Powells Vorladung, der 10-Prozent-Schock und die goldene Festung
Liebe Leserinnen und Leser,
der Kater folgt dem Rausch oft auf dem Fuße, doch selten ist der Stimmungsumschwung so brutal wie an diesem Montag. Verabschiedeten sich die Händler in Frankfurt und New York am Freitag noch im Konfettiregen neuer Rekorde ins Wochenende, starren sie heute auf tiefrote Vorzeichen jenseits des Atlantiks. Der DAX hatte die 25.280 Punkte markiert, die Welt schien in Ordnung. Doch der heutige Blick auf die Futures verrät: Die Party wurde nicht durch Wirtschaftsdaten beendet, sondern durch einen Machtkampf in Washington, der an den Grundfesten unserer Finanzarchitektur rüttelt.
Es ist, wie Analyst Thomas Altmann es nennt, eine „Woche der Wahrheit“. Sie beginnt nicht mit Bilanzen, sondern mit einem politischen Paukenschlag.
Der Angriff auf die Unabhängigkeit
Was über das Wochenende durchsickerte und heute die US-Märkte in die Knie zwingt, ist das Szenario, das Marktpuristen fürchten wie der Teufel das Weihwasser: Ein direkter Angriff auf die Autonomie der US-Notenbank.
Das US-Justizministerium hat Fed-Chef Jerome Powell Vorladungen zugestellt. Offiziell geht es um Renovierungsarbeiten am Hauptquartier. Doch an der Wall Street glaubt niemand, dass es hier um Wandfarbe oder Büromöbel geht. Powell selbst wertet den Vorgang als kaum verhüllten Versuch der Trump-Administration, die Unabhängigkeit der Währungshüter zu brechen und Zinssenkungen zu erzwingen.
Die Märkte reagieren allergisch. Wenn Geldpolitik zum Spielball politischer Launen verkommt, erodiert das Vertrauen in den Dollar. Die Folge sehen wir heute Mittag in aller Deutlichkeit: Gold durchbricht die Marke von 4.600 US-Dollar und markiert neue Allzeithochs, Silber klettert über 84 Dollar. Es ist ein Misstrauensvotum der institutionellen Anleger gegen den „Greenback“.
Der 10-Prozent-Hammer für die Banken
Als wäre der Streit um die Fed nicht genug, feuerte US-Präsident Trump heute Morgen via „Truth Social“ eine weitere Breitseite ab. Seine Forderung: Eine Deckelung der Kreditkartenzinsen auf 10 Prozent – befristet für ein Jahr.
Was für den Verbraucher wie ein Geschenk klingt, ist für die Bilanzen von JPMorgan, Visa, Mastercard oder Capital One eine existentielle Bedrohung. Das Geschäftsmodell dieser Riesen basiert auf Risikoprämien, die weit über dieser Marke liegen. Die Quittung folgt prompt: Vorbörslich geraten US-Finanzwerte massiv unter Druck. Die Schockwellen erreichen auch Europa, wo Barclays über 3 Prozent verliert. Zwar weisen Analysten darauf hin, dass ein solcher Eingriff eigentlich den Kongress erfordert – doch allein die Unsicherheit reicht, um Kapital fluchtartig aus dem Sektor abzuziehen.
Frankfurt: Die Ruhe im Auge des Sturms
Und der deutsche Leitindex? Der DAX zeigt sich am Montagmittag fast schon stoisch. Während die US-Futures fallen, hält sich das Barometer in Frankfurt stabil bei rund 25.260 Punkten, nur minimal unter dem Schlusskurs vom Freitag.
Es wirkt, als klammere sich der Markt hierzulande an die Hoffnung auf eine deutsche Wirtschaftsbelebung im Jahr 2026, getrieben durch das angekündigte Infrastruktur-Paket. Doch die Luft ist dünn. Der Index gilt als „massiv überkauft“. Die Anleger warten nun nervös auf die US-Berichtssaison, die diese Woche mit den Bankenschwergewichten startet – ausgerechnet jenen Instituten, die nun im politischen Kreuzfeuer stehen.
Auf Unternehmensebene sorgt heute Heineken für Gesprächsstoff, allerdings im Moll-Ton. Die Aktie verliert rund 5 Prozent, nachdem der Abgang von CEO Dolf van den Brink für Ende Mai angekündigt wurde. Ganz anders das Bild bei Abivax in Paris: Die Biotech-Aktie explodiert förmlich um 27 Prozent auf über 125 Euro, beflügelt von Übernahmespekulationen.
UBS: Der Kampf um das Kapital
Auch in der Schweiz verschärft sich der Ton zwischen Politik und Finanzwirtschaft. Die Großbank UBS wehrt sich vehement gegen Pläne der Regierung in Bern, die Kapitalanforderungen für ausländische Tochtergesellschaften drastisch zu erhöhen. In einer heute veröffentlichten Stellungnahme warnt die Bank vor Belastungen für die gesamte Schweizer Wirtschaft. Der SMI reagiert mit einer leichten Konsolidierung. Das Muster ist global erkennbar: Wo die Politik regulatorisch in den Markt greift, reagieren Investoren heute verschnupft.
Was diese Woche noch bringt
Wir stehen erst am Anfang einer Woche, die die Weichen für das erste Quartal 2026 stellen könnte:
- Inflation: Morgen (Dienstag) werden die US-Verbraucherpreise (CPI) für Dezember erwartet. Prognostiziert wird ein leichter Anstieg auf 3,1 Prozent. Sollten die Daten heißer ausfallen, steckt die Fed in der Zwickmühle: Politisch zur Lockerung gedrängt, ökonomisch zur Straffung gezwungen.
- Banken-Bilanzen: Ab Dienstag öffnen JPMorgan und Co. die Bücher. Investoren werden weniger auf die Gewinne schauen, sondern auf die Rückstellungen für Kreditausfälle – den Pulsfühler für die Gesundheit des US-Konsumenten.
Der heutige Montag ist eine Warnung: Die Märkte können politische Störfeuer nicht ewig ignorieren. Die Flucht in Gold und die Nervosität bei den Bankwerten zeigen, dass das Szenario einer reibungslosen Rallye Risse bekommt.
Bleiben Sie wachsam. In Zeiten, in denen Tweets und Vorladungen mehr Gewicht haben als KGV und Dividendenrendite, ist Flexibilität das höchste Gut.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








