Amerikas Kältestarre, das Wüsten-Tauwetter und der Audi-Schock
Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Sonntage, an denen die Meteorologie die Ökonomie fast zynisch kommentiert. Während wir hierzulande auf den morgigen ifo-Geschäftsklimaindex blicken, halten die Vereinigten Staaten buchstäblich den Atem an – gefroren in der Zeit. Der historische Wintersturm „Fern“ hat weite Teile der Supermacht im Griff.
Doch die Stille täuscht. Während das öffentliche Leben jenseits des Atlantiks auf Eis liegt, heizen sich die Finanzmärkte für die vielleicht wichtigste Woche dieses Quartals auf. Wir stehen vor einer faszinierenden Konstellation: Eine physische Lähmung der US-Infrastruktur trifft auf eine unerwartete geopolitische Tauwetter-Initiative in der Wüste und einen „Showdown der Bilanzen“ im Silicon Valley.
Lassen Sie uns die Zusammenhänge entwirren.
Die Kälte-Ökonomie: Wenn Amerika zittert
Beginnen wir mit dem Unmittelbaren. Seit gestern Abend zieht der Wintersturm „Fern“ eine Spur der Verwüstung durch die Südstaaten. Die Bilder sind drastisch: Über 230.000 Haushalte – vornehmlich in Louisiana, Texas und Mississippi – sind ohne Strom. Für die US-Wirtschaft ist das kein abstraktes Wetterphänomen, sondern ein harter Kostenfaktor.
Mehr als 8.000 Flüge wurden gestrichen, Logistikketten sind unterbrochen. Besonders brisant ist die Lage in Texas, wo das Stromnetz ERCOT erneut auf den Prüfstand gestellt wird. Analysten der Bank of America beobachten bereits einen Preissprung beim Erdgas. Wenn die amerikanische Infrastruktur hustet – oder in diesem Fall zittert –, spüren das die Energiemärkte global. Der Ölpreis zog im Wochenausklang bereits um fast 3 Prozent an, flankiert von neuen US-Sanktionen gegen den Iran. Für europäische Anleger bedeutet das: Die Energiekosten bleiben ein volatiler Unsicherheitsfaktor, getrieben von einer toxischen Mischung aus Wetterextremen und Geopolitik.
Geopolitik: Das unerwartete Tauwetter
Während Amerika friert, könnte das diplomatische Eis in der Wüste schmelzen. Es ist eine Nachricht, die an den Märkten noch gar nicht vollständig eingepreist sein dürfte: Die trilateralen Gespräche zwischen Washington, Moskau und Kiew in Abu Dhabi wurden von US-Sondergesandtem Steve Witkoff am Wochenende als „sehr konstruktiv“ bezeichnet.
Dass diese Gespräche in der kommenden Woche fortgesetzt werden sollen, ist mehr als nur diplomatische Routine. Es ist das erste konkrete Signal seit Langem, dass eine Deeskalation im Ukraine-Konflikt denkbar wird. Selbst der ukrainische Präsident Selenskyj äußerte sich positiv. Sollte sich hier tatsächlich eine Lösung abzeichnen, müssten die geopolitischen Risikoprämien an den europäischen Aktienmärkten radikal neu bewertet werden. Der DAX, der die Woche neutral bis leicht bärisch bei 24.899 Punkten beendete, könnte genau solch einen externen Impuls brauchen, um die zähen Widerstände bei 24.900 Punkten nachhaltig zu knacken.
Die Bilanzen der Giganten
Doch der Blick der Anleger richtet sich ab morgen vor allem auf die Zahlenwerke. Wir nennen es oft „Earnings Season“, aber was uns diese Woche bevorsteht, gleicht eher einem Tsunami. Microsoft, Meta, Tesla (alle am Mittwoch) sowie Apple und Amazon bitten zum Rapport.
Die Erwartungen sind gigantisch, die Fallhöhe ebenso. Besonders bei Apple scheiden sich die Geister: Während Analysten skeptisch bleiben – die UBS hält eisern am „Neutral“-Rating fest –, muss der Konzern beweisen, dass seine Innovationskraft noch trägt. Tesla steht unter ähnlichem Druck, nachdem HSBC-Analysten bereits vor Einbrüchen warnten.
Und als wäre das nicht genug, tagt am Mittwoch die US-Notenbank Fed. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent bleiben, liegt bei 95 Prozent. Die Zinswende pausiert. Viel entscheidender wird jedoch sein, was Fed-Chef Powell zwischen den Zeilen sagt – insbesondere angesichts der robusten US-Wirtschaftsdaten (BIP Q3 +4,4 Prozent) im scharfen Kontrast zur schwächelnden chinesischen Wirtschaft (+4,5 Prozent in Q4, der niedrigste Wert seit Corona).
Warnschuss für die deutsche Industrie
Zurück nach Europa, wo die Realität der neuen US-Handelspolitik erste prominente Opfer fordert. VW-Chef Oliver Blume sprach am Wochenende Klartext: Ein geplantes Audi-Werk in den USA sei unter den aktuellen Zollbedingungen „nicht finanzierbar“. Das ist mehr als eine Absage; es ist ein Warnschuss an die Politik. Wenn Zölle Investitionen verhindern, beginnt die De-Globalisierung, die Bilanzen zu fressen.
Doch es gibt auch Lichtblicke im deutschen Mittelstand, die oft im Lärm der DAX-Konzerne untergehen. Nehmen Sie SNP Schneider-Neureither: Der Software-Anbieter meldete zuletzt vorläufige Rekordzahlen für 2025 mit einem Umsatzplus von 16 Prozent. Seit der Übernahme durch Carlyle ist die Aktie um über 30 Prozent gestiegen. Es zeigt sich einmal mehr: Wer spezialisierte Lösungen für komplexe Probleme – in diesem Fall Datentransformation – bietet, kann sich vom makroökonomischen Gegenwind entkoppeln.
Was bleibt?
Wir gehen in eine Woche der Extreme. Auf der einen Seite die physische Lähmung durch den US-Wintersturm, auf der anderen Seite die extreme Dynamik durch Quartalszahlen und geopolitische Bewegungen.
Achten Sie morgen früh auf den ifo-Geschäftsklimaindex. Er wird uns zeigen, ob die deutsche Wirtschaft die geopolitischen Hoffnungen aus Abu Dhabi bereits teilt oder ob die Zoll-Angst (Stichwort VW) überwiegt. Und behalten Sie den Silberpreis im Auge – der jüngste Sprung über die 100-Dollar-Marke ist ein Signal für die Renaissance der Sachwerte, das man nicht ignorieren sollte.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








