Microsoft, Windenergie & Digitalsteuer: Während Betriebssysteme Sicherheitslücken aufreißen, kämpfen Staaten um Milliarden
Liebe Leserinnen und Leser,
10,2 Millionen Windows-PCs in Deutschland laufen noch mit einem Betriebssystem, für das es keine Sicherheitsupdates mehr gibt. Gleichzeitig warnen Verbände vor einem Engpass bei Schiffen für Offshore-Windparks – und Politiker fordern eine Digitalsteuer von Tech-Konzernen, während Donald Trump bereits mit Vergeltungszöllen droht. Was auf den ersten Blick nach drei unabhängigen Meldungen aussieht, zeigt bei genauerem Hinsehen ein Muster: Europa ringt darum, seine technologische und wirtschaftliche Souveränität zurückzugewinnen. Doch die Hürden sind gewaltig – und die Zeit läuft davon.
Windows 10: Deutschlands unterschätztes Sicherheitsrisiko
Fast jeder zweite PC in deutschen Privathaushalten nutzt noch Windows 10 – obwohl der offizielle Support bereits im Oktober 2025 ausgelaufen ist. Das europäische Cybersecurity-Unternehmen Eset beziffert die Zahl auf 10,2 Millionen Geräte, was 48,5 Prozent aller Windows-Rechner entspricht. Zum Vergleich: Weltweit hat Windows 11 die veraltete Version bereits im Laufe des Jahres 2025 überholt, mit einem Anteil von rund 55 Prozent. Deutschland hinkt also deutlich hinterher.
Die Crux: Microsoft hat nach Druck durch Verbraucherschützer zwar eine kostenlose Verlängerung der Sicherheitsupdates für EU-Privatanwender bis Oktober 2026 eingeräumt. Doch Unternehmen müssen für den erweiterten Support bezahlen – oder ihre Systeme bleiben schutzlos. „Wer den Wechsel weiter hinauszögert, betreibt einen Ritt auf der Rasierklinge", warnt Alexander Opel, Sicherheitsexperte bei Eset Deutschland. Allein bei Microsoft-Produkten seien im Jahr 2025 knapp zwölf Prozent mehr Schwachstellen geschlossen worden als 2024.
Seit August 2025 sank die Zahl der Windows-10-Geräte zwar um 3,7 Millionen, doch das Tempo reicht nicht. Für Anleger bedeutet das: Microsoft profitiert von Upgrade-Zyklen, aber auch von der Abhängigkeit seiner Nutzer. Gleichzeitig empfiehlt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik den Umstieg auf Linux oder Apple-Rechner – eine Steilvorlage für Wettbewerber.
Offshore-Windenergie: Wenn Schiffe zum Flaschenhals werden
Während Deutschland seine Klimaziele verfolgt, droht ein neues Problem: Es fehlen Spezialschiffe für den Ausbau von Offshore-Windparks. Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik warnt vor einem Engpass bei Installations- und Kabellegeschiffen – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Bundesregierung die Stromerzeugung auf See bis 2030 auf 30 Gigawatt etwa verdreifachen will.
„Deutschland verfügt hierbei über sehr begrenzte eigene Kapazitäten", sagt VSM-Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken. Das Problem verschärft sich, weil Windenergieanlagen zunehmend größer werden und in wachsender Entfernung zur Küste installiert werden müssen. Bislang stellen überwiegend ausländische Reedereien die benötigten Schiffe bereit – allen voran chinesische Anbieter.
Während der Errichtung eines Windparks sind über 18 Monate rund 120 bis 150 Spezialschiffe im Einsatz, wie der Bundesverband Windenergie Offshore mitteilt. Gleichzeitig könnten bis zu 40 Schiffe aktiv sein. Die Lösung aus Sicht des VSM: Die Schiffe sollten in Deutschland und Europa gebaut werden. Doch das kostet Zeit und Geld – beides knappe Ressourcen, wenn man die Klimaziele ernst nimmt.
Für Anleger könnte sich hier eine Chance auftun: Werften und Zulieferer, die sich auf maritime Infrastruktur spezialisieren, dürften von staatlichen Förderungen profitieren. Gleichzeitig zeigt sich erneut Europas Abhängigkeit von ausländischen Lieferketten.
