Wenn 400 Millionen Barrel nicht reichen – und KI ihre Schöpfer verschlingt
Liebe Leserinnen und Leser,
am Freitag schrieb ich Ihnen, die erstaunliche Gelassenheit der Aktienmärkte stehe vor ihrem nächsten Stresstest. Das Ergebnis liegt vor – und es ist ernüchternd. Der S&P 500 rutschte auf den tiefsten Stand seit November 2025, sämtliche Jahresgewinne 2026 sind aufgezehrt. Der VIX kletterte zum Wochenschluss auf 27,19. In Tokio brach der Nikkei am Montag um 5,2 Prozent ein – der drittstärkste Punktverlust in der Geschichte des Index.
Was diese Woche so außergewöhnlich macht: Zwei Schockwellen treffen gleichzeitig auf die Märkte. Eine geopolitische Eskalation, die den Ölpreis auf dreistellige Niveaus zementiert. Und eine technologische Disruption, die ausgerechnet jene Software-Konzerne ins Mark trifft, die als unverwundbar galten.
Die größte Ölreserve-Freigabe aller Zeiten – und ihre Wirkungslosigkeit
Nach den US-Luftschlägen nahe der iranischen Kharg-Insel – über die rund zwei Prozent des weltweiten Ölangebots laufen – und den anhaltenden Störungen in der Straße von Hormus ist die geopolitische Risikoprämie auf ein Niveau gestiegen, das sich mit konventionellen Mitteln kaum noch einfangen lässt.
Brent notierte in dieser Woche bei über 103 Dollar, WTI schloss am Freitag bei 98,71 Dollar – wohlgemerkt nach einem Spitzenwert von fast 119,50 Dollar am 9. März. Die Antwort der westlichen Welt fiel historisch aus: Die IEA ordnete die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus staatlichen Reserven an. Präsident Trump legte 172 Millionen Barrel aus der strategischen US-Reserve obendrauf und erwägt sogar die Aussetzung des über hundert Jahre alten Jones Act, um die Transportlogistik zu verbilligen.
Das Ergebnis? Die Märkte fielen weiter. Die beispiellose Intervention verpuffte, weil das eigentliche Problem tiefer liegt: Die US-Verbraucherpreise stiegen im Februar um 2,4 Prozent – im Rahmen der Erwartungen, aber in Kombination mit dem Ölpreisschock Gift für jede Zinssenkungsfantasie. An den Terminmärkten wurde der erste erwartete Fed-Zinsschritt bereits auf Januar 2027 verschoben. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte über 4,2 Prozent. Das Wort Stagflation kursiert wieder in den Handelssälen – und diesmal nicht als theoretisches Gedankenspiel.
Stuttgart meldet: 91,4 Prozent weniger Gewinn
Was diese toxische Mischung aus Energiekosten und Zinserwartungen für die europäische Industrie bedeutet, ließ sich am Donnerstag in aller Brutalität ablesen. Porsche meldete einen Gewinneinbruch von 91,4 Prozent. Fast zeitgleich wurde bekannt, dass Mercedes-Benz Teile seiner Produktion nach Ungarn verlagert.
Das sind keine isolierten Unternehmensnachrichten. Es sind Symptome einer strukturellen Krise am Standort Deutschland, die ich in den vergangenen Ausgaben immer wieder beschrieben habe – von den Insolvenzrekorden bis zu den Bauzinsen über vier Prozent. Der Kontrast zu den USA könnte kaum schärfer sein: Dort profitiert zumindest der Energiesektor. Exxon Mobil verzeichnet seit Januar einen Kursanstieg von 35 Prozent. In Europa schlägt die Kostenpeitsche durch – ohne Gegengewicht.
Agentic AI: Wenn künstliche Intelligenz ihre Schöpfer angreift
Während die physische Wirtschaft mit Ölpreisen und Lieferketten ringt, vollzieht sich an der Wall Street ein Umbruch, der langfristig noch gravierender sein könnte. Die künstliche Intelligenz beginnt, jene Geschäftsmodelle zu kannibalisieren, die sie groß gemacht haben.
