Von Mexiko über eBay bis zur Treasury-Software: Alexander von Schirmeisters Weg an die Spitze von Nomentia
In der aktuellen Folge von „Börsepeople im Podcast S24/08" zeichnet Host Christian Drastil gemeinsam mit Alexander von Schirmeister eine bemerkenswerte internationale Karriere nach, die vom Brandmanagement bei Procter & Gamble über die Digitalisierung traditioneller Konzerne bis zur Führung eines europäischen Treasury-Softwareanbieters reicht. Der neue CEO von Nomentia gibt dabei Einblicke in Change Management, Digitalisierung und die Zukunft des Finanzwesens.
Mexikanische Wurzeln, globale Perspektive
Alexander von Schirmeister wurde in Mexiko geboren und wuchs dort auf. Seine Eltern sind deutsch, zu Hause wurde Deutsch gesprochen und deutsche Weihnachten gefeiert, doch sein Herz schlage mexikanisch, wie er selbst sagt. Seine Eltern und eine Schwester leben noch immer dort. Eine prägende Erinnerung: die Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, das legendäre Maradona-Turnier mit der „Hand Gottes", bei dem er selbst ein oder zwei Spiele im Stadion erlebte.
Nach dem Studium in den USA gestaltete sich der Berufseinstieg schwieriger als erhofft. Eine Rezession machte den angestrebten Einstieg in die Finanzbranche trotz zahlreicher Interviews in New York zunichte. Stattdessen kam Procter & Gamble auf den Campus – und von Schirmeister ergriff die Chance. Zurück in Mexiko wurde er Brandmanager, unter anderem für Ariel und den in Mexiko als „Maestro Limpio" bekannten Meister Proper.
Die Jahre bei Procter & Gamble beschreibt er als formativ. Als Brandmanager für Ariel verantwortete er mit gerade einmal 24 Jahren fast 700 Millionen Dollar Profit – eine Art Mini-General-Manager-Rolle. Besonders die tiefgreifende Kundenorientierung der Konsumgüterbranche habe ihn nachhaltig geprägt: „Die Konsumproduktbranche, wenn man heutzutage über Customer Centricity spricht und Customer Understanding, die Konsumgutbranche macht das seit immer." Diese Prägung, den Nutzer intim kennenzulernen und zu verstehen, hat von Schirmeister durch seine gesamte weitere Karriere getragen.
Der Sprung nach Europa: Consulting, Telekommunikation und die Dotcom-Ära
Ende der 1990er Jahre führte der Weg nach London. Bei der Strategieberatung Booz Allen Hamilton wollte von Schirmeister branchenneutral bleiben und seinen Master gewissermaßen verlängern. Er arbeitete an verschiedensten Projekten unterschiedlicher Branchen und Größenordnungen. Doch schnell stellte er fest, dass ihm das Adrenalin der P&L-Verantwortung fehlte – jenes Gefühl, ein Team und ein Geschäftsergebnis direkt zu verantworten, das er bei Procter & Gamble kennengelernt hatte.
Es folgte ein kurzes, aber lehrreiches Intermezzo beim Startup 12Snap, das im Jahr 2000 – kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase – eine Art mobiles eBay aufbauen wollte. Das Konzept war seiner Zeit um etwa 15 Jahre voraus: Mobile Commerce in Zeiten von GSM-Netzen, als die Datenbenutzung auf Mobiltelefonen unter fünf Prozent lag. Nach einem Jahr schwenkte das Unternehmen auf mobiles Marketing um, doch von Schirmeister wollte kein Medienverkäufer sein.
Der Wechsel zur Telefonica brachte ihn nach Madrid – als Mexikaner mit der spanischen Sprache natürlich eine attraktive Option. Die europäischen Regierungen hatten gerade die UMTS-Lizenzen versteigert, und Telefonica suchte ein Team, das die neu erworbenen 3G-Lizenzen in Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz von Spanien aus koordinierte. Von Schirmeister war beim kurzzeitigen deutschen Mobilfunkanbieter Quam dabei, bevor Telefonica erkannte, dass die Milliarden-Investitionen in die Lizenzen sich nicht rechneten, und später stattdessen die O2-Gruppe übernahm. Anschließend verbrachte er noch zwei Jahre intensiv in Lateinamerika für den Konzern – als „Headquarter-Spanier", der in sein Heimatland Mexiko reiste, diesmal allerdings nicht als Einheimischer, sondern als Executive aus der Zentrale.
Zehn Jahre eBay: Vom französischen Marketingchef zum europäischen CMO
Der Wechsel zu eBay im Jahr 2004 markierte den Beginn einer über zehnjährigen Ära. Von Schirmeister erkannte, dass er die digitale Welt besser beherrschen musste, um als Führungskraft weiterzukommen. eBay suchte einen Marketingchef für Frankreich, und da seine Frau Französin ist, passte der Umzug nach Paris auch familiär.