Digitalsteuer: Wenn Demokratie auf Handelskrieg trifft
Rheinland-Pfalz plant eine Digitalabgabe für Tech-Riesen wie Google, Meta oder TikTok. Ministerpräsident Alexander Schweitzer argumentiert, dass KI-Systeme redaktionell erstellte Inhalte nutzen, weiterverarbeiten und kostenfrei zur Verfügung stellen – was viele Geschäftsmodelle privater Medienanbieter ins Wanken bringe. „Den Medienanbietern läuft die Zeit davon", sagt Schweitzer, der auch Vorsitzender der Rundfunkkommission ist.
Noch in diesem Jahr soll es einen Vorschlag aus der Ministerpräsidentenkonferenz geben. Doch die Sache hat einen Haken: Donald Trump hatte bereits jenen Staaten mit neuen Zöllen gedroht, die eine Digitalsteuer haben oder mit Regulierungen gegen US-Konzerne vorgehen. Schweitzer betont zwar, eine Digitalabgabe sei „kein Instrument für einen Zollstreit", sondern ein „Demokratiethema" und „Medienfreiheitsthema". Doch ob Trump diese Unterscheidung akzeptiert, bleibt fraglich.
Für Anleger bedeutet das: Tech-Konzerne könnten in Europa mit höheren Kosten konfrontiert werden – entweder durch Digitalsteuern oder durch Zölle, falls die USA Vergeltung üben. Gleichzeitig zeigt sich, dass Europas Regulierungswut nicht nur bei Datenschutz und Wettbewerbsrecht, sondern auch bei der Finanzierung öffentlicher Güter ansetzt. Die Frage ist, wie lange sich US-Konzerne das gefallen lassen.
Notrufsystem eCall: Wenn Mobilfunk Leben rettet
Eine technische Neuerung, die unter dem Radar vieler Anleger fliegt: Das automatische Notrufsystem eCall für Kraftfahrzeuge wird auf moderne Mobilfunktechnik umgestellt. Vodafone, Deutsche Telekom und O2 Telefónica haben das neue System „Next Generation Emergency Call" in ihren Netzen gestartet – und setzen dabei nicht mehr auf die rund 40 Jahre alte 2G-Technik, sondern auf 4G (LTE) und perspektivisch 5G.
Das klingt technisch, hat aber handfeste Auswirkungen: Künftig können umfangreichere Unfall-Daten übertragen werden – nicht nur Standort und Uhrzeit, sondern auch detaillierte Informationen wie Aufprallgeschwindigkeit oder ausgelöste Sensoren. Der Verbindungsaufbau über 4G/5G erfolgt fast augenblicklich, während es im 2G-Netz oft mehrere Sekunden dauert. Die EU-Kommission schätzt, dass durch eCall jährlich rund 2.500 weniger Verkehrstote zu erwarten sind, sobald die meisten Autos damit ausgestattet sind.
Für Anleger bedeutet das: Die Mobilfunkbetreiber bauen ihre Infrastruktur nicht nur für Verbraucher aus, sondern auch für sicherheitsrelevante Anwendungen. Das stärkt ihre Position gegenüber Regulierern und könnte langfristig neue Geschäftsmodelle eröffnen – etwa im Bereich vernetzter Fahrzeuge oder Smart Cities.
Was das alles bedeutet
Drei scheinbar unabhängige Meldungen – doch sie eint ein Thema: Europas Ringen um technologische Souveränität. Ob bei Betriebssystemen, Offshore-Infrastruktur oder Digitalsteuern – der Kontinent versucht, sich aus der Abhängigkeit von US- und chinesischen Anbietern zu lösen. Doch die Hürden sind gewaltig: fehlende Produktionskapazitäten, politische Konflikte und die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen.
Für Anleger heißt das: Europa bleibt ein Markt voller Widersprüche. Einerseits gibt es ambitionierte Ziele bei Klimaschutz, Cybersecurity und Medienvielfalt. Andererseits fehlt oft die Umsetzungskraft – und die Zeit läuft davon. Wer hier investiert, sollte genau hinsehen: Welche Unternehmen profitieren von staatlichen Förderungen? Und welche geraten zwischen die Fronten eines möglichen Handelskriegs?
Die nächsten Wochen dürften zeigen, ob Europa seinen Kurs halten kann – oder ob die Realität die Ambitionen einholt.
Bis Montag,
Andreas Sommer








