Liebe Leserinnen und Leser,

87,26 Dollar – bei diesem Kurs schloss die Netflix-Aktie gestern den regulären Handel. Nachbörslich ging es dann weitere fünf Prozent abwärts. Der Grund? Nicht etwa schwache Quartalszahlen – im Gegenteil. Netflix knackte die 325-Millionen-Nutzer-Marke, steigerte Umsatz und Gewinn deutlich. Doch die Aussetzung der Aktienrückkäufe wegen der geplanten Warner-Übernahme ließ Anleger kalt abblitzen. Während der Streaming-Riese in Hollywood um Milliarden pokert, kämpft die Deutsche Telekom mit ganz anderen Sorgen: Regulatorischer Druck aus Brüssel und Berlin setzt dem Bonner Konzern zu. Und Bitcoin? Der rutscht unter 90.000 Dollar, während die Krypto-Welt gespannt nach Davos blickt, wo Trump heute seine Rede hält. Drei Märkte, drei Geschichten – und eine gemeinsame Botschaft: Manchmal sind es nicht die Zahlen, die zählen, sondern die Geschichten dahinter.

Netflix-Zahlen überzeugen – der Übernahmepreis schreckt ab

Netflix lieferte gestern Abend nach US-Börsenschluss eine solide Bilanz ab: Im vierten Quartal 2025 kletterte der Gewinn je Aktie von 0,43 auf 0,56 Dollar und übertraf damit die Analystenschätzungen von 0,55 Dollar. Der Umsatz legte um 17,6 Prozent auf 12,05 Milliarden Dollar zu – ebenfalls besser als erwartet. Mehr als 325 Millionen zahlende Kunden hat der Streaming-Gigant inzwischen, ein deutlicher Sprung gegenüber den 301,6 Millionen zum Jahresende 2024.

Doch statt Applaus gab es Kursverluste. Der Grund: Netflix setzt seine Aktienrückkäufe aus, um die geplante Übernahme des Studio- und Streaming-Geschäfts von Warner Brothers komplett in bar zu stemmen. Rund 83 Milliarden Dollar soll der Deal kosten – eine Summe, die selbst für Netflix ambitioniert ist. Seit Bekanntwerden der Übernahmepläne hat die Aktie bereits 30 Prozent an Wert verloren. Die ursprünglich geplante Aktienkomponente musste Netflix aufgeben, weil der eigene Kurs zu stark gefallen war.

Interessant wird es beim Blick auf die Konkurrenz: Paramount bietet 108,4 Milliarden Dollar für Warner Bros. Discovery – inklusive der TV-Sender wie CNN. Das Warner-Management bevorzugt zwar das Netflix-Angebot, doch Paramount wendet sich nun direkt an die Aktionäre. Der Ausgang? Völlig offen. Für deutsche Anleger bedeutet das: Netflix setzt auf eine teure Wachstumsstrategie, die kurzfristig belastet, langfristig aber die Marktposition zementieren könnte. Ob das aufgeht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Telekom unter Druck: Brüssel und Berlin machen Tempo

Während Netflix in Hollywood um Milliarden feilscht, kämpft die Deutsche Telekom an zwei Fronten: Die EU-Kommission will die chinesischen Netzwerkausrüster Huawei und ZTE aus europäischen Netzen verbannen. Ein entsprechendes Gesetzespaket namens "Digital Network Act" wurde gestern erwartet. Gleichzeitig setzt die Bundesnetzagentur den Bonner Konzern mit einem Konzeptpapier unter Druck, das eine lokale Abschaltpflicht für DSL-Leitungen auf Kupferkabeln vorsieht. Die Folge: Massive Investitionen in Glasfaser-Technologie werden nötig.

