Chinas Weckruf, der Stahl-Rausch im Pott und das 2-Milliarden-Finale
Liebe Leserinnen und Leser,
es ist ein Jahresauftakt, der die Schizophrenie der modernen Finanzmärkte kaum präziser illustrieren könnte. Während auf dem Frankfurter Parkett die Stimmungslage am ersten Handelstag des Jahres 2026 zwischen hoffnungsvoll und euphorisch pendelt, herrscht in den realen Einkaufsabteilungen der deutschen Industrie Katerstimmung.
Die Schere zwischen Kurstafel und Werkshalle öffnet sich weiter: Der heimische Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe markierte im Dezember ein 10-Monats-Tief, und auch die Eurozone insgesamt rutschte mit 48,8 Punkten tiefer in den Kontraktionsbereich. Doch wer an der Börse nur in den Rückspiegel schaut, verpasst die Musik. Und die spielt heute Morgen unerwartet laut in Fernost.
Willkommen zum ersten Markt-Update des Jahres 2026.
Der Drache holt Luft – und Duisburg atmet auf
Der entscheidende Impuls für den heutigen Handelstag erreichte uns noch vor dem ersten Kaffee aus China. Der dortige Einkaufsmanagerindex kletterte überraschend auf 50,1 Punkte. Es ist nur ein Zehntelpunkt über der Wachstumsschwelle, aber psychologisch ein Meilenstein: Nach Monaten der Stagnation sendet die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein zartes Signal der Expansion. Die Reaktion in Asien fiel entsprechend deutlich aus: Der Hang Seng legte über 2,5 Prozent zu, Samsung erreichte – getrieben von der KI-Chip-Nachfrage – sogar ein neues Rekordhoch.
Dieser Optimismus schwappte fast ungefiltert nach Deutschland über, traf dort aber interessanterweise nicht primär die Tech-Werte, sondern die oft totgesagte „Old Economy". Thyssenkrupp (+3,5 %) und Salzgitter (+7,8 %) erleben heute einen regelrechten Rausch.
Marktbeobachter sehen hier eine toxische, aber für Aktionäre lukrative Mischung am Werk: Die Hoffnung auf eine durch China getriebene globale Erholung trifft auf Spekulationen über neue EU-Schutzmaßnahmen gegen Billigimporte. Es ist eine Wette darauf, dass 2026 das Jahr der zyklischen Wiederauferstehung wird – völlig ungeachtet der trüben Stimmungsmeldungen aus den NRW-Metallverbänden.
Teslas europäischer Flickenteppich
Ein Blick auf den Technologiesektor zeigt, wie selektiv Anleger im Jahr 2026 vorgehen müssen. Tesla liefert uns heute ein faszinierendes Lehrstück über die Heterogenität des europäischen Marktes. Während die Neuzulassungen im Dezember in Norwegen durch die Decke gingen, brachen sie in Kernmärkten wie Frankreich und Schweden ein. Elon Musk versucht derweil, die Fantasie jenseits der Verkaufszahlen am Köcheln zu halten: Ein neues Patent zur Integration von Starlink in die Fahrzeuge soll das Auto endgültig zum rollenden Rechenzentrum machen.
Dass die Hardware für ebendiese Rechenzentren weiterhin der Goldstandard an den Märkten bleibt, beweist ASML. Die Analysten von Aletheia Capital sorgten heute für Aufsehen, indem sie das Kursziel auf spektakuläre 1.500 US-Dollar verdoppelten. Die Begründung: Ein massiver Anstieg der Nachfrage nach EUV-Lithographie-Systemen. Es scheint, als ob der KI-Zyklus, der das Jahr 2025 dominierte, im neuen Jahr eher in die Breite geht, als an Kraft zu verlieren.
