Das TACO-Phänomen, Intels Liefer-Trauma und das deutsche Lebenszeichen
Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Momente an den Märkten, in denen man das kollektive Aufatmen fast physisch spüren kann. Die Handelsbildschirme in Frankfurt und New York leuchteten zuletzt grün – nicht etwa, weil sich die Fundamentaldaten über Nacht magisch verbessert hätten, sondern weil ein geopolitisches Schreckgespenst vorerst vertrieben wurde.
Die Händler an der Wall Street haben für dieses Muster inzwischen einen zynischen Namen gefunden: den „TACO-Trade" – Trump Always Chickens Out. Die Mechanik ist so simpel wie nervenaufreibend: Erst wird die maximale Drohung aufgebaut, die Volatilität schießt nach oben, und schließlich folgt der pragmatische Rückzieher, der eine Erleichterungsrallye auslöst. Nachdem die „Grönland-Krise" kurzzeitig Billionen an Börsenwert gefährdete, sorgte die Nachricht aus Davos für Entspannung: Keine Zölle gegen Europa, kein militärischer Zwang, stattdessen ein diplomatischer „Rahmenvertrag".
Der DAX dankte es mit einer Stabilisierung nahe der 25.000er Marke. Doch Vorsicht: Gold kratzt weiterhin ungebremst an der 5.000-Dollar-Schwelle. Das Edelmetall traut dem Frieden offensichtlich noch nicht ganz.
Hier ist, was Sie vor dem Wochenende wissen müssen.
Das 13-Prozent-Loch im Silicon Valley
Wer verstehen will, wie gnadenlos der Markt im Jahr 2026 Ineffizienz bestraft, muss heute auf Intel schauen. Der einstige Chip-Primus wird an der Börse regelrecht demontiert. Ein Minus von fast 13 Prozent stand heute Mittag auf den Kurstafeln – und die Analyse zeigt: Die Abstrafung erfolgt zu Recht.
Die Zahlen sind ernüchternd: Der Umsatz im vierten Quartal sank um 4 Prozent, und der Ausblick für das laufende Quartal (11,7 bis 12,7 Milliarden US-Dollar) verfehlt die Erwartungen der Analysten deutlich. Das eigentliche Debakel liegt jedoch in der Begründung. Es mangelt Intel nicht an Nachfrage, sondern an der Fähigkeit zu liefern. „Kapazitätsengpässe" bremsen das Wachstum, heißt es aus der Zentrale in Santa Clara.
In einer Ära, in der KI-Chips die wichtigste Währung der Tech-Welt sind, ist das Eingeständnis, die Aufträge nicht abarbeiten zu können, die operative Höchststrafe. Während Microsoft mit einem frischen 170-Millionen-Dollar-Deal des Pentagons glänzt, wirkt Intel zunehmend wie ein Riese, der über die eigenen Füße stolpert. Analysten von JPMorgan bis RBC reagierten prompt und senkten reihenweise ihre Kursziele.
Während Intel mit Kapazitätsengpässen kämpft, profitieren andere Halbleiter-Unternehmen massiv vom KI-Chip-Boom. In diesem kostenlosen Webinar erfahren Sie, welche 4 Chip-Aktien von der aktuellen Marktdynamik besonders profitieren könnten – darunter Unternehmen, die genau dort liefern können, wo Intel scheitert. Das Webinar analysiert den Megatrend in der Halbleiterbranche und zeigt konkret, wie Anleger vom Chip-Goldrausch des 21. Jahrhunderts positioniert sein können. Kostenlose Chip-Aktien-Analyse ansehen
Überraschung aus der deutschen Industrie
Während wir uns daran gewöhnt haben, den Standort Deutschland kritisch zu beäugen, lieferten die heutigen Einkaufsmanagerindizes (PMI) von S&P Global eine echte Überraschung: Die deutsche Wirtschaft zeigt plötzlich Vitalität.
Der Gesamtindex kletterte im Januar unerwartet auf 52,5 Punkte. Damit liegt Deutschland nicht nur solide im Wachstumsbereich (oberhalb von 50 Punkten), sondern koppelt sich positiv von der restlichen Eurozone ab. Der Kontrast zu Frankreich ist frappierend: Dort rutschten die Dienstleister mit 47,9 Punkten tief in die Rezessionszone und drückten den Eurozonen-Schnitt auf 51,5.