Die Telekom-Aktie reagierte prompt: Gestern verlor sie 1,2 Prozent und fiel auf ihr niedrigstes Niveau seit November. Seit Mitte Januar hat das Papier mehr als acht Prozent an Wert verloren. Barclays-Analyst Mathieu Robilliard verweist auf die regulatorischen Risiken, die sowohl auf EU-Ebene als auch in Deutschland lauern. Die EU-Kommission stellte gestern ihren Vorschlag vor: Bis spätestens 2035 sollen alte DSL-Verbindungen durch moderne Internetanschlüsse ersetzt werden. Die Mitgliedstaaten müssen bis 2029 verbindliche Pläne vorlegen.

Für die Telekom bedeutet das zweierlei: Einerseits Investitionsdruck in Milliardenhöhe, andererseits aber auch Planungssicherheit. Die EU will die Vergabe von Mobilfunkfrequenzen vereinheitlichen und unbefristet machen – ein Vorteil für langfristige Strategien. Doch die Kosten kommen zuerst. Und die Frage, ob große Streamingdienste wie Netflix oder YouTube künftig Netzgebühren zahlen müssen, bleibt umstritten. Die EU-Kommission schlägt zwar keine direkte Gebühr vor, aber eine Schlichtung durch Behörden, wenn sich Netzbetreiber und Inhaltsanbieter nicht einigen können. Verbraucherschützer fürchten, dass die Kosten am Ende auf die Kunden umgelegt werden.

Bitcoin unter 90.000 Dollar – Davos und Japan belasten

Bitcoin rutschte gestern unter die psychologisch wichtige Marke von 90.000 Dollar und notiert aktuell bei 89.199 Dollar – ein Minus von 2,1 Prozent in 24 Stunden. Ethereum fiel sogar um 4,6 Prozent auf 2.961 Dollar. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen wartet der Krypto-Markt gespannt auf die heutige Rede von US-Präsident Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Seine Zolldrohungen im Zusammenhang mit Grönland haben die Märkte nervös gemacht. Zum anderen sorgen Sorgen um Japans Fiskalpolitik für Unruhe. Premierministerin Sanae Takaichi kündigte eine Neuwahl Anfang Februar an – und Investoren fragen sich, wie Tokio die geplanten Konjunkturpakete finanzieren will.

Die inverse Korrelation zwischen Bitcoin und Gold zeigt sich deutlich: Während Krypto fällt, steigt Gold. Futures für Februar-Lieferung kletterten gestern um mehr als zwei Prozent auf 4.863 Dollar pro Feinunze – nahe dem Allzeithoch. Die Angst vor geopolitischen Risiken und fiskalischen Unsicherheiten treibt Anleger in sichere Häfen. Bitcoin hingegen gilt als riskantes Asset und leidet unter der Risikoaversion.

Auch die ETF-Flows zeigen die Nervosität: US-Bitcoin-Spot-ETFs verzeichneten gestern Nettoabflüsse von 480 Millionen Dollar, nach 395 Millionen am Montag. Ethereum-ETFs verloren 230 Millionen Dollar. Der CMC Fear and Greed Index rutschte von 42 auf 32 – aus der neutralen in die "Angst"-Zone. Liquidationen in Höhe von 862 Millionen Dollar in 24 Stunden unterstreichen die Marktvolatilität. Für deutsche Anleger bedeutet das: Bitcoin bleibt anfällig für makroökonomische Schocks und politische Unsicherheiten. Wer jetzt einsteigt, sollte Schwankungen aushalten können.

VW setzt auf Kreislaufwirtschaft – Zwickau wird Recycling-Zentrum

Während die großen Tech- und Krypto-Märkte schwanken, setzt Volkswagen auf eine zukunftsträchtige Nische: Kreislaufwirtschaft. Ab 2030 will der Konzern am Standort Zwickau jährlich bis zu 15.000 Fahrzeuge zerlegen und aufbereiten. Bis zu 90 Millionen Euro investiert VW, das Land Sachsen fördert mit 10,8 Millionen Euro. 1.000 Arbeitsplätze sollen gesichert werden – eine wichtige Nachricht für einen Standort, der unter Überkapazitäten leidet.