Die jüngsten Entwicklungen bei ASML und Samsung zeigen deutlich, wohin die Reise geht – Halbleiter bleiben das Herzstück der digitalen Revolution. Börsenexperte Bernd Wünsche analysiert in seinem kostenlosen Webinar, welche vier Chip-Aktien jetzt vor einem ähnlich spektakulären Wachstum stehen könnten wie die großen Player der Branche. Er zeigt konkret, warum ein einzelnes Chip-Unternehmen erstmals über 4 Billionen Dollar wert ist und welche kleineren Halbleiter-Spezialisten davon profitieren. Details zur Chip-Aktien-Analyse ansehen
Krypto: Der 2,2-Milliarden-Dollar-Showdown
Wer dachte, der Krypto-Sektor würde nach dem turbulenten Jahresende ruhig starten, sieht sich getäuscht. Bitcoin verharrt zwar seitwärts im Bereich von 88.000 bis 89.000 US-Dollar, doch unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Heute laufen Bitcoin- und Ethereum-Optionen im Wert von 2,2 Milliarden US-Dollar aus. Dies ist der erste große Volatilitätstest des neuen Jahres.
Zur Vorsicht mahnt der Blick auf die institutionellen Geldflüsse: Die Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in den letzten zwei Monaten des Jahres 2025 Rekordabflüsse von über 4,5 Milliarden US-Dollar. Wenn das „Smart Money" den Ausgang sucht, während Kleinanleger auf die magische 100.000-Dollar-Marke hoffen, ist Skepsis angebracht. Passend dazu die Meldung von Ripple: Gestern wurden planmäßig eine Milliarde XRP aus dem Escrow freigegeben – Liquiditätsschwemmen dieser Art werden vom Markt derzeit äußerst nervös beäugt.
Geopolitik: „Locked and loaded"
Während wir auf die Wirtschaftszahlen starren, kehrt die Geopolitik mit Wucht zurück. US-Präsident Trump wählte heute via Truth Social drastische Worte in Richtung Teheran: Die USA seien „locked and loaded", sollte der Iran Gewalt gegen Demonstranten anwenden. Diese Rhetorik erinnert die Märkte schmerzhaft daran, dass die Risikoprämien für Öl und Gold nicht voreilig ausgepreist werden sollten. Der World Gold Council veröffentlichte passend dazu heute seinen Ausblick für 2026, der den Fokus klar auf geopolitische Absicherung legt.
Auch in Berlin wird der Ton rauer: Verteidigungsminister Pistorius und Generalinspekteur Breuer haben heute in einem Tagesbefehl die Truppe auf den neuen Wehrdienst eingeschworen. Es ist kein Zufall, dass Rüstungswerte wie Rheinmetall und Hensoldt in diesem Umfeld weiterhin fest notieren. Sicherheit bleibt auch 2026 ein trauriger, aber verlässlicher Wachstumsmarkt.
Was heute noch wichtig wird
Der Nachmittag gehört den USA. Um 14:45 Uhr GMT (15:45 Uhr unserer Zeit) warten wir auf den finalen US-Einkaufsmanagerindex. Die Prognosen liegen bei 51,8 Punkten – also klar im Wachstumsbereich. Sollten sich diese Daten bestätigen, dürfte Bank of America CEO Brian Moynihan recht behalten, der für 2026 ein US-Wachstum von 2,4 Prozent vorhersagt. Für Europa bedeutet das: Die Schere zur robusten US-Konjunktur könnte sich weiter öffnen.
Quintessenz
Der heutige Freitag lehrt uns eine wichtige Lektion für das Börsenjahr 2026: Lokale Schwäche (deutsche Industrie) schützt vor globalen Gewinnen nicht, solange die Impulse aus China oder den USA stark genug sind. Doch Vorsicht ist geboten – die Märkte preisen derzeit eine perfekte Welt ein, in der geopolitische Spannungen ignoriert und Zinshoffnungen überbewertet werden.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und einen klaren Kopf für die Entscheidungen dieses Jahres.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