Hierzulande zeigt sich ein anderes Bild:
\ Der Dienstleistungssektor fungiert als Zugpferd (53,3 Punkte).
\ Selbst die oft gescholtene Industrie (48,7 Punkte) robbt sich langsam an die Wachstumsschwelle heran und übertrifft die Prognosen.
Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank spricht von einem „guten Start", warnt aber zugleich vor verfrühter Euphorie – die Erholung bleibe „fragil". Dennoch: In einem Umfeld globaler Handelskriege ist dieses Lebenszeichen der deutschen Konjunktur mehr als nur eine Randnotiz. Es liefert dem DAX, der sich heute bei rund 24.850 Punkten hält, das nötige fundamentale Rückgrat.
Japan: Die Ruhe vor dem Zins-Sturm?
Ein Blick nach Fernost ist heute Pflicht, auch wenn er auf den ersten Blick unspektakulär wirkt. Die Bank of Japan (BOJ) hat den Leitzins zwar bei 0,75 Prozent belassen – dem höchsten Stand seit drei Jahrzehnten –, doch unter der Oberfläche bauen sich Spannungen auf.
Gouverneur Kazuo Ueda warnte heute explizit vor einem „rapiden" Anstieg der Anleiherenditen. Die Rendite der 10-jährigen japanischen Staatsanleihen (JGB) erreichte mit 2,38 Prozent ein 27-Jahres-Hoch. Warum ist das für Ihr Depot relevant? Japanische Investoren sind die größten Gläubiger der Welt. Wenn die Renditen in der Heimat attraktiv werden, könnte Kapital massiv aus den USA und Europa zurück nach Tokio fließen.
Der Yen reagierte extrem volatil. Die BOJ steht vor einem klassischen Dilemma: Sie muss die Zinsen normalisieren, ohne den eigenen Anleihemarkt zu destabilisieren. Dass Ueda heute keine klaren Signale für eine baldige Erhöhung gab, ist wohl auch der vorgezogenen Wahl in Japan geschuldet. Für die globalen Märkte bleibt Tokio das Pulverfass, das man nicht ignorieren darf.
Krypto-Rotation und das Gold-Paradoxon
Am Markt für digitale Assets beobachten wir eine interessante Divergenz. Bitcoin tut sich schwer. Seit Wochen scheitert jeder Angriff auf die 100.000-Dollar-Marke; aktuell pendelt der Kurs lustlos im Bereich von 89.000 bis 90.000 US-Dollar. Die On-Chain-Daten von CryptoQuant senden ein Warnsignal: Erstmals seit 2023 realisieren Bitcoin-Inhaber netto Verluste.
Doch das Kapital verschwindet nicht, es rotiert. Wir sehen Abflüsse in riskantere „High Beta"-Assets und neue Layer-2-Projekte wie das aktuell viel diskutierte „Bitcoin Hyper". Traditionelle Anleger hingegen suchen echte Sicherheit – und die heißt im Jahr 2026 weiterhin Gold. Dass das Edelmetall trotz der Entspannung im Grönland-Konflikt weiter Richtung 5.000 Dollar strebt, spricht Bände über das tiefsitzende Misstrauen gegenüber der langfristigen Geldstabilität.
Was das Wochenende bringt
Die Berichtssaison in den USA läuft weiter auf Hochtouren. Nach dem „Intel-Schock" werden Anleger in der kommenden Woche noch genauer prüfen, ob die Tech-Giganten ihre hohen Bewertungen rechtfertigen können. In Europa verdauen wir die Erkenntnis, dass Deutschland vielleicht doch nicht der „kranke Mann" ist, für den ihn viele hielten – zumindest diesen Januar nicht.
Genießen Sie die relative Ruhe an den Märkten. Wie wir in den letzten Tagen gelernt haben, reicht ein einziger Tweet oder eine Rede in Davos, um die Weltkarte neu zu sortieren.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








