Saudi-Arabiens Billionen-Wette: Wenn Visionen auf Realität treffen

Saudi-Arabiens Billionen-Wette: Wenn Visionen auf Realität treffen
Die Wüste blüht – zumindest in den Hochglanzbroschüren. Während Saudi-Arabien mit seiner "Vision 2030" die größte Wirtschaftstransformation der Golfregion anstrebt, offenbart ein nüchterner Blick hinter die Kulissen eine Geschichte voller Widersprüche. Die Arbeitslosigkeit sinkt auf Rekordtiefs, doch die erhofften Auslandsinvestitionen bleiben aus. Der Tourismus boomt mit 116 Millionen Besuchern, aber die meisten kommen weiterhin für religiöse Pilgerfahrten statt für die futuristischen Megaprojekte. Und während Kronprinz Mohammed bin Salman von einer post-öl Zukunft träumt, musste der staatliche Investmentsfonds PIF seine ambitionierten Bauprojekte um 20 Prozent zusammenstreichen.
Derweil eskaliert die Lage im Nahen Osten weiter. Israel hat den Ministerpräsidenten der jemenitischen Huthi-Miliz ausgeschaltet – ein weiterer gezielter Schlag in einer Serie von Liquidierungen, die Israels militärische Überlegenheit demonstriert. Und in Australien marschieren Tausende gegen Einwanderung, während die Regierung von Neo-Nazi-Verbindungen spricht. Willkommen zu einem Wochenende, das zeigt: Die Welt ordnet sich neu, nur nicht so, wie es die Visionäre geplant hatten.
Die Saudische Quadratur des Kreises
Fünf Jahre bleiben noch, dann soll Saudi-Arabien ein modernes Wirtschaftswunderland sein. Die Zwischenbilanz der "Vision 2030" liest sich wie ein Zeugnis mit sehr gemischten Noten. Die Arbeitslosigkeit unter saudischen Staatsbürgern? Gesunken auf 6,3 Prozent – das ursprüngliche Ziel von 7 Prozent wurde locker unterboten. Die Frauenerwerbsquote? Mit 36,3 Prozent deutlich über dem anvisierten Ziel von 30 Prozent. Klingt nach einer Erfolgsgeschichte.
Doch der Teufel steckt im Detail, und der hat es in sich. Die nicht-öl Exporte dümpeln bei mageren 16,7 Prozent des nicht-öl BIP herum – das ehrgeizige 50-Prozent-Ziel rückt in weite Ferne. Noch dramatischer sieht es bei den ausländischen Direktinvestitionen aus: Mit 1,8 Prozent des BIP liegt man meilenweit vom 5,7-Prozent-Ziel entfernt. Die Botschaft ist klar: Internationale Investoren bleiben skeptisch.
Was bedeutet das für europäische Unternehmen? Saudi-Arabien bleibt ein Markt voller Chancen, aber auch voller Fallstricke. Die Regierung in Riad pumpt weiterhin Milliarden in Infrastruktur und Technologie – ein Eldorado für deutsche Maschinenbauer und Ingenieursfirmen. Gleichzeitig zeigt die drastische Kürzung der Investitionsausgaben um fast ein Drittel im zweiten Quartal: Die Zeiten des unbegrenzten Geldflusses sind vorbei. Der Public Investment Fund musste seine Gigaprojekte um 30 Milliarden Riyal (8 Milliarden Dollar) abschreiben. NEOM, The Line, die schillernden Megastädte in der Wüste – sie alle stehen plötzlich auf dem Prüfstand.
Israels Präzisionskrieg: Die neue Doktrin
Der israelische Luftschlag im Jemen war mehr als nur ein militärischer Erfolg – er war eine Machtdemonstration. Die Eliminierung des Huthi-Ministerpräsidenten Ahmed al-Rahwi zeigt: Israels Geheimdienste und Militär können überall zuschlagen, 2.000 Kilometer Entfernung sind kein Hindernis mehr.
Die Liste der gezielten Tötungen liest sich wie ein Who's Who der iranischen Proxy-Kräfte: Hisbollah-Führer im Libanon, Hamas-Kommandeure in Gaza, nun Huthi-Minister im Jemen. Was früher Monate an Vorbereitung brauchte, geschieht heute binnen Tagen. Die manipulierten Pager der Hisbollah, die gleichzeitig explodierten und 3.000 Funktionäre verletzten? Ein Meisterstück der Sabotage, das zeigt: Der Mossad spielt in einer eigenen Liga.
