48 Stunden bis zum Systemschock – Trumps Ultimatum an Teheran
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern beschrieb ich Ihnen die Entkopplung von Fed und EZB als den eigentlichen Bruch der Woche. Heute steht ein anderer Bruch bevor – einer, der beide Notenbanken gleichermaßen hilflos zurücklassen könnte.
Ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggasversorgung fließt durch die Straße von Hormus. Seit Tagen fließt dort nichts mehr. Und seit diesem Wochenende läuft eine Uhr: Donald Trump hat Teheran ein 48-Stunden-Ultimatum gestellt. Wird die Meerenge nicht umgehend wieder geöffnet, drohen massive US-Angriffe auf iranische Kraftwerke – „beginnend mit dem größten\", wie der Präsident unmissverständlich klarstellte.
Teherans Antwort kam prompt. Außenminister Araghchi warnte, man kenne bei einem Angriff auf die eigene Infrastruktur „keine roten Linien\" mehr. Im Fadenkreuz: sämtliche Energieinfrastrukturen und Entsalzungsanlagen der US-Verbündeten in der gesamten Golfregion. Vierte Kriegswoche, und die Eskalationsspirale dreht sich schneller als je zuvor.
Die gefährlichste Energiekrise der Geschichte
So nennt der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur die aktuelle Lage. Keine diplomatische Floskel, sondern eine nüchterne Einordnung: Das Volumen des derzeit gestoppten Gasflusses übersteigt die Mengen, die Russland 2022 nach Europa kappen ließ, um mehr als das Doppelte.
Für Europa ist das besonders bitter. Der Kontinent hatte sich gerade erst mühsam aus der Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas befreit – nur um nun in die nächste Versorgungsfalle zu tappen. Wie die Analysten von Jefferies treffend anmerken, entblößt der Konflikt einmal mehr die tiefe Verwundbarkeit gegenüber den globalen Märkten für fossile Brennstoffe. Die Diversifizierung der letzten drei Jahre? War offenbar nicht mehr als ein Umzug von einer Gefahrenzone in die nächste.
Stagflation – das toxische Wort des Jahres
Die Finanzmärkte reagieren entsprechend. Am Freitag schloss der S&P 500 auf dem tiefsten Stand seit September, der Nasdaq gab über 2 Prozent ab. Seit Kriegsbeginn Ende Februar haben die US-Leitindizes rund 5 Prozent verloren. Europas Börsen traf es im Wochenverlauf härter: Der DAX büßte 3,6 Prozent ein, Spanien und Italien noch mehr.
Der Grund liegt tiefer als bloße Kriegsangst. Ein Brent-Ölpreis, der in der Spitze auf 119 Dollar pro Barrel geschossen ist, treibt die Notenbanken in eine Sackgasse. Die EZB warnt bereits offen, dass der Energieschock die Inflation anheizen und gleichzeitig das Wachstum abwürgen wird. Steigende Preise bei stagnierender Wirtschaft – das ist Stagflation, und gegen sie gibt es kein geldpolitisches Gegenmittel. Zinssenkungen zur Konjunkturstützung rücken in weite Ferne. Zinserhöhungen zur Inflationsbekämpfung würden die Wirtschaft vollends abwürgen.
Selbst JPMorgan korrigierte am Freitag das Jahresendziel für den S&P 500 nach unten – auch wenn die Strategen noch immer ein Plus von 11 Prozent bis Dezember für möglich halten. Wie angespannt die Stimmung ist, zeigt auch der Kryptomarkt: Bitcoin fiel im Zuge der geopolitischen Verwerfungen kurzzeitig unter 69.000 US-Dollar, bevor er sich am Wochenende nahe der 71.000-Dollar-Marke stabilisierte. Inflationsschutz ja, Risikoappetit nein – die klassische Zwickmühle verunsicherter Anleger.
Die Paradoxie der grünen Alternative
Man sollte meinen, ein solcher Ölschock zünde den Turbo für erneuerbare Energien. Das Gegenteil passiert – und der Grund ist ein Rohstoff, an den kaum jemand denkt: Silber.
Der Silberpreis hat sich innerhalb eines Jahres vervierfacht und notiert auf einem Allzeithoch von über 121 US-Dollar pro Unze. Für die Solarbranche ist das verheerend. Silber ist essenziell für die Leitfähigkeit der Paneele, und die Silberkosten machen mittlerweile 29 Prozent der Gesamtkosten eines Solarmoduls aus. 2023 waren es noch 3,4 Prozent. Die Konsequenz: Chinesische Branchenriesen wie Jinko Solar und Trina Solar warnen für 2025 vor Nettoverlusten, die Modulpreise explodieren. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Welt Alternativen zum Öl aus dem Nahen Osten am dringendsten braucht, wird die grüne Alternative durch einen simplen Materialengpass massiv verteuert.
Die Zahlen, die ich gerade beschrieben habe, sind für Anleger nicht nur eine Warnung – sie sind auch eine Analysegrundlage. Marktexperte Jörg Mahnert hat die Edelmetall-Bewegungen der vergangenen Monate genau unter die Lupe genommen und zeigt in seinem Webinar, welche Treiber hinter dem Silberpreisanstieg stecken und wie Anleger diese Entwicklung strategisch einordnen können. Er erklärt konkret, welche Positionierungen bei Edelmetallen in einem von Geopolitik und Inflationsdruck geprägten Umfeld Sinn ergeben. Jörg Mahnerts Edelmetall-Analyse im kostenlosen Webinar ansehen
Lufthansa setzt auf den Tag danach
Nicht alles an diesem Wochenende riecht nach Krise. In München plant die Lufthansa laut Unternehmenskreisen eine massive Investition am Flughafen: Das Terminal 2 soll um den sogenannten T-Stiel erweitert werden, Kapazität für zehn Millionen zusätzliche Passagiere pro Jahr. Ein Projekt, das in der Corona-Pandemie auf Eis gelegt wurde und nun reaktiviert wird. Klassisch antizyklisch. Krisen definieren die Gegenwart, Infrastruktur definiert die Zukunft.
Und während die globalen Märkte morgen auf den Ablauf des Trump-Ultimatums starren, blickt die deutsche Innenpolitik heute nach Rheinland-Pfalz. Dort wird ein neuer Landtag gewählt. Für die SPD geht es um viel – aber auch die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Friedrich Merz wird das Ergebnis genau lesen, um den Rückhalt für ihre geplanten Wirtschafts- und Steuerreformen zu messen.
Quintessenz
Zwei Uhren ticken an diesem Wochenende. Die eine steht in Rheinland-Pfalz und misst demokratische Normalität. Die andere steht zwischen Washington und Teheran und misst etwas ganz anderes.
Gestern beschrieb ich die geldpolitische Entkopplung von Fed und EZB als den zentralen Bruch. Sollte das Ultimatum morgen ohne Einigung ablaufen, wird dieser Bruch zur Fußnote. Ein militärischer Schlag auf iranische Kraftwerke – und die iranische Gegendrohung gegen die gesamte Golfinfrastruktur – würden eine Eskalationsdynamik auslösen, neben der die bisherige Ölpreisrallye wie ein Vorbeben wirkt. Die Stagflationsfalle, die ich am Donnerstag beschrieb, wäre dann keine Warnung mehr, sondern Realität.
Ich wünsche Ihnen einen ruhigen Rest des Sonntags. Behalten Sie die Nerven – morgen werden wir sie brauchen.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