Ein aktueller Goldman-Sachs-Bericht warnt vor einer „radikalen Transformation\" durch sogenannte Agentic AI – KI-Systeme, die autonom Software entwickeln und Geschäftsprozesse steuern. Die Investoren haben bereits Konsequenzen gezogen. Am 23. Februar stellte Anthropic „Claude Code\" vor, ein KI-Tool zur automatisierten Modernisierung von COBOL-Systemen. IBM erlitt daraufhin den schwersten Tagesverlust seit Oktober 2000: über 13 Prozent Minus an einem einzigen Tag. Seitdem hat die Aktie mehr als 16 Prozent an Wert eingebüßt. Auch Visa und Mastercard gerieten unter Druck, nachdem Analysten vor einer Disruption durch „Agentic Commerce\" warnten – KI-Agenten, die eigenständig Zahlungen abwickeln.
Das Kapital verschwindet nicht. Es rotiert. Die Gewinner der Woche finden sich in der dezentralen KI-Infrastruktur: Der Token Bittensor (TAO) schoss um fast 35 Prozent nach oben und durchbrach die 200-Dollar-Marke, Render legte 32 Prozent zu. Wer verstehen will, wohin das Smart Money fließt, sollte diese Verschiebung im Auge behalten.
Bitcoin hält, Ethereum zieht nach
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet der oft als hochriskant verschriene Krypto-Sektor zeigte in dieser Woche geopolitischer Verwerfungen relative Stärke. Bitcoin hielt sich robust über 70.000 Dollar. Ethereum eroberte die 2.000-Dollar-Schwelle zurück, gestützt von Rekordwerten beim Staking und Großinvestoren, die innerhalb von 48 Stunden ETH im Wert von 155 Millionen Dollar in Cold Storages verschoben. MicroStrategy legte auf Fünf-Tages-Sicht 4,6 Prozent zu, Marathon Digital sogar 17 Prozent – beides gegen den breiten Markttrend.
Die Erklärung liegt auf der Hand: Wenn Regierungen Sanktionen nach Tagesform anpassen – wie Washingtons Lockerung bei russischem Öl in dieser Woche zeigte – gewinnt algorithmisch garantierte Knappheit an Attraktivität.
Was Warren Buffett in dieser Lage tun würde
Wie umgehen mit dieser Gemengelage aus Krieg, Inflation und technologischer Disruption? Warren Buffett riet erst kürzlich wieder dazu, Markttiming zu vermeiden und sich auf Qualitätsunternehmen zu konzentrieren. Seine Berkshire Hathaway sitzt auf einem Cash-Berg von 381,7 Milliarden Dollar. Die gegenwärtige Volatilität bezeichnete er trocken als „really nothing\". Ein Nichts.
Buffett kann sich diese Gelassenheit leisten, weil er vorbereitet ist. Die Märkte preisen aktuell ein Worst-Case-Szenario im Nahen Osten ein. Sollte die Straße von Hormus passierbar bleiben, könnten sich die Risikoprämien beim Öl rasch abbauen. Der nächste Lackmustest steht bereits an: Die Kern-PCE-Daten – die bevorzugte Inflationsmessgröße der Fed – werden zeigen, wie tief sich die Teuerung wirklich in die Wirtschaft gefressen hat.
Das bringt mich zu einem wichtigen Punkt für Ihr Portfolio: Buffetts Gelassenheit gründet auf einem Milliarden-Cashpuffer – doch was ist die Antwort für Privatanleger, die das aktuelle Auf und Ab aktiv nutzen wollen? Börsenexperte Jörg Mahnert zeigt in seinem kostenlosen Webinar eine Strategie, die gezielt von Marktvolatilität profitiert – unabhängig davon, ob die Kurse steigen oder fallen. Mit ein bis zwei Trades pro Woche soll sie laut Mahnert auch in Phasen wie der aktuellen funktionieren. Absahnplan-Webinar: Jörg Mahnerts Strategie für volatile Märkte
Behalten Sie einen kühlen Kopf in diesen hitzigen Zeiten. Und vielleicht den größten Puffer, den es gibt: Geduld.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und erholsame Stunden abseits der Kursticker.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