Für europäische Sicherheitspolitiker sollten diese Entwicklungen Alarmglocken läuten lassen. Die Eskalationsspirale im Nahen Osten dreht sich schneller, die roten Linien verschwimmen. Wenn Israel bereit ist, Regierungsmitglieder in souveränen Staaten zu liquidieren, wo endet dann die Jagd? Die Huthi-Angriffe auf die Schifffahrt im Roten Meer – sie betreffen auch deutsche Reedereien und europäische Lieferketten. Ein regionaler Konflikt mit globalen Konsequenzen.
Währenddessen brodelt es in Gaza-Stadt. 18 Tote allein am Sonntag, die Hälfte der 2 Millionen Einwohner des Gazastreifens drängt sich in der belagerten Stadt. Israels Militär warnt die eigene Regierung: Die Offensive gefährdet die verbliebenen Geiseln. Die Proteste in Tel Aviv werden lauter, Zehntausende fordern ein Ende des Krieges. Netanyahu steht unter Druck von allen Seiten – und macht trotzdem weiter.
Australiens Identitätskrise: Wenn die Stimmung kippt
"Mass migration has torn at the bonds that held our communities together" – mit diesen Worten mobilisierte die "March for Australia"-Bewegung Tausende auf die Straßen von Sydney und Melbourne. Zwischen 5.000 und 8.000 Demonstranten, gehüllt in australische Flaggen, forderten ein Ende der Masseneinwanderung. Die Regierung reagierte scharf: Das seien von Neo-Nazis organisierte Hass-Rallyes.
Die Realität ist komplexer. In einem Land, wo jeder zweite Einwohner entweder selbst im Ausland geboren wurde oder mindestens einen zugewanderten Elternteil hat, brodelt es. Die Wohnungspreise explodieren, die Krankenhäuser sind überlastet, sieben Stunden Wartezeit in der Notaufnahme sind keine Seltenheit. "Unsere Kinder finden keine Wohnungen", klagt Demonstrant Glenn Allchin. Ein Gefühl, das auch in Europa nur zu bekannt ist.
Der Fall Australien zeigt: Die Migrationsdebatte ist ein globales Phänomen. Von Sydney bis Stockholm, von Melbourne bis Mailand – überall die gleichen Sorgen, die gleichen Spannungen. Für Europa ist das ein Warnschuss. Wenn selbst das klassische Einwanderungsland Australien an seine Grenzen stößt, was bedeutet das für unsere Gesellschaften?
Besonders brisant: Die Vermischung legitimer Sorgen mit extremistischen Elementen. Veteran Bob Katter, Anführer einer populistischen Kleinpartei, drohte einem Reporter mit Gewalt, als dieser seine libanesische Herkunft erwähnte. Die Gegendemonstranten der Refugee Action Coalition mobilisierten Hunderte. Die Gesellschaft polarisiert sich, die Mitte erodiert.
Der Blick voraus: Zwischen Hoffnung und Hysterie
Was lehrt uns dieses Wochenende über die Weltwirtschaft von morgen? Saudi-Arabiens Vision 2030 mag straucheln, aber das Land bleibt ein Schlüsselmarkt. Die Fokussierung auf Bildung, Arbeitsmarkt und Geschäftsumfeld statt auf Mega-Bauprojekte könnte sich langfristig auszahlen – auch für europäische Partner, die auf nachhaltige Geschäftsmodelle setzen.
Der Nahost-Konflikt wird die Energiemärkte weiter belasten. Jeder israelische Luftschlag, jede Huthi-Attacke auf Tanker treibt die Risikoprämien. Für energieabhängige Volkswirtschaften wie Deutschland ein Dauerstress-Test.
Und die Migrationsdebatte? Sie wird die Politik der kommenden Jahre dominieren. Nicht nur in Australien, sondern überall in der entwickelten Welt. Die ökonomischen Folgen – vom Arbeitskräftemangel bis zur Wohnungsnot – werden Märkte und Gesellschaften gleichermaßen prägen.
Die kommende Woche bringt neue Herausforderungen: Die EZB-Sitzung am Donnerstag, US-Arbeitsmarktdaten am Freitag. Doch die großen Fragen bleiben: Kann Saudi-Arabien seine Wirtschaft wirklich transformieren? Findet der Nahe Osten einen Weg aus der Gewaltspirale? Und wie gehen demokratische Gesellschaften mit den Spannungen der Globalisierung um?
Eines ist sicher: Die Welt von 2030 wird anders aussehen, als es sich die Visionäre von heute vorstellen. Ob besser oder schlechter? Das entscheidet sich jetzt.
Mit nachdenklichen Grüßen aus einer Welt im Umbruch,
Eduard Altmann
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