Auch unser anderer Freund FOMO (Fear Of Missing Out) hat sich zurückgezogen. Die letzten Tage waren wohl etwas zu heftig. Verschwunden ist er aber nicht.

Die Analyse der Dämme, die da seit dem letzten FED-Meeting gebrochen sind, setzt vorerst bei den Zinsen an. Zinsen sind die letzten Jahre nicht natürlich gewachsen, sie hatten unnatürliche Einflüsse. Die Notenbankpolitik der letzten Jahre war „südwärts“ dominant. Wirtschaftshilfe unter dem Mantel der Inflationsbeschleunigung. Wir erinnern uns. Kolossaler Erfolg. Die Inflation klebte für Jahre nahe der Nulllinie fest. Nun geht es, wieder unter dem Inflationsargument, in die Gegenrichtung. Damit muss man leben lernen genauso wie man zuvor mit Negativ-Renditen leben musste. Die Notenbanken „müssen“ agieren, sonst verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit in Zukunft weiterhin Inflation steuern zu können, wenn alles wieder „normal“ ist (auch wenn das aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre mittlerweile immer weniger glauben wollen). Doch jetzt, wo die Preise aufgrund aus dem Ruder gelaufener Energiepreise so steigen, schaffen sie es definitiv auch nicht. Sie gefährden die ohnehin schon unter den Energiepreisen stöhnende Wirtschaft, aber sonst nichts. Das Inflationsziel zu erreichen, bedeutet dann nämlich, die Unternehmen zu Verlusten zu zwingen, sollten sie die Kostenanstiege nicht weitergeben. Wer macht das? Der Einzige, der das Recht hat hier Schiedsrichter zu spielen, ist der Konsument. Und der sitzt ohnehin bereits mit seiner Strom- und Gasrechnung im selben Boot. Die Inflation wird deutlich zurückkommen. Aber sicher nicht wegen Zinsen die steigen, sondern wegen Konsumverweigerung.

Wir haben das zu akzeptieren. Punkt. Damit öffnen sich aber neue Gedankengänge wie wir in diesem Universum unsere Ziele erreichen. Wir müssen den Faktor „Zins“ in unseren Überlegungen mit den maximal-Erwartungen verbinden um nicht von EZB und Co überrumpelt zu werden. Damit werden einige Business Modelle von Gesellschaften angepasst bewertet werden müssen. Auch die Energieprobleme müssen als direkter Fakt adressiert werden und auch hier lieber vorsichtig, weil am Ende die Politik hier sicher auch wieder mitreden wird. Deswegen auch hier die Bewertungen stressen. Und in weiterer Folge der Blick auf die Realität. Faktencheck. Sind wir schon dort oder nicht? Was dann noch zu analysieren fehlt, ist das Bild eines aus jeglicher Kontrolle entlaufenen russischen Machtapparats. Den zu bewerten ist fast unmöglich und nur auf die maximal zu erwartenden Maßnahmen reduziert. Diese als Bewertungsindikation zu verwenden ist kaum vernünftig weshalb in solchen Phasen zumeist der reine Verkauf (nix wie raus) als Fluchtersatz dient. So zuletzt. Doch die ökonomische Vernunft gebietet uns, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Die Logik und die Vernunft hinter der anscheinenden Unvernunft zu finden. Wer dies im Sinne Russlands tut, merkt gerade Unstimmigkeiten, denn warum 300.000 Reservisten einberufen, wenn man 1 Mio. Soldaten in den Kasernen hat? Genauso wenig ist es positiv für Russland, wenn seine drei großen Noch-Alliierten Indien, Türkei, und China beginnen in steigendem Ausmaß Kritik am Krieg zu üben. Jenem Krieg durch den sie passiv profitieren. Ein Faktor das Russland als schwachen Part in diesem Umfeld erscheinen lässt und so eine Entwicklung wird sicher auch nicht mit dem Einsatz von Atomwaffen umgekehrt. Sie würde verschlimmert. Und das, ökonomisch, logisch gedacht, ist einem Machtanspruch widersetzend. Und das will Putin nicht.

Aber, eines erscheint mir sicher zu sein, wenn die Atombombe fliegt (selbst wenn es eine taktische Bombe wäre, die eine unbewohnte Insel im Irgendwo zur Grube radiert), kommen wir auf die letzte Verteidigungslinie des kapitalistischen Denkens zurück: was kostet Sicherheit. Und wer und welches Investment diese liefert, wird immer zum persönlichen Thema.

Die letzten Tage haben wir diesen Ruf nach Sicherheit deutlich an den Märkten gespürt. Die längerfristigen Investments wurden gekürzt, die wenigen Werte, die bisher im Plus waren, wurden sicherheitshalber verkauft, Optionen zurückgedeckt, Verluste angeschnitten, die Cash Bestände erhöht. Ein Reflex, den man verstehen kann, der aber bis dato immer den Boden einer Abwärtsbewegung beschrieben hat. Was wir jetzt sehen, ist der Moment, wo sich Kapitalmärkte neu referenzieren. Wo Teilnehmer aus dem Markt geschüttelt werden, wo viele sagen „das ist doch nichts für mich“. Jeder der glaubt Aktien, oder Anleihen sind etwas für bornierte Snobs, die nicht wissen wohin mit ihrem Geld, sollten jetzt in diesen Zeiten gut aufpassen und sich möglicherweise eine neue Meinung bilden. Hier trifft Analyse auf Emotion, Angst auf Vernunft oder Gier auf Risiko. Und da zählt unser Steuersystem genauso dazu. Beispielsweise unterliegt einer Vermögens-KESt die Annahme Gewinne zu besteuern und innerhalb eines Jahres mit eventuellen Verlusten gegenrechnen zu dürfen. Klingt nach Gerechtigkeit.

In Wirklichkeit gibt es diese Gerechtigkeit aber gar nicht, denn wer spricht heuer schon vom Gewinn? Und, sollten nächstes Jahr Investments vielleicht besser laufen werden diese sofort besteuert, als ob nichts davor gewesen war. Den Verlust des Vorjahres aufzuholen, wird dadurch eine Hürde vorgesetzt. Verluste werden daher Verluste bleiben. Nur wer jetzt nicht verkauft macht steuerlich keinen Fehler, selbst wenn es ihm die Angst befiehlt. Also entweder still halten und warten bis es wieder ruhiger geworden ist, oder den Boden analysieren um das Timing für Neuinvestments so optimal wie möglich zu gestalten, oder gleich raus und nie wieder hinein. Das denken gerade sehr viele, insbesondere private Marktteilnehmer und natürlich -innen.

Auch wenn man sagt der Markt wäre gerecht, die Emotionen und die Steuer sind es nicht.

 

Aus dem Börse Express PDF vom 28.09. hier zum Download

 

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