Die Idee: Fahrzeuge werden zerlegt, Bauteile wiederverwendet, Rohstoffe zurückgewonnen. VW wird damit unabhängiger vom weltweiten Rohstoffhandel und verringert den CO2-Fußabdruck. Dieses Jahr starten die ersten 500 Fahrzeuge, ab 2027 wird die Zahl schrittweise erhöht. Zwickau wird zum zentralen Kompetenzzentrum für Kreislaufwirtschaft im Konzern – ein Schritt, der zeigt, wie traditionelle Autobauer auf neue Geschäftsmodelle setzen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Für Anleger ist das ein Signal: VW reagiert auf strukturelle Herausforderungen mit Innovation. Die Aktie legte gestern leicht zu, bleibt aber unter Druck. Der Konzern kämpft mit schwacher Nachfrage in Europa und China, hohen Energiekosten und verschärftem Wettbewerb. Die Kreislaufwirtschaft allein wird das nicht lösen – aber sie zeigt, dass VW bereit ist, neue Wege zu gehen.

TRATON überrascht positiv – Nutzfahrzeuge im Aufwind

Während die VW-Mutter kämpft, überrascht die Nutzfahrzeugtochter TRATON positiv: Der Netto-Cashflow im Fahrzeuggeschäft lag 2025 laut vorläufigen Zahlen über der Prognosebandbreite von bis zu 1,5 Milliarden Euro. Auch besser als von Analysten erwartet. Die bereinigte operative Marge erreichte 6,3 Prozent – am unteren Ende der Zielspanne von 6 bis 7 Prozent, aber immerhin erreicht. Der Umsatz dürfte bis zu 10 Prozent unter dem Vorjahreswert von 47,5 Milliarden Euro gelegen haben, der Absatz sank um 8,6 Prozent auf rund 305.500 Fahrzeuge.

Die TRATON-Aktie reagierte erleichtert: Gestern legte sie um 4,3 Prozent auf 30,78 Euro zu. Auch Daimler Truck profitierte und stieg um 1,7 Prozent. Die Botschaft: TRATON hat die eigenen Ziele erreicht – trotz schwieriger Marktbedingungen. Die Schwäche auf dem nordamerikanischen Markt infolge von US-Zöllen und die Konjunkturschwäche in Europa belasten die Branche, aber TRATON zeigt Widerstandskraft.

JPMorgan-Analyst Akshat Kacker lobte vor allem die Inventaroptimierungen, die zum starken Cashflow beigetragen haben. Für deutsche Anleger ist das ein Lichtblick im ansonsten trüben Automobilsektor: Während Pkw-Hersteller kämpfen, halten sich die Nutzfahrzeugbauer besser. Die endgültigen Zahlen werden zeigen, ob TRATON die Dynamik ins neue Jahr mitnehmen kann.

Ausblick: Davos, Netflix und die Nervosität der Märkte

Die kommenden Tage werden zeigen, ob die aktuelle Nervosität an den Märkten berechtigt ist oder nur eine Momentaufnahme. Heute hält Trump seine Rede in Davos – die Märkte warten gespannt auf seine Äußerungen zu Grönland, Zöllen und der US-Wirtschaftspolitik. Am 22. Januar zieht Intel Bilanz zum vierten Quartal, am 28. Januar folgen Tesla, Microsoft und Meta Platforms. Netflix muss nun beweisen, dass die Warner-Übernahme mehr ist als ein teures Abenteuer. Und Bitcoin? Der wird weiter schwanken – zwischen Hoffnung auf institutionelle Akzeptanz und Angst vor makroökonomischen Schocks.

Für deutsche Anleger bleibt die Botschaft: Diversifikation ist wichtiger denn je. Wer nur auf Tech setzt, spürt jeden Rückschlag. Wer nur auf Krypto vertraut, erlebt wilde Schwankungen. Und wer nur auf europäische Blue Chips schaut, verpasst die Dynamik der globalen Märkte. Die Mischung macht's – und ein kühler Kopf in turbulenten Zeiten.

Bis morgen – bleiben Sie informiert und behalten Sie die Nerven!

Beste Grüße
Andreas Sommer