Die Anfänge des digitalen Marketings waren damals noch erstaunlich rudimentär: Die meisten Ausgaben des Marketingbudgets flossen in Pop-ups und Pop-unders auf Webseiten wie MSN oder AOL. Das Keyword-Buying bei Google steckte noch in den Kinderschuhen. Gleichzeitig war eBay als Marketplace-Modell, bei dem Käufer und Verkäufer auf einer Plattform zusammenfinden, geradezu revolutionär – Konzepte wie Uber oder Airbnb existierten noch nicht.
Von 2004 bis 2008 erlebte eBay Frankreich massives Wachstum von über 100 Prozent im Jahresvergleich. Das Team wuchs, die Länderniederlassungen operierten relativ selbstständig. Dann kam die globale Finanzkrise 2008. Die Wachstumsraten sanken, und eBay entschied sich weltweit für eine Restrukturierung mit einer Reduktion der Belegschaft um rund 15 Prozent.
Für von Schirmeister war dies der erste große Change-Management-Moment seiner Karriere. Er musste Mitarbeitern in die Augen schauen und ihnen mitteilen, dass ihre Jobs verschwinden – nicht aus Performance-Gründen, sondern aufgrund struktureller Veränderungen. Statt eigenständiger Länderorganisationen wurde ein zentralisiertes eBay-Europa-Team aufgebaut: Finanzen in Bern, Marketing in Zürich, Vertrieb in London. Von Schirmeister zog nach Zürich und übernahm als Chief Marketing Officer die Verantwortung für das gesamte europäische Marketing.
Die Restrukturierung erwies sich als erfolgreich: In den Jahren 2009 bis 2013 gelang es, eBay Europa von einstelligem wieder auf zweistelliges Wachstum zu bringen. Während dieser Zeit saß von Schirmeister auch im Customer Advisory Board von Facebook, das damals noch relativ jung war und seine Werbeprodukte für Europa entwickelte. Mit einem europäischen Marketingbudget von über 500 Millionen US-Dollar war eBay einer der größten Werbekunden – ein Umstand, der solche Advisory-Rollen erst möglich machte.
Digitale Transformation bei RS Components und der Fintech-Weg
Nach elf Jahren bei eBay suchte von Schirmeister Mitte der 2010er Jahre eine neue Herausforderung. Eine Karriere bei eBay hätte einen Umzug nach Kalifornien bedeutet, doch er wollte in Europa bleiben. In London identifizierte er eine Nische: Britische börsennotierte Unternehmen, die dringend digitalisieren mussten, aber nicht wussten, woher sie das entsprechende Talent bekommen sollten. Sie griffen auf erfahrene Führungskräfte aus der digitalen Welt zurück.
Die RS-Gruppe, ein Distributor für industrielle und elektronische Komponenten, war börsennotiert und vom FTSE 100 in den FTSE 250 abgerutscht. Ein neuer amerikanischer CEO sollte den Wiederaufstieg schaffen – und sah in der Digitalisierung einen zentralen Hebel. Von Schirmeister wurde als Chief Digital Transformation Officer geholt.
Die Herausforderung war gewaltig: Das Unternehmen veröffentlichte noch zweimal jährlich einen 2000-seitigen Papierkatalog, arbeitete ohne Cloud-Infrastruktur, hatte alles On-Premise und keine agilen Teams. „Ich muss zugeben, ich glaube, ich war sehr naiv und das ist wahrscheinlich eine gute Sache", reflektiert von Schirmeister. Denn wer in einem digitalen Pureplay wie eBay gearbeitet hat, weiß nicht automatisch, wie man ein nicht-digitales Unternehmen digitalisiert. Drei Jahre lang trieb er die Transformation aggressiv voran – eine Erfahrung, die er als extrem lehrreich, aber auch als außerordentlich anspruchsvoll beschreibt.
Es folgten weitere Stationen: Bei SumUp, dem Fintech-Unternehmen mit Sitz in Berlin, sollte er als Europachef einsteigen. Doch Covid machte den geplanten Umzug nach Berlin unmöglich, und das Zahlungsvolumen von SumUp kollabierte pandemiebedingt. Anschließend übernahm er bei Xero, einem neuseeländischen Anbieter von Buchhaltungssoftware, der an der australischen Börse notiert ist, die Verantwortung für Europa, den Mittleren Osten, Afrika und später auch Asien – eine globale Rolle mit voller P&L-Verantwortung.
Parallel engagierte sich von Schirmeister in der Small and Medium Enterprise Digital Adoption Task Force der britischen Regierung. Über ein Jahr lang beriet er gemeinsam mit anderen Führungskräften die Regierung zur Frage, wie kleinere und mittlere Unternehmen bei der Digitalisierung gefördert werden können.
