luftverkehrsknotenpunkte im Nahen Osten sind teilweise geschlossen oder nur eingeschränkt anfliegbar. Die Lufthansa muss zahlreiche Verbindungen streichen oder auf teure Umwege umleiten. Das Risiko gestrandeter Passagiere und Kosten für Umbuchungen drücken zusätzlich.
Beim Touristikkonzern TUI schlagen die geopolitischen Spannungen ebenfalls voll durch. Der Nahe Osten ist ein wichtiges Winter- und Frühjahrsziel, insbesondere Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Unsicherheit über Flugroutensicherheit und die Angst vor weiterer Eskalation lassen Buchungszahlen einbrechen. Zudem belastet der starke Ölpreis die Margen eigener Ferienflieger und Kreuzfahrtschiffe.
Rohstoffsektor unter Druck: JPMorgan dreht bearish
Konjunktursorgen infolge der Energiepreis-Rally trafen am Montag vor allem die europäische Rohstoffbranche. Der Stoxx Europe 600 Basic Resources weitete seinen Verlust seit Kriegsbeginn auf zwölf Prozent aus. Bei ArcelorMittal sind es inzwischen 22 Prozent.
JPMorgan-Analyst Dominic O'Kane hatte am Morgen seine Empfehlung revidiert und riet nun, ArcelorMittal, Anglo American, First Quantum, Lundin, Kumba und Voestalpine unterzugewichten. Er erinnerte an die Schwäche des Rohstoffsektors zu Beginn des Ukraine-Kriegs, als europäische Metall- und Bergbauaktien um bis zu 40 Prozent einbrachen.
Noch hätten die Industriemetall-Preise kaum auf den Iran-Krieg reagiert – trotz ihrer engen Korrelation mit dem globalen Wirtschaftswachstum. O'Kanes bisherige Negativszenarien für Kupfer (9.500 Dollar pro Tonne) und Eisenerz (90 Dollar) sind nun die neue Ausgangslage. Im Stahlsektor erinnerte er an den "Energieschock" 2022/23 und stellte eine mögliche Wiederholung in den Raum.
Die Analysten kritisieren, dass aktuelle Aktienkurse zwar die Vorteile des EU-Protektionismus widerspiegeln, die erheblichen Risiken durch Energiekrise und geopolitische Instabilität jedoch sträflich vernachlässigen. ArcelorMittal-Aktien gaben an der Euronext zeitweise 7,5 Prozent auf 44,30 Euro nach, Voestalpine stürzte um 10,7 Prozent auf 37,86 Euro ab.
Krypto im Seitwärtstrend: Extreme Angst als Kaufsignal?
Während Aktien unter Druck stehen, zeigt sich Bitcoin überraschend stabil – aber nicht überzeugend. Die Kryptowährung notiert bei etwa 67.500 Dollar, nachdem sie am Sonntag auf 67.127 Dollar abgerutscht war. Der Crypto Fear & Greed Index fiel auf "Extreme Fear" mit einem Wert von zwölf – dem niedrigsten Stand seit dem Oktober-Crash.
Die Ironie: Während Privatanleger in Panik verfallen, berichten Bloomberg-Analysten von "Smart Money", das still akkumuliert. Die Diskrepanz zwischen Retail-Angst und institutionellem Verhalten könnte kaum größer sein. Das tägliche Handelsvolumen von 61,44 Milliarden Dollar zeigt: Die Liquidität ist intakt.
Der entscheidende Test liegt bei der 60.000-Dollar-Marke. Kann Bitcoin dieses Niveau halten, oder löst die "Extreme Fear" eine tiefere Korrektur aus? Netto bewegt sich Bitcoin seit drei Wochen praktisch seitwärts zwischen 60.000 und dem März-Hoch. Institutionelle Nachfrage könnte der Schlüssel sein – doch Zinsen bleiben ein Gegenwind, und die Erholung hängt maßgeblich von einer Stabilisierung der geopolitischen Lage ab.
Novo Nordisk und Hims & Hers: Vom Gerichtssaal zur Partnerschaft
Fernab der Krisenschlagzeilen sorgt eine überraschende Wende im Pharmabereich für Aufsehen: Novo Nordisk und der US-Telemedizin-Anbieter Hims & Hers planen eine offizielle Partnerschaft, um Medikamente zur Gewichtsreduktion künftig gemeinsam über die Plattform von Hims & Hers zu vertreiben. Das Ende einer erbitterten Fehde, die erst im Februar in einer Klage wegen Patentverletzungen gipfelte.
Die neue Vereinbarung sieht vor, dass Novo Nordisk seine zugelassenen Adipositas-Präparate – allen voran Wegovy – direkt über die Online-Plattform von Hims & Hers verfügbar macht. Für Hims & Hers bedeutet dies eine existenzielle Absicherung des Geschäftsmodells, nachdem die FDA Lieferengpässe für Semaglutid für beendet erklärt hatte. Die Aktie von Hims & Hers schoss im nachbörslichen Handel um 39 Prozent nach oben.
Für Novo Nordisk bietet die Kooperation die Chance, die eigene Marktpräsenz auszubauen und Patienten zurückzugewinnen, die auf günstigere Nachahmerprodukte ausgewichen waren. Die Novo-Aktie reagierte angesichts schwacher Gesamtmärkte mit einem überschaubaren Plus von 0,18 Prozent – doch die strategische Bedeutung ist erheblich.
Was die Woche bringt
Am Dienstag richtet sich der Blick auf die deutschen Exportzahlen für Januar. Mittwoch folgen US-Verbraucherpreise für Februar – ein wichtiger Indikator dafür, ob die Inflation tatsächlich zurückkehrt. Freitag stehen Industrieproduktionsdaten für die Eurozone an.
Doch die wirklich entscheidenden Fragen liegen woanders: Kann die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, bevor Ölpreise dauerhaft über 100 Dollar steigen? Gibt es Fortschritte bei Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran? Und hält der DAX die 23.000-Punkte-Marke, oder droht ein Test der 22.500?
JPMorgan-Anlagestratege Mislav Matejka erinnerte daran, dass der Aktienmarkt sein Tief meist dann findet, wenn die Anlegerstimmung am schlechtesten ist. Er wäre nicht überrascht, wenn der Kursrutsch in dieser oder der kommenden Woche endet. Doch bis dahin dominiert Angst die Märkte – und in solchen Phasen sind nicht die optimistischsten Anleger erfolgreich, sondern die vorsichtigsten.
Bis morgen – und einen ruhigen Start in die Woche,
Andreas Sommer