An der Spitze von Nomentia: Treasury-Software für den europäischen Markt
Seit Januar 2026 ist Alexander von Schirmeister CEO von Nomentia, einem SaaS-Anbieter für Treasury-, Cash- und Payment-Management-Software. Das Unternehmen entstand durch die Fusion zweier finnischer Firmen und den Zukauf der österreichischen Tipco im Jahr 2022. Obwohl der Name relativ jung ist, blickt Nomentia auf über 20 Jahre Erfahrung im Treasury-Management zurück.
Die Haupteigentümer sind die Private-Equity-Firma Inflection. Der bisherige CEO war 25 Jahre im Unternehmen und sechs Jahre an der Spitze, bevor er sich beruflich neu orientieren wollte. Für die Nachfolge suchte man bewusst jemanden mit internationaler Erfahrung und der Fähigkeit, das Geschäft über die starken Positionen in Skandinavien und Österreich hinaus in den breiteren europäischen Raum zu expandieren.
Von Schirmeister pendelt nun regelmäßig zwischen London, Wien und den finnischen Standorten Espoo und Tampere. Wien ist mit über 100 Mitarbeitern das zweitgrößte Büro und fungiert als Headquarter für den DACH-Bereich – gelegen direkt gegenüber vom Hauptbahnhof, in der Nähe der Headquarters von Erste Group und Bawag. Die Wiener Mitarbeiter sind größtenteils Implementation Consultants, die nach Vertragsabschluss über Monate hinweg bei den Kunden vor Ort die Software implementieren.
Die Kunden von Nomentia sind branchenübergreifend aufgestellt und reichen von Unternehmen mit 100 Millionen Euro Umsatz bis hin zu Firmen mit zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Komplexität der Implementierung variiert entsprechend, doch das Produktportfolio ist bewusst universell gehalten.
KI, Regulatorik und die Zukunft des Treasury-Managements
Beim Thema künstliche Intelligenz verfolgt Nomentia einen pragmatischen Ansatz. Von Schirmeister betont, dass heute keine seriöse Softwarefirma an KI vorbeikomme – sowohl für interne Effizienzsteigerungen als auch für externe Produkterweiterungen. Allerdings sei Treasury ein komplexes Thema, das sich nicht mit einem Fingerschnipsen durch KI ersetzen lasse. Der Fokus liege darauf, bestimmte Prozesse zu automatisieren und zu beschleunigen, um Treasury-Teams bessere Effizienzen zu ermöglichen.
Auch das Thema Regulatorik nimmt Nomentia sehr ernst. Im Umgang mit Finanzen, Treasury und Liquidität könne man keine Risiken eingehen, betont der CEO. CFOs und Treasury-Manager wollen wissen, dass ihr Softwarepartner alle relevanten ISO-Zertifikate vorweisen kann und regulatorische Anforderungen streng einhält. Dies sei gleichzeitig eine Chance für Nomentia, sich durch Kompetenz in diesem Bereich am Markt zu differenzieren.
Von Schirmeister ist auch persönlich an Nomentia beteiligt – im Private-Equity-Umfeld sei eine Mitbeteiligung des Managements üblich, um die richtigen Anreize zu setzen. Parallel bleibt er als Angel-Investor aktiv, eine Tätigkeit, die er seit Mitte der 2010er Jahre verfolgt.
Fazit: Eine Karriere als Blaupause für digitale Transformation
Alexander von Schirmeisters beruflicher Werdegang liest sich wie ein Kompendium der digitalen Wirtschaftsgeschichte der letzten 25 Jahre: vom Konsumgütermarketing über die Anfänge des Mobile Commerce, die UMTS-Euphorie, den Aufstieg der Marktplätze, die Finanzkrise, die Digitalisierung traditioneller Industrien bis hin zu Fintech und Treasury-Software. Auffällig ist sein Bekenntnis, dass viele Karriereschritte nicht strategisch geplant waren, sondern sich aus der Bereitschaft ergaben, Türen offen zu halten und Chancen zu ergreifen. Highlight: http://treasury-finance-convention.at
Nach einem knappen Quartal als CEO zeigt sich von Schirmeister zufrieden mit seinem Onboarding und optimistisch für 2026. Nomentia wird auch bei der Treasury and Finance Convention in Salzburg wieder vertreten sein. Auf die Frage, was ihm an seinem neuen Job am meisten Freude bereite, antwortet er ohne Zögern: die Menschen. „Software ist zwar schön, aber im Endeffekt sind wir eine Menschenindustrie. Und wenn man mit netten Leuten arbeitet, intern und auch in der Kundschaft, dann wacht man halt am Montagmorgen auf und man hat Lust drauf